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Predigt für Sonntag, den 3. Mai - JUBILATE (3. Sonntag nach Ostern)

Predigttext: Joh 15,1-8

 

Liebe Gemeinde,

 

in einer irgendwie „unwirklichen Zeit“ leben wir momentan. Völlig Selbstverständliches wie das Händeschütteln oder eine Umarmung zu Begrüßung und Abschied fällt weg. Im Kopf taxieren wir genau den Abstand zu unseren Mitmenschen und sehen in persönlichen Begegnungen ein Risiko, das wir eingehen oder unterlassen sollten. Auf der Straße erkennen wir einander kaum noch hinter dem Mundschutz.

 

Zu diesen merkwürdigen Alltagseinschränkungen kommen wirklich ernsthafte Sorgen: Um Angehörige und Freunde in den „systemrelevanten Berufen“, zu deren Arbeit es oftmals gehört, sich dem Risiko einer Ansteckung auszusetzen. Und ebenso die Sorgen um Menschen in momentan „nicht systemrelevanten Berufen“, Angestellten, Selbständigen und Unternehmern, denen zurzeit der finanzielle Boden komplett unter den Füßen wegbricht.

 

Wie lange kann man überleben mit Angespartem, mit Kurzarbeit, Finanzspritzen und Krediten? Wie lange dauert das alles bloß noch, und wie sieht unsere persönliche, gesellschaftliche, wirtschaftliche und soziale Situation aus, wenn dieser Tsunami Corona über uns hinweggezogen ist?  Wie lange verkraften Kinder die zunehmend angespannte Situation zuhause, die geschlossenen Kitas, Schulen, Spielplätze und Jugendeinrichtungen? Was für eine seltsame Erfahrung auch schon für die Kleinsten, die freudestrahlend auf Oma und Opa oder die Nachbarn zulaufen, und in scharfem Ton zurückgepfiffen werden.

 

Durch den Kopf schwirren mir auch die Menschen in den schwer betroffenen USA, die sich bewaffnen für den Fall von Plünderungen und blankem Überlebenskampf. Menschen in den vielen Ländern dieser Erde, die ohne soziales Netz und Krankenversicherung diese Krise bewältigen müssen. Menschen in den überfüllten Flüchtlingscamps.  Nichts, gar nichts scheint mehr selbstverständlich, alles ist durcheinandergewirbelt in unseren Köpfen.

 

Und mitten drin der Sonntag Jubilate: „Jauchzet Gott, alle Lande!“ so heißt es im Psalm 66 für diesen Sonntag. Und - selbst wenn uns der Sinn danach steht - nicht einmal dies können wir so einfach tun, zumindest nicht in der vertrauten Gemeinschaft in unserer Kirche. Über die behutsame Wiederaufnahme von Gottesdiensten wird unser Presbyterium in den kommenden Wochen entscheiden müssen. Gott loben mit Gesang wird wohl erst einmal gar nicht möglich sein.

 

Aber an zwei Vormittagen in der Woche, Montag und Donnerstag von 9.30-12.00 Uhr, steht die Christuskirche in Hangelar allen für das persönliche Gebet offen. Ebenso die Pauluskirche in Sankt Augustin jeden Sonntag von 9.30 - 12.00 Uhr. So können wir mit unseren schwirrenden Köpfen, unseren Ängsten und Sorgen und all der Unsicherheit dieser Tage ein wenig Ruhe finden und Kraft schöpfen aus der Wurzel unseres Glaubens.

 

Gott, Schöpfer des Himmels und der Erden,

zu dir rufen wir in dieser Zeit.

Zu dir kommen wir erfüllt von Sorge um so viele Menschen,

Menschen in der Nähe und in der Ferne.

Lass uns, Gott, nicht allein in dieser Krise.

Bewahre alle, um die wir uns sorgen.

Wenn alles wankt, dann sei du da.

Wenn die Zukunft im Dunkeln liegt,

dann lass leuchten das Osterlicht deiner Auferstehung.

Wenn uns der Kopf schwirrt,

dann schenke uns Ruhe und Besonnenheit,

Menschlichkeit und Zuversicht in dieser Zeit.

Amen.

 

Eine Quelle der Kraft eröffnet uns der Predigttext für den heutigen Sonntag Jubilate.

Jesus nimmt Abschied von seinen Jüngern. Der vertraute Boden unter ihren Füßen gerät ins Wanken. Bei ihm fühlten sie sich sicher. Er stillte den Sturm. Er wies ihnen die Richtung. Er half ihnen wieder auf, wenn sie versagten. Nun endet alles Gewohnte und die Zukunft liegt in Dunkelheit. So wie es war, wird es nie mehr werden.

 

Und doch wird es nach Jesu Tod weitergehen, anders weitergehen, nicht mehr in physischer Verbundenheit, aber doch in der tiefen Verbundenheit des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Und dieser Weinstock wird Früchte tragen, gerade da, wo alles verloren schien. „Bleibt in mir und ich in euch“, spricht Jesus, als er geht und verspricht ihnen die Fülle des Lebens inmitten dieser Krise auf Leben und Tod:

 

Predigttext: Johannes 15,1–8

Der wahre Weinstock

1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. 2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. 3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. 4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. 5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. 7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. 8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

 

Vom Wegnehmen und Wegwerfen der trockenen Rebzweige ist im Predigttext die Rede. So wie nun viele staunend mit ein wenig Zeit in randvollen Kellern und Schuppen zum Stehen kommen. Was davon brauchen wir eigentlich wirklich? Aber auch die weitergehende Frage keimt auf in einer Zeit des Abbruchs des Gewohnten: Wenn alles unsicher ist, was hat Bestand, was muss vergehen, was war und ist eigentlich gar nicht der Mühe wert?

 

Zeit auch zum Nachdenken, dass doch eigentlich gar nichts selbstverständlich ist. Nicht das Wirtschaftswachstum, nicht dass unsere Läden gut gefüllt sind, nicht dass unsere Kranken versorgt werden und auch nicht, dass andere Menschen uns in den Arm nehmen und noch nicht einmal, dass es regnet und die Ernte gesichert ist. 

Und doch - wir dürfen leben - ein bisschen mehr wie die Lilien auf dem Felde als früher - und ein bisschen mehr als große Schicksalsgemeinschaft - hinter Mundschutz und Plexiglas in dem einen großen Corona-Boot.

 

Und mittendrin in diesem ganzen Chaos, da gibt es Lachen und Weinen, Humor und Solidarität und manchmal auch eine erstaunliche Gelassenheit trotz großer existentieller Sorgen und trotz allem auch Anlass zu Dank und Lob an diesem Sonntag Jubilate. Der wunderschöne warme Frühling, die Vögel lauter als je zuvor, das Unterwegs sein in der Natur, für manche auch die verlorengeglaubte und zurückgewonnene Zeit.

 

Und mittendrin in diesem Chaos, da steht dieser Weinstock als Quelle der Kraft, als eine Oase zum Auftanken: In Wort und Tat in Christus bleiben, das bringt gute Frucht zu jeder Zeit: Dankbarkeit für das geschenkte Leben, ein Loblied mitten in der Krise, unzählige Zeichen der Solidarität und Mitmenschlichkeit, ein kreativer Gruß und ein freundlicher Anruf - gespeist aus einer tiefen Zuversicht: Was immer auch kommen mag - nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes, die Christus Jesus ist, unserem Herrn. Amen.

 

Pfarrerin Angelika Hagena


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