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Geistlicher Impuls für Sonntag, 28. Juni 2020

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! (Micha 7,18)

 

Der dritte Sonntag nach Trinitatis steht mit all seinen Texten ganz im Zeichen der Barmherzigkeit Gottes. Der Wochenpsalm lobt die Barmherzigkeit Gottes: Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat, der dir alle deine Sünde vergibt. Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.

 

Das Evangelium erzählt die Geschichte eines Vaters, der seinen im Leben gescheiterten und also verlorenen Sohn wieder aufnimmt, ihm keine Vorwürfe macht, sondern sich nur freut, dass er wieder nach Hause gekommen ist. Genau so ist Gott, sagt Jesus mit dieser Geschichte.

 

Und der Prophet Micha ruft begeistert:
Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!

 

Seine Barmherzigkeit, sein Gnädig-Sein, sein Nachgeben, das ist das Kennzeichen, das Markenzeichen des Gottes, der sich uns durch Jesus Christus bekannt gemacht hat. Ein Gott, der es nicht schafft, zornig zu bleiben, dem es viel besser gefällt, nachgiebig als nachtragend zu sein, das ist der Gott, von dem die Bibel erzählt. Das ist doch einfach wunderbar und sollte uns glücklich machen.

 

Aber: Täusche ich mich oder ist es doch so, dass die Entdeckung eines durch und durch gnädigen Gottes heute nicht mehr solche Begeisterungswellen auslöst wie beim Propheten Micha oder beim Reformator Luther.

 

Wir haben uns daran gewöhnt, dass Gott gnädig ist. Ein strafender Gott ist aus dem Blick geraten. Gott als strenger und gerechter Richter hat abgedankt. Die Stelle des obersten Richters ist lange schon vakant. Und sie wird – Gott sei Dank – auch nicht wiederbesetzt werden. Nicht, dass es kein Vergehen, kein Versagen, keine Sünde und keine Schuld mehr gäbe! Aber: Wir regeln die Schuldfrage ganz diesseitig und ganz unter uns.

 

In unseren Zeiten ist die Hölle geschlossen. Man kann sie in manchen alten Kirchen noch besichtigen wie ein Stasigefängnis und froh sein, dass diese Zeiten vorbei sind. Und mit allem Unheil straft nicht Gott den Menschen, sondern der sich selbst: Eine Seuche bricht aus, weil wir nicht hygienisch genug waren; ein Feuer, weil der Brandschutz versagte; Dürre und Hochwasser, weil wir die Luft voll CO2 pumpen; schlechte Politik kommt daher, dass wir schlecht wählen; Krieg, weil wir unfriedlich und unversöhnlich sind; und die Bienen sterben nicht, weil wir am Sonntag nicht mehr in die Kirche gehen, sondern weil wir jeden Tag viel und billig essen wollen. Der Mensch ist sein eigener Richter. Was nützt uns Gottes Barmherzigkeit? Was kann seine Güte noch ändern?

 

Ich bin mir sicher: Eine ganze Menge! Denn Gottes Barmherzigkeit eröffnet eine ganz neue Art zu leben. Nicht in Angst vor einem obersten Richter, der uns Strafe androht und Gehorsam erwartet, sondern im Vertrauen darauf, dass er trotz allem bei uns bleibt, dass er sich von unserer Untreue und unserem Desinteresse nicht frustrieren lässt. Dass er an unserer Seite bleibt, auch wenn wir tausendmal versuchen, ihm auszuweichen.

 

Es ist ja wahr: So vieles haben wir uns selbst eingebrockt. Und trotzdem bleibt Gott gnädig, nimmt seine Geduld immer noch kein Ende, zieht er sich aus der Welt nicht im Zorn zurück, überlässt sie nicht sich selbst, lässt den Menschen, sein widerspenstiges Geschöpf, nicht mit sich allein.

 

Wenn wir dieses Geschenk annehmen, wirklich begreifen und erleben, dann werden wir unser Leben ändern; und damit die Welt.

 

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!

 

Amen.


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