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Lesepredigt zum Sonntag Exaudi, 24. Mai 2020

Predigttext: Jeremia 31,31-34 Der neue Bund

 

Liebe Gemeinde,

 

„Wissen Sie, wir haben doch schon den Krieg und die Nachkriegszeit erlebt, irgendwie durchkommen in Krisenzeiten, das kennen wir doch. Da machen Sie sich mal keine Sorgen um uns. Damals war das doch alles noch viel schwieriger.“

So ähnlich höre ich es jetzt öfter, wenn ich mit Gemeindegliedern der älteren Generation telefoniere. Da spüre ich viel Geduld und Ruhe und auch Gottvertrauen in dieser „Risikogruppe“, die schon einmal eine Extremsituation bewältigt hat: auferstehen aus Ruinen.

 

Der Prophet Jeremia spricht im heutigen Predigttext zu Menschen, die dies noch vor sich haben, die noch mitten in den Ruinen stehen.

Im Roman von Franz Werfel, „Jeremia“, geht dieser Prophet durch einen Haufen Steine und Trümmer. Das Land ist von den Babyloniern verwüstet, die Stadt Jerusalem eingenommen und auch ihn wird man bald wegführen in die Fremde. Ein letztes Mal kehrt Jeremia zurück und will den Tempel in Jerusalem sehen. Trauernd läuft er über Schutt und Asche, über den Ort, an dem sie Gott verehrten, den Ort, an dem die Tafeln mit den 10 Geboten im Allerheiligsten des Tempels bewahrt sein sollten für alle Zeit. Verkohlte Balken, zerborstene Steine, gähnende Leere, eine Wüste aus Staub, ein Bild für gescheitertes, verlorenes Leben, Zeichen ungesühnter Schuld. An diesem Ort des Entsetzens bleibt Jeremia stehen. Er sieht etwas im Staub liegen, bückt sich und hält eine Scherbe der zerborstenen Gesetzestafeln in der Hand. Hebräische Buchstaben sind in sie eingeritzt. Nur 3 Worte sind auf der Scherbe vom Sinai noch lesbar: „Damit du lebst“. Egal, wohin ihn von nun an seine Wege führen, diese Scherbe trägt Jeremia in seinem Gewand nah an seinem Herzen. „Damit du lebst“. Und zwischen den düsteren Worten von Schuld und drohendem Untergang, die die Prophetie des Jeremia kennzeichnen, entsteht das sogenannte Trostbüchlein des Jeremia. Aus ihm ist der Predigttext für den heutigen Sonntag Exaudi entnommen:

 

 

Jeremia 31,31-34 Der neue Bund

31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, 32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; 33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. 34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

 

 

So wie auch andere Propheten im Exil, sehen wir Jeremia, wie er sich liebevoll mit einem Trostwort von Gott seinem Volk zuwendet. Er berührt ihr Herz so, dass es schlägt: „damit du lebst“. Gott will, dass es weitergeht, irgendwie neu, irgendwie anders. Wie genau es werden wird, weiß keiner, aber ihr lebt und ihr sollt leben. Bei Trauerfeiern, wenn wir am offenen Grab stehen, finde ich dieses Wort für die Hinterbliebenen besonders wichtig, das Auferstehungswort Jesu Christi: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“  Mit diesem Wort berührte Jesus, als er seine Jünger verließ, ihr Herz, dass es nach Christi Himmelfahrt weiterschlagen konnte.

 

Und auch wir können mit Worten Herzen berühren. In Krisensituation heißt das meist: einfach in Ruhe erzählen lassen, zuhören, da sein und nahe bleiben. Solche besonderen Gespräche, die sogar zum Wendepunkt in einer Lebenskrise werden können, bleiben uns lange in Erinnerung: „Damals nach dem Krieg, da sagte mein Großvater zu mir: ...“ „Ich werde nie vergessen, als ich meiner Mutter das alles gebeichtet hatte, wie sie mich wortlos in den Arm nahm.“ In solchen Momenten schlagen zwei Herzen im Gleichklang. Ein solches Gespräch ist nicht planbar, es kommt immer überraschend. Menschen sprechen aus dem Herzen heraus und lassen in ihr Herz schauen.

 

Solche geschenkten Momente vermisst Jeremia in der Beziehung zwischen Gott und Volk. Schweigen hatte sich breit gemacht, Gespräche und Gebete waren verstummt, die Beziehung schien gescheitert, keiner mehr wollte hören und keiner bat mehr Gott zu hören.

 

„Exaudi“, „höre meine Stimme, Gott“, so bittet der Psalmbeter in Psalm 27, der dem heutigen Sonntag seinen Namen gegeben hat. „Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe!“ Schenke mir doch einen solchen vertrauten Moment zwischen mir und dir, Gott, in dem du mein Herz so berührst, dass ich einfach weiß, dass du für mich da bist und das Leben in Fülle für mich willst. Dann wird mich keiner mehr lehren oder ermahnen müssen. Es wird keine religiöse Pflicht mehr geben für mich, weil ich dich, Gott, ganz und gar in meinem Herzen bei mir trage. Ich werde einfach wissen, es ist jetzt alles gut und vergeben und voller Freude werde ich auf deinem Weg gehen.

 

So nahe werdet ihr Gott sein, verheißt es Jeremia seinem Volk Israel. Und solche Nähe zwischen Gott und Mensch verheißt Jesus seinen Jüngern in seinem Geist und im Teilen von Brot und Wein. Und so erlebt es auch der Beter am Ende von Psalm 27, als neue Zuversicht sein Herz erfasst: „Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen!“

Amen.

 

 Fürbittgebet

 

In der Gewissheit, dass Gottes Bund mit uns nie zerbricht rufen wir zu Gott und bitten ihn:

 

Für alle, die Gemeinschaft und Nähe schmerzlich vermissen in diesen Tagen.

Für alle, die neben der äußeren Krise auch in einer persönlichen Lebenskrise sind.

Für diejenigen unter uns, die tief im Herzen verletzt worden sind,

dass sie tröstende Worte hören und Heilung erfahren.

Für diejenigen, die an ihrem Glauben zweifeln.

 

Gott des Lebens,

wir suchen nach Wegen aus der Krise - hilf uns und allen, die nun besondere Verantwortung tragen.

Sprich zu uns, damit wir leben,

sprich zu uns, damit wir glauben, hoffen und lieben.

Denn du bist da, mal verborgen und mal offenbar.

 

So führe und leite uns, heute und alle Tage.

 

Vaterunser

Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.

Amen.                                                                                                

 

Pfarrerin Angelika Hagena


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