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Geistlicher Impuls für Sonntag, 26. April 2020

Mit Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ und dem Wochenspruch aus Johannes 10 ist der Gute Hirte das Leitmotiv für diesen Sonntag: „Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.“

 

Das Bild vom guten Hirten berührt menschliche Grundgefühle, die bis in Kindheitswelten zurückführen: Da ist eine, die mich beschützt, die mich versorgt; da ist einer, dem ich Vertrauen kann, der mich nicht im Stich lässt. Als tiefe Sehnsucht spüren wir das auch als Erwachsene. Gerade weil wir aus Erfahrung wissen, was es heißt, sich verloren zu fühlen in der Welt, sich zu verirren im Gestrüpp des Lebens. Besonders in Krisenzeiten wünscht man sich dann die Rückkehr in die Arme des guten Hirten / der guten Hirtin: da ist jemand, der mich zurückbringt und alles wieder gut macht.

 

Doch das Bild ist ambivalent. Die Beziehung von Hirt und Herde beruht auf persönlichem Vertrauen, Fürsorge – und Macht. Sie kann deshalb auch bitter enttäuscht werden. Es gibt den Wolf nicht nur im Schafspelz, sondern auch im Hirtengewand. Und es gibt auch die Hirtin, die Schutz gewährt, indem sie die ihr Anvertrauten einpfercht. Die gute Hirtin hütet ihr Schafe, sie bindet sie aber nicht fest.

 

Und wir wollen frei sein. Wir treffen wichtige Entscheidungen für unser Leben selbst und übernehmen Verantwortung. Lammfromm wollen wir nicht sein; kein dummes Schaf und keine blökende Herde.

 

Ein Wort, das bis vor kurzem kaum einer gekannt hat, regt zur Aktualisierung dieser archetypischen Motive an: Herdenimmunität. Damit ist gemeint, dass dem Virus die Weiterverbreitung dadurch erschwert wird, dass die meisten Kontakte, die ein Infizierter hat, schon gegen das Virus immun sind. Die Reproduktionszahl R ließe sich auf diesem Weg – so die Überlegung - genauso senken, wie durch die in der gegenwärtigen Situation gewählte Strategie der Kontaktvermeidung durch Freiheitsbeschränkungen. Die Frage stellt sich also: Was soll der Hirte tun, der doch das Wohl der Herde im Blick hat? Und folgt die Herde weiterhin seinen Entscheidungen?

 

Die aktuellen Diskussionen über eine Lockerung der Kontaktbeschränkungen kann man sehr viel besser auf dem Hintergrund dieser urmenschlichen Grundgefühle verstehen: Ich wünsche mir die Sicherheit eines Guten Hirten, der alles für mich regelt; und gleichzeitig kämpfe ich für meine Freiheit, die Möglichkeit zur Selbstentfaltung.

 

Im 1. Petrusbrief (5,1-4) werden die Presbyter (damals gab es wohl noch keine Presbyterinnen) ermahnt, im Sinne Jesu gute Hirten für die Gemeinde zu sein. Wie sollen sie also demnächst entscheiden, wenn vom aktuellen Erzhirten, der Politik, eine Wiederaufnahme der Gottesdienste unter Auflagen erlaubt wird?

 

Wollen wir die Rolle annehmen und vorgeben zu wissen, was das Beste für die uns anvertraute Herde ist? Und in welchem Sinn würden wir dann entscheiden? Ist es klug, gerade die Menschen – und das sind die Mehrzahl unserer GottesdienstbesucherInnen – einzuladen, denen wir auf der anderen Seite Hilfe bei Einkäufen und Besorgungen anbieten, damit sie geschützt bleiben? Oder ist es geboten, endlich wieder das gemeinsame Hören auf das Wort des wahren Guten Hirten zu ermöglichen, weil wir wissen „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein!“? Ich weiß es nicht.

 

Vielleicht können wir es uns leisten, aus der Regression in kindliche Verhaltensmuster auszubrechen, und es wirklich dem souveränen Ich überlassen, sich verantwortungsvoll selbst zu entscheiden. Das würde aber bedeuten, nicht nur die Sehnsucht nach einem Guten Hirten in der Politik zu verabschieden, sondern genauso das pubertäre Gehabe um absolute Selbstbestimmung hinter uns zu lassen. Wir müssen anerkennen, dass wir uns nicht selbst in der Hand haben. Und gleichzeitig müssen wir im Rahmen unserer menschlichen Möglichkeiten versuchen, den besten Weg durchs Leben zu finden. Dabei können wir aber darauf vertrauen, dass Gott, der gute Hirte, es gut mit uns meint: „Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln!“

 

Thorsten Diesing


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