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Geistlicher Impuls für Palmsonntag, 5. April 2020

„Besser ein Mensch stirbt, als dass das ganze Volk umkommt!"

Am Palmsonntag erinnern wir uns an den triumphalen Empfang für Jesus, den ihm die Menschen in Jerusalem bereiten. Sie legen ihre Kleider vor ihm auf den Weg – rollen ihm sozusagen den roten Teppich aus, winken mit Palmblättern und rufen: „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt! Er kommt von Gott!“ Jetzt wird es ernst. In Jerusalem kommt es zum Showdown zwischen alter und neuer, irdischer und himmlischer Macht. Im Johannes-Evangelium wird berichtet, wie die Mächtigen sich beraten. Ihre Angst: Dieser Jesus sorgt für massive Unruhen. Und wenn dann die römische Besatzungsmacht eingreift, kommt es zu einem Gemetzel mit vielen Toten. Der Hohepriester Kaiphas fasst das Ergebnis in einen Satz: „Es ist besser, ein Mensch stirbt für das Volk, als dass das ganze Volk umkommt!“

Dem Evangelisten liegt viel an der zunächst verborgenen Wahrheit dieses Satzes. Denn tatsächlich stirbt Jesus ja für das Volk, ermöglicht durch seinen Tod die Versöhnung mit Gott. Doch in diesen Tagen bleibe ich an der vordergründigen Aussage hängen: „Es ist besser, die Zahl der Opfer möglichst gering zu halten. Lieber nehmen wir einen Toten in Kauf als 100 oder 1000.“ Wenn wir den biblischen Text ernst nehmen, dann versuchen die Mächtigen um Kaiphas verantwortungsvoll zu handeln, den Schaden für das Gemeinwesen zu begrenzen. Nicht gesagt wird, wie schwer ihnen diese Entscheidung gefallen ist.

„Güterabwägung“ heißt so etwas oder „ethisches Dilemma“. Meistens begegnen wir ihm glücklicherweise nur theoretisch, als Gedankenexperiment. Ich erinnere mich an meine Gewissensprüfung für die Kriegsdienstverweigerung: „Würden Sie den Bomber mit 10 Mann Besatzung abschießen, damit er nicht die Stadt mit 100.000 Einwohnern in Schutt und Asche legt?“ Ich bin das wirklich gefragt worden. Aber sowohl mir als auch den Prüfern war irgendwie klar, dass es ein abgekartetes Spiel ist. Ich musste nicht wirklich feuern oder dem Bombenhagel zusehen, ich musste nur möglichst authentisch meine Gewissensnot darstellen.

Anders ist das im Gesundheitswesen, bei Großunfällen und Katastrophen. Sehr bewegt haben mich in diesen Tagen die Interviews mit verzweifelten Ärzten und Pflegekräften in Italien und Frankreich, die angesichts fehlender Beatmungsgeräte täglich vor die Entscheidung gestellt werden, wem wird geholfen – und wem nicht? In so einem Dilemma gibt es keine guten, keine richtigen Entscheidungen. Lasse ich einen Corona-Kranken trotz guter Chancen sterben, nur weil gerade kein Gerät frei ist? Oder klemme ich den Patienten mit mäßiger Prognose ab, weil mir die Behandlung des jüngeren Neuankömmlings vielversprechender erscheint? Das eine ist so furchtbar wie das andere. Wie werden die Verantwortlichen mit den Entscheidungen, die sie treffen mussten, leben können? Werden sie Schuldgefühle entwickeln oder posttraumatische Belastungsstörungen? Hoffentlich bleibt uns das in Deutschland erspart.

Und was kann ich als Theologe dazu sagen? Natürlich ist vor Gott jeder Mensch gleich viel wert. Selbstverständlich gilt seine Liebe allen im selben Maß. Er muss nicht auf die Schwere der Krankheit und auch nicht auf das Alter der Patienten achten. Er kann für alle da sein. Und sollte daraus nicht folgen, dass auch wir Menschen, dass ich, solche Unterscheidungen nicht mache?

Ja und Nein! Die Gleichwertigkeit jeden Menschenlebens muss auch für uns Menschen, muss für mich gelten. Und trotzdem gerate ich in Situationen, in denen ich Unterscheidungen machen muss. Und schlimmstenfalls sind das Entscheidungen über Leben und Tod. Biblisch gesprochen lade ich Schuld auf mich. Und das egal wie ich mich entscheide und selbst wenn ich mich um eine Entscheidung drücke.

Es gibt kein menschliches Leben ohne Schuld – Doch es gibt auch kein menschliches Leben ohne göttliche Vergebung. Auch ohne Gottesdienste feiern wir kommende Woche Ostern: eine neue Welt Gottes ohne Schmerzensschreie, ohne Leid und ohne Tod. Verwegen und trotzig hofft die Kirche auf diese neue Welt, in der die Nächte der Krankheit nicht mehr sein werden. Bis dahin leben wir nicht im Schwarz oder Weiß, sondern im vielfältigen Grau – oder besser noch: in der bunten Vielfalt unserer so schrecklichen und doch so schönen Welt.

 

Pfarrer Thorsten Diesing


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