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Geistlicher Impuls für Sonntag, 14. Juni 2020

... von Pfarrer Thorsten Diesing

 

„Die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.“ (Apg 4,32) Paradiesische Zustände schildert uns die Bibel aus der ersten christlichen Gemeinde im Predigttext für Sonntag, den 14.6.2020: Das «Wir» wird groß geschrieben, das «Ich» klein. Wenn jemand in Not gerät, ist es für die Gemeinde selbstverständlich, diese Not aufzufangen. Dafür werden Äcker oder Häuser verkauft. Und dies, so behauptet Lukas, nicht wegen einer entsprechenden Verordnung von oben, auch nicht aus irgendeinem subtilen Gruppenzwang heraus, sondern aus freien Stücken, zutiefst inspiriert von der Ethik Jesu und erfüllt von Heiligen Geist.


Was macht diese Beschreibung des urchristlichen Ideals mit Ihnen? Oder soll ich gleich drastischer formulieren: Wie zeigt sich bei Ihnen die Distanzierung, der Widerstand? „Unglaublich naiv! Die Geschichte hat doch gezeigt, dass so ein sozialistisches Gehabe nicht funktioniert! Theoretisch denkbar, ja wünschbar, aber der Mensch ist dazu schlicht und einfach nicht fähig. Unser ganzes Wirtschaftssystem würde mit diesem träumerischen Verhalten innerhalb kürzester Zeit kollabieren.“


Und ein bisschen haben Sie damit ja Recht. Auch das urchristliche Sozialexperiment ist de facto gescheitert. Die Apostelgeschichte selbst berichtet schon bald, wie einzelne einen Acker verkauften, einen Teil des Gewinns jedoch in ihre Tasche fliessen liessen. Und schon bald gab es massive Spannungen, weil einzelne in der Gemeinde übersehen wurden bei der Versorgung. Es „menschelte“ halt doch überall.


Und auch in der weiteren Kirchengeschichte zeigt sich dann immer wieder dieses Grundproblem: der Umgang mit Besitz und Vermögen. Können Reiche in den Himmel kommen? Oder ist das wirklich schwieriger als für ein Kamel durch ein Nadelöhr zu kriechen? Die kritische Haltung Jesu zu Besitz und Reichtum war nicht wegzudiskutieren. Andererseits wollte man als Kirche aber auch mögliche Sympathisanten nicht abschrecken. Vermögen und Besitz in Bausch und Bogen zu verurteilen, hätte den neuen Glauben deutlich unattraktiver gemacht. Und so wurde das Ideal der Armut schon bald an Klöster, Nonnen und Mönche delegiert. Der Großteil der Kirche konnte einen pragmatischeren Umgang mit Vermögen pflegen.


Also, beruhigt durchatmen: Es war schon immer so! Wir sind nicht die ersten und nicht die einzigen, die einen irgendwie lockeren Umgang mit dieser urchristlichen Radikalität gefunden haben. Wir sind eben alle kleine Sünderlein ...


Und doch, liebe Mitdenkende, ich meine, es lohnt sich immer wieder, die Härte und Radikalität biblischer Texte nicht vorschnell weichzukochen, uns ihrer eigentlichen Unzumutbarkeit immer wieder auszusetzen.


Denn dieser biblische Bericht, so utopisch er ist, so wenig sein Ideal durchgehalten werden konnte, er stellt immer wieder die unbequeme Frage: «Wie hältst du’s mit dem Besitz? Welchen Stellenwert hat der Kontostand oder Aktienkurs in deinem Leben? Wo wäre bei dir ein Loslassen dran, das dir und den anderen guttun würde?


Es ist ja nicht nur Jesus, der diese Fragen stellt. Auch zahlreiche Philosophen lenken den Blick immer wieder darauf, welchen Preis eine ausgeprägte Kultur des Privatbesitzes auf eine Gesellschaft haben kann. Ja, sie teilen die Ahnung, dass Besitz uns Menschen in Besitz nehmen kann. Platon formuliert: Das Streben nach Eigentum dient nicht der Gemeinschaft. Und fordert daher den Verzicht auf Gold, Silber und Häuser. Und auch Aristoteles sieht, dass das Eigentum nicht einer natürlichen Ordnung entspringt. Pythagoras verbot bei seinen Jüngern jeglichen Privatbesitz.


Und viele Ethnologen heute führen uns indigene Stämme im Amazonas oder auf Borneo vor Augen, sogenannte primitive Gesellschaften, die auf Gütergemeinschaft basieren und von dem Gedanken an Privateigentum weitgehend verschont geblieben sind.


Wenn wir uns davon faszinieren lassen, steckt dahinter eine Ahnung davon, was uns verloren gegangen ist. Zeit- und kulturübergreifend schlummert eine tiefe Sehnsucht in uns, eine Vorstellung, dass es auch anders gehen könnte und müsste, wenn dieses «Mein und Dein» überwunden ist und einem großen «Wir» Platz macht.


In der Kirche hat es regelmäßig Bewegungen gegeben, die dieses «Wir» konkret umzusetzen versuchten und das biblische „nicht einer nannte etwas von dem, das er besaß, sein Eigentum“ wortwörtlich nahmen. Bettelorden, Franziskaner und Dominikaner, aber auch radikale Nebenströmungen im Protestantismus, die sich stark an dieser urchristlichen Ethik der Gemeinschaft und des Teilens ausgerichtet haben: Täufer, Hutterer, Quäker.


Wir leben im Jahr 2020, in einem der reichsten Länder der Welt. Der Ausbruch der Pandemie hat gezeigt, wie privilegiert wir sind, hier zu leben. Unser Gesundheitssystem funktioniert, das System der Kurzarbeit hat vieles erst mal aufgefangen. Wir können dafür nur dankbar sein, verdient haben wir es uns nicht wirklich.


Gleichzeitig muss uns bewusst sein, vor welchen Herausforderungen wir stehen. Auch wenn wir zur Zeit die Pandemie im Griff haben, die Folgen werden immens sein: Tausende von Konkursen in der Tourismusbranche und im Einzelhandel, in der Gastronomie und der Kulturszene, Massenentlassungen in vielen großen Betrieben. Die Zahl der Menschen, die in finanziell prekären Verhältnissen leben, wird auch bei uns deutlich steigen.


Und dies ist erst die sehr begrenzte Perspektive auf unser reiches Land. Wie aber werden die Auswirkungen nur schon in Italien oder Spanien aussehen, und erst recht in Syrien, Bangladesch oder Äthiopien? Damit drängt sich die Frage auf: Wie halten wir es mit diesem urchristlichen Geist des Teilens? Und wie weit reicht mein Blick? Hört meine Zuständigkeit bei meiner Frau und meinen Kindern auf? Sehe ich jetzt eine nationale Aufgabe, ein gemeinsames Tragen der Lasten in unserm Land? Oder nehme ich eine globale Perspektive ein, orientiere ich mich am Bild einer wirklichen Ökumene?


Klar wir werden uns stets zwischen zwei Brennpunkten bewegen. Auf der einen Seite das eher unterkühlte „es wird immer Arme geben“, auf der andern Seite das wärmere, herzlichere „im Grunde dürfte es Notleidende nicht geben unter uns.“ Und hier, meine ich, tun wir gut daran, eine sozialutopische Geschichte wie Apg 4 nicht vorschnell zu zähmen, sondern sie mit ihrem kritischen Potenzial als Stachel und konstruktiven Störfaktor zuzulassen. Auch wenn wir nicht alle Nöte dieser Welt auffangen werden können, Handlungsspielraum haben wir genug.


Die Bibel ermutigt uns dabei, die von Jesus kritisch aufgeworfene Frage: „Wie hältst du’s mit Besitz?“ immer wieder zuzulassen, uns von ihr verunsichern und auch bewegen zu lassen.


Amen.


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