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Geistlicher Impuls für Sonntag, 19. April 2020

„Die auf Gott hoffen, bekommen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden.“ (Jes 40,31) Das ist die Quintessenz des Predigttextes für diesen Sonntag, den 19. April 2020. Der Abschnitt aus dem 40. Kapitel des Propheten Jesaja ist ein Mutmachtext aus dem Babylonischen Exil. Der Prophet rüttelt das mutlos gewordene Volk in der Deportation auf, versucht die Zuversicht der Menschen neu zu wecken: „Wisst ihr denn nicht? Hört ihr denn nicht? Ist’s euch nicht von Anfang an verkündigt? Habt ihr’s nicht gelernt von Anbeginn der Erde?“ (Jes 40,21) Gott ist unvergleichlich. Er ist der Schöpfer und der Retter der Welt. Und darum könnt ihr ganz sicher sein, dass er auch jetzt – in dieser Krise – bei euch ist. Wenn ihr auf ihn vertraut, dann habt ihr die nötige Kondition, diese schwierige und womöglich lange Phase der Not durchzustehen. Wenn ihr euch immer wieder auf diesen Grund, auf dieses Fundament besinnt, dann habt ihr die Kraft, die Zukunft neu und gut zu gestalten.

 

Eine Botschaft, die auch wir heute gut gebrauchen können. Denn langsam geht uns die Luft aus. Mittlerweile fällt es niemandem mehr leicht, die Beschränkungen im täglichen Leben zu akzeptieren. Wir wollen und können bald nicht mehr. Und darum haben wir so gespannt darauf gewartet, wie die ersten Lockerungen der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie aussehen würden, wie der Fahrplan für eine „Exit-Strategie“ langsam Gestalt annehmen könnte.

 

Ich weiß nicht, wie es Ihnen damit geht. Ich kann das Grundanliegen der nur sehr vorsichtigen Öffnung gut nachvollziehen. Natürlich gibt es immer Punkte, die willkürlich erscheinen oder sogar willkürlich sind (800 qm), natürlich wird sich manches nur schwer umsetzen lassen und muss womöglich doch noch im Einzelnen anders geregelt werden (Hygienekonzepte in Schulen). Doch insgesamt geben mir die Regelungen das Gefühl, dass wir weiterhin auf dem richtigen Weg sind. Im Moment halte ich die Befürchtungen, wir würden einen Demokratieabbau und den langfristigen Verlust von Freiheitsrechten erleben, für überzogen.

 

Aber nicht einverstanden bin ich mit dem weiterhin bestehenden grundsätzlichen Verbot von Gottesdiensten und anderen religiösen Feiern. Ich sehe ein, dass beim gemeinsamen Singen der mögliche Virenausstoß deutlich größer sein könnte als beim eher stillen Einkauf im Baumarkt. Trotzdem kann ich das Signal nicht akzeptieren, dass ein Autohaus „systemrelevanter“ erscheint als eine Kirche oder Moschee.

 

Im letzten Spiegel konnten wir wieder von den schon längst bekannten Untersuchungen lesen, dass gläubige Menschen tatsächlich besser durch Krisensituationen kommen, ganz im Sinne der Jesaja Botschaft. Nur brauchen eben auch gläubige Menschen die Erinnerung an diese Vertrauensbasis – auch das ganz genau so, wie bei Jesaja beschrieben – und die funktioniert eben auf Dauer nicht allein im stillen Kämmerlein, sondern braucht die Gemeinschaft in der gottesdienstlichen Versammlung.

 

Natürlich werden wir unsere Gottesdienste und besonders das Abendmahl in naher Zukunft nicht einfach wie bisher feiern können; selbstverständlich werden wir auf größere Events verzichten. Doch dass Geschäften und Schulen mit konkreten Daten in Aussicht gestellt wird, wieder öffnen zu können, wenn entsprechende Hygienekonzepte vorliegen, bei Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften aber ein anderer Weg gewählt wird, irritiert mich zutiefst.

 

Vielmehr hätte ich erwartet, dass gerade an Kirchen, Moscheevereine und Synagogengemeinden der deutliche Wunsch gerichtet worden wäre: Bitte, erarbeitet dringend entsprechende Konzepte, mit denen ihr die Ansteckungsgefahr bei euren Versammlungen minimieren könnt, damit ihr möglichst schnell wieder „dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Schwachen“ (Jes 40,29) geben könnt.

 

Gleiches gilt natürlich auch für den Bereich der Kultur – ganz weit gefasst.

Eine Diskussion über das, was „systemrelevant“ ist und in einer künftigen Gesellschaft „systemrelevant“ sein soll, ist dringend erforderlich. Doch am besten verabschieden wir dieses neue und unschöne Wort gleich wieder und sprechen von „lebensnotwendig“ oder „überlebensnotwendig“ und erinnern gleichzeitig an Jesu Wort: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“

 

Thorsten Diesing


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