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Geistlicher Impuls für Sonntag, 17. Mai - Rogate

- 5. Sonntag nach Ostern  -
Nachdem es letzte Woche ums Singen ging, ist heute eine noch bedeutendere Ausdrucksform unseres Glaubens Thema des Sonntags: Das Beten.

Häufig werden wir in der Bibel aufgefordert zu beten.

Hier der entsprechende Abschnitt aus dem Jakobusbrief:

 

Leidet jemand von euch? Dann bete er!
Ist jemand glücklich? Dann singe er Loblieder!
Ist jemand von euch krank? Dann bitte er die Ältesten der Gemeinde zu sich,
damit sie für ihn beten.
Ihr Gebet, im Glauben gesprochen, wird dem Kranken Rettung bringen;
der Herr wird ihn seine Hilfe erfahren lassen.
Betet also füreinander, damit ihr gesund werdet.
Das Gebet eines Menschen, der ernsthaft auf Gott vertraut, ist wirkungsvoll
und bringt viel zustande.

 

So einfach, so klar, so selbstverständlich:

Wer leidet (der Text spielt das am Beispiel Krankheit durch), der soll beten!

 

Aber wenn wir krank sind, brauchen wir dann nicht doch noch etwas anderes?
Hier sind wir heute weit weg von der Situation der Christengemeinde der zweiten Generation. Sicher, an jedem Sonntag gedenken wir im Fürbittgebet der Kranken, der Schwachen, der Sterbenden und nehmen sie mit hinein in unsere Bitten an Gott. Aber wir wissen auch, dass diese Kranken im Krankenhaus gut versorgt sind. Wir trauen der modernen Medizin viel zu – aus guten Gründen. Mit einer kaputten Hüfte, mit Rheuma, mit Zucker, mit Zahnschmerzen gehen wir – zu Recht - lieber zum Arzt als zu einem Presbyter.

 

Was hilft also beten? – oder: Hilft es überhaupt?
Ich denke an den Spruch: „Da hilft nur noch beten!“ Der bedeutet doch eigentlich, dass der Fall hoffnungslos ist, dass keinerlei Aussicht mehr auf Besserung besteht. Das heißt doch eigentlich, dass man auch vom Beten nicht wirklich etwas erwartet. Gut, es könnte ein Wunder geschehen. Es geschehen immer wieder mal unerklärbare Heilungen. Aber: die bleiben unerklärt. Niemand wird ernsthaft versuchen nachzuweisen, dass hier das Beten geholfen hat.

 

Oder doch? Es gibt tatsächlich wissenschaftliche Studien, die ergeben haben, dass Menschen, die an Gott glauben und regelmäßig beten, gesünder sind und besser mit schweren Krankheiten fertig werden, als Menschen, die das nicht tun. Ich schlage deshalb vor, wir sollten es ruhig ausprobieren mit dem Gebet. Es wenigstens als begleitende Maßnahme zu allen Arztbesuchen mal versuchen.

 

Oder haben wir damit zu viele schlechte Erfahrungen gemacht?
Ich höre es oft: „Herr Pfarrer, was habe ich gebetet und gebetet, und das Geschwür ist nicht weggegangen, mein Auge ist nicht besser geworden, mein Mann ist trotzdem gestorben!“. Warum also dann noch beten?

 

Was kann ich da sagen? Kann ich in solch einem Gespräch mit Jakobus kommen? „Das Gebet eines Menschen, der ernsthaft auf Gott vertraut, ist wirkungsvoll
und bringt viel zustande.“
 Das, was Jakobus so selbstgewiss sagt, klingt mir auf dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrung doch unrealistisch, ja hochmütig. Zumindest dann, wenn es auf die Erfüllung unserer Gebetswünsche ausgerichtet ist, gerade an einem Krankenbett.

 

Mit geweint, habe ich. Mit geklagt. Stumm und ratlos habe ich am Bett gesessen, wenn eine junge Frau mit noch kleinen Kindern gerade von ihrer hoffnungslosen Diagnose erfahren hatte. Und habe auch keine Antwort gehabt, wenn sie mit Gott verhandelt, ihn angeklagt und zur Rechenschaft gezogen hat.

 

Was also hilft beten?
Ich habe gelernt, dass es keine einfache Antwort gibt. Dass jede glaubensgewisse Antwort, wenn sie anderen übergestülpt wird, unrichtig ist; nicht weiterhilft; ja: mehr kaputt macht als aufbaut.

 

Ich habe aber auch gelernt, wie oft Beten tatsächlich hilft.
Ich habe es selbst erlebt, wie ruhig und gefasst Menschen wurden, weil wir im Gebet gespürt haben, dass auch dieses sterbende, vergehende Leben in einem umfassenden Sinn aufgehoben ist. Dass dieser vom Krebs zerstörte Körper nicht die letzte Wahrheit über das Leben ist. Dass sich im Gebet eine neue Wirklichkeit auftat, und wir ruhig und gelassen wurden.

 

Insofern hat das Gebet tatsächlich viel bewirkt. Zu uns selbst haben wir gefunden in unserem Klagen und Beten – und so zu Gott. Und, so gesehen, kann ich Jakobus dann doch zustimmen.

 

Nur ist Gott eben kein Automat: ich werfe ein Gebet ein, und mechanisch kommt das von mir gewünschte Produkt, die Heilung, raus. Solches Beten nimmt Gott nicht ernst. Solches Beten rechnet auf und vertraut damit gerade nicht darauf, dass der allmächtige Gott uns barmherzig und gütig sein will.

 

Ja, vielleicht ist das das Entscheidende: eben im Gebet die Kraft und Gewissheit zu finden, dass Gott es ganz bestimmt mit meinem Leben gut machen wird, sei es in Krankheit oder Gesundheit. Vielleicht ist das das Entscheidende: im Gebet die feste Gewissheit zu finden, dass Gottes Barmherzigkeit und Güte bis in Ewigkeit viel größer ist als alles, was ich in meinem Leben erlebt habe. Wer das erfährt, der kann trotz allen Leides guten Mutes sein und Loblieder singen.

 

Denn schauen Sie noch einmal, was Jakobus dem Leiden, der Krankheit gegenüberstellt: Glück!


Leidet jemand von euch? Dann bete er! Ist jemand glücklich? Dann singe er Loblieder!
Eben nicht, wie wir es gewohnt sind! Das Gegenteil von Leiden (oder Kranksein) ist in der Bibel nicht Gesundheit, sondern Glück. Nicht „Hauptsache gesund“, sondern „Hauptsache glücklich“, würde Jakobus sagen.

 

Kann das gehen? Kann man schwerstkrank und trotzdem glücklich sein? Das ist eine schwierige Aufgabe – gewiss. Aber es verschiebt doch die Problematik des Betens ganz eindeutig: Beten macht nicht immer gesund! – da brauchen wir uns nichts vorzumachen! Aber: ernsthaftes Beten kann glücklich machen!

 

Es kann glücklich machen, wenn im Gebet die neue Wirklichkeit aufscheint; wenn wir uns dann getragen fühlen durch Gott; wenn wir voller Vertrauen alles in seine Hand legen.

 

„Das Gebet eines Menschen, der ernsthaft auf Gott vertraut, ist wirkungsvoll
und bringt viel zustande.“
 Ja, so ist es. So kann es sein.
Gott möge uns helfen, wenn wir nicht wissen, was wir beten sollen. Amen

 

Pfarrer Thorsten Diesing


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