Gottesdienst in unserer Gemeinde » Archiv: Geistliche Impulse » 

Geistlicher Impuls für Sonntag, 10. Mai 2020

Kantate heißt der Sonntag (10.5.20) im Kirchenjahr. Psalm 98 beginnt: „Singt Gott, dem Herrn, ein neues Lied!“. Auf Lateinisch: Kantate = Singt!

 

Das Singen, das Loben Gottes mit unserer Stimme und mit Musik, gehört von je her zu unserem Glauben dazu. Psalm 98 ist mindestens 2500 Jahre alt – vielleicht sogar schon 3000 Jahre. Und die Psalmen wurden damals im Gottesdienst gesungen.

 

Das Singen ist in unseren Gottesdiensten elementar wichtig. Denn im Singen wird eine tiefere Dimension angerührt als im Hören, Sprechen und Denken. Beim Singen sind wir nicht nur mit den Ohren und mit dem Verstand, sondern mit dem Mund, dem Atem, mit dem ganzen Körper beteiligt. Musik ergreift uns ganzheitlicher als es das gesprochene Wort kann. Nicht von ungefähr bekommen wir bei Liedern viel häufiger Tränen in die Augen, als beim Lesen eines Textes.

 

Als wichtige Hoffnungssignale vom Beginn der Corona-Zeit bleiben uns die singenden Italiener*innen auf den Balkonen in Erinnerung und die Musik-Aktionen weltweit im Internet und auch bei uns. Und sei es auch das Steigerlied gesungen überall im Ruhrgebiet.

 

Doch es ist still geworden. Nicht nur auf den Balkonen. Wenn wir über die Wiederaufnahme der Gottesdienste nachdenken und diskutieren, dann ist das Singen einer der Problempunkte geworden. Wissenschaftliche Untersuchungen haben das gemeinschaftliche Singen als ein Hauptrisiko für die Übertragung des Virus ausgemacht. Viel weiter wird es dabei in die Umgebungsluft geschleudert als beispielsweise bei Blasinstrumenten, wo das meiste der Virenlast schon am Blech des Instruments kondensiert.

 

Wie die Gottesdienste, die wir hoffentlich bald wieder feiern, emotional wirken werden, wenn wir leise hinter der Maske mitsummen, mag ich mir eigentlich gar nicht vorstellen. Es wird jedenfalls etwas fehlen, und es wird schwieriger werden, die Freude über Gott, über seine Verheißungen und seinen Trost für unser Leben auszudrücken und weiterzugeben. „Singt dem Herrn ein neues Lied!“ Das würden wir doch jetzt sogar noch dringender brauchen als in normalen Zeiten. Es könnte ein Anstoß werden, wieder mit Zuversicht nach vorne zu blicken.

 

Wenn man sich anguckt, wann in der Bibel gesungen wird und warum – und es sind viele Geschichten, die vom Singen handeln – dann macht man eine aufregende Entdeckung: alle diese Lieder sind Lebenslieder! Lieder zum Leben!

 

Da singt Mirjam, die Schwester Mose, als für das Volk Israel neues Leben möglich wird – Leben in Freiheit nach dem Auszug aus Ägypten. Sie schlug die Pauke und sang mit den anderen Frauen: Lasst uns dem Herrn singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt. (2. Mose 15)

 

Da singt die andere Mirjam, Maria, die Frau von Josef, als sie neues Leben in sich trägt, das neue Leben für unsere Welt: Jesus Christus. „Meine Seele erhebt den Herrn“ singt sie „und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilands, denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.“ (Lukas 1,47ff)

Singt dem Herrn neue Lieder vom Leben. Lobt ihn, dass er Leben schenkt.

 

David singt vor dem alten König Saul, und da wird ausdrücklich gesagt, warum er singt: Um die bösen Geister zu vertreiben! Um die Verzweiflung, die Dunkelheit in der Saul gefangen ist, zu durchbrechen. (1. Samuel 16,23)

 

All diese biblischen Lebenslieder sind keine Heile-Welt-Lieder! Lebenslieder sind sie gerade, weil sie die Verzweiflung kennen, weil sie sie ausdrücken können:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ dichtet David im 22.Psalm. Und mit diesem Lied auf den Lippen stirbt Jesus am Kreuz.

 

Und all diese Lieder – gesungen in der Not; von den drei Jünglingen im Feuerofen (Daniel 3) angefangen bis zu Paulus und Silas im Gefängnis (Apostelgeschichte 16), sind Loblieder auf Gott. Gesungen im Vertrauen darauf, dass er Leben schaffen kann, wo wir nur noch Tod sehen können. Gesungen auch in der Gewissheit, dass schon das Singen selbst Kraft gibt und Hoffnung. Das macht diese Lieder vielleicht noch eindrücklicher als die großen Lobgesänge, die strahlenden Hallelujas!

Singt dem Herrn ein neues Lied! Trotz Tod und Trauer! Gegen Unterdrückung und Krieg! Singt gerade wegen Schmerz und Ohnmachtsgefühlen.

 

Lebenslieder kennen das ganze Leben

Das Frei-Durchatmen – wo käme das sinnlicher zum Ausdruck als dann, wenn wir singen?

Die Zerbrechlichkeit des Lebens – wo käme sie sinnlicher zum Ausdruck, als wenn ein Ton langsam in der Stille des Raumes verklingt? Und jede Melodie weist über sich selbst hinaus. Und erzählt so davon, dass dort, wo unser Weg zu Ende ist, Gott auf uns wartet.

 

Suchen wir also nach Möglichkeiten, wie wir auch in Corona-Zeiten singen können. Arbeiten wir an neuen Hoffnungsliedern. Und hoffen wir darauf, dass wir bald wieder in ein großartiges Lob Gottes einstimmen können. Aus voller Kehle und mit ganzem Herzen.

 

Pfarrer Thorsten Diesing


Diese Website verwendet Cookies. Wenn Sie die Webseite weiterhin nutzen, gehen wir von Ihrem Einverständnis aus. Mehr erfahren