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Geistlicher Impuls für Karfreitag, 10. April 2020

Ein bisschen erscheint es mir dieses Jahr so wie auf dem Bild von Pieter Bruegel von 1564: Die Kreuztragung Christi (auf das Bild klicken für eine größere Ansicht im eigenen Tab/Fenster).

Pieter Bruegel d. Ä. 007

Ein seltsames Bild. Wo, um Himmel willen, ist auf diesem Bild eigentlich die Passion? Es sieht vielmehr so aus wie diese Wimmelbilder für Kinder: wo man auf den ersten Blick gar nichts erkennt und dann ganz viele kleine Geschichten entdeckt. Händler, vergnügte Hirten, Tagediebe und z.B. die Jungen links oben, die in die Pfützen springen – es hat also gestern geregnet. Forscher haben nachgezählt: über 500 Personen sollen auf diesem Gemälde abgebildet sein. Und da geht die Hauptperson schon mal leicht unter. Wie lange brauchen Sie, um Jesus zu entdecken? Bruegel hat sich viel Mühe gegeben, seine Hauptperson zu verstecken.

 

Anscheinend hatte er keine Lust auf die übliche Ausgestaltung des Motivs. Was hätte sie mit dem eigenen Leben zu tun? In dem man doch schauen muss, selbst irgendwie klarzukommen, die Kinder durchzubringen, Folter, Pest und Unterdrückung zu überleben? Also schaut er sich im eigenen Land um: Flandern ist besetzt und wird von der spanischen Inquisition heimgesucht. Und er holt die Leiden Christi aus der Vergangenheit in die eigene Gegenwart, in eine Zeit der Fremdherrschaft, in der jeder Nichtkatholik auf dem Weg zum Markt von den Rotmänteln willkürlich aufgegriffen, ausgepeitscht und aufs Rad gespannt werden kann, zur Freude der Krähen, die sich mit gewohnter Sorgfalt über die Augen des Opfers hermachen.

 

Überall im Bild kann man die Gewalt, die Willkür erleben. Und überall stehen die Galgen – Zeichen der schnellen Lynchjustiz. So viel Leid in der Welt – Krieg, Hunger, Terror, Armut – und mittendrin: der Gekreuzigte. Gott nimmt Anteil am Elend dieser Welt. Er steht nicht erhaben abseits, sondern ist mittendrin. So dabei, dass er schon fast gar nicht mehr auffällt.

 

Wir feiern Karfreitag. Zusammen mit Ostern der höchste christliche Feiertag. Erinnerung an Leiden und Sterben Jesu. Dieses Ereignis, das die Welt grundlegend verändert hat; dieser Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte. Und doch – in diesem Jahr – anscheinend nur ein Randthema: Wir starren gebannt auf Corona. Die neuesten Infektionszahlen und die bange Frage, wann die Einschränkungen für Privatleben und Wirtschaft wieder gelockert werden können. Ängste und Sorgen um unsere Gesundheit und unsere Zukunft. Welchen Raum hat da die Kreuzigung Jesu?

 

Das ist für mich das Aktuelle an diesem fast 500 Jahre alten Bild. Und das ist für mich der Trost und die Hoffnung, die von diesem fast 2000 Jahre alten Ereignis ausgehen: Gott weiß, wovon ich rede, wenn ich ihm von meinen Ängsten und meinen Sorgen erzähle. Gott versteht, wie es mir jetzt geht in dieser unsicheren Zeit. Gott kennt meine Fragen, denn er selbst steckt mittendrin in dieser Welt – vor 2000 Jahren, vor 500 Jahren und genauso auch heute.

 

Pfarrer Thorsten Diesing


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