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Geistlicher Impuls für Sonntag, 5. Juli 2020

Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis über Römer 12,17-21

 

Liebe Gemeinde,

„…so gab ein Wort das andere und das Unheil nahm seinen Lauf…“. Wo haben Sie solche Situationen schon erlebt, im Kollegenkreis, in der Verwandtschaft, im Freundeskreis oder in der Nachbarschaft? Es beginnt oft ganz klein und unscheinbar dieses Unheil: mit einem unpassenden oder unbedachten Wort, vielleicht gar nicht so gemeint, schnell und unüberlegt daher gesagt. Doch der andere bekommt es in den falschen Hals, interpretiert Dinge hinein, die gar nicht gemeint oder intendiert waren. Vielleicht spielt seine eigene eh schon schlechte Stimmung noch mit rein, schnell eine pampige Antwort oder nachts um 12 geschriebene Email als Retourkutsche zurück. Der erste lässt sich das nicht zweimal sagen, was ihm da unterstellt wird, das ist ja unverschämt.

 

Oder nur eine missinterpretierte Geste als Schneeball, der eine Lawine auslöst:

 

Da denkt sich Nachbar A: ‚Ach Nachbar B hat so viel zu tun, da schneide ich den Strauch auf seiner Seite gleich ein bisschen mit, wo ich eh gerade mit der elektrischen Heckenschere zugange bin.‘ - Und auf dem Grundstück nebenan denkt sich der Nachbar B am Schreibtisch hinter dem Fenster: ‚Wie kommt Nachbar A eigentlich dazu, meinen Strauch zurückzuschneiden, der will wohl den Lehrer spielen, dass das überfällig war und schon auf seine Seite hinüber wucherte. Das kann ich doch wohl selber tun, wenn ich es für nötig halte.‘ -

 

Unendlicher Unfriede und Streit kommt in die Welt, weil wir das Verhalten unserer Mitmenschen fehlinterpretieren, je ferner sie uns sozial und kulturell stehen, desto größer ist diese Gefahr.

Der heutige Predigttext macht uns Mut, diese Spirale des Unheils zu durchbrechen, wo immer es uns möglich ist. „Das Leben als Gottesdienst“, so ist dieses Kapitel, aus dem der heutige Predigttext stammt, in der Lutherbibel überschrieben:

 

Römer 12,17-21

17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 18 Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« 20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22). 21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

 

 Liebe Gemeinde,

das klingt ganz schön anstrengend, wie soll man denn immer freundlich und nett reagieren, auf Gutes bedacht sein gegenüber jedermann, wenn andere uns quer kommen, uns manchmal auch übel mitspielen. Nicht immer sind es ja Missverständnisse, die man im Gespräch aufklären kann: „War ja gar nicht so gemeint!“, sondern: Manches war tatsächlich so gemeint, und macht uns fassungslos: Wie kann sich diese Person so etwas anmaßen, so verletzend sein, so rücksichtslos, so egoistisch, so undankbar, so hasserfüllt? Immer nur nett sein überfordert in solchen Fällen komplett. Auch so schon ist immer nur nett sein richtig anstrengend. Vielleicht kennen Sie die Bilderbücher vom kleinen Raben Socke. Der hat sich mal wieder ordentlich daneben benommen und soll zur Strafe keine Geburtstagsgeschenke bekommen. Da gelobt er schnell Besserung und lässt sich vom braven Hasen erklären, wie das geht: „Brav sein“: Und der kleine Rabe Socke schreibt alle Vorschriften des Hasen auf eine riesenlange Liste: all die Dinge, die ihm furchtbar schwer fallen: …Ich darf nicht lügen. Ich muss warten, bis ich dran bin, nicht zappeln, nicht trödeln und nicht hauen und keinen Krach machen - und dem Hasen nicht in die Löffel beißen.

 

Völlig erschöpft sieht man ihn am Ende über der langen Liste zusammenbrechen.

 

Wir sind eben alle nur Menschen mit unterschiedlichem Temperament, mancher eher Rabe Socke, mancher eher Hase. Doch wir alle reagieren oft nicht angemessen, verstehen Dinge falsch, haben Wut und Trauer in uns, die sich einen Ausgang sucht. Also sinken wir jetzt auch angesichts unserer eigenen Fehlbarkeit über den hohen Ansprüchen des Predigttextes in uns zusammen, wie der kleine Rabe Socke über seiner langen Liste?

 

Nein, Kopf hoch, wir sind ja schon auf halbem Wege auf dem Weg des Friedens, den Paulus uns führen will.

 

Wir haben in uns wachgerufen die Einsicht, dass wir selber Fehler machen: das Verhalten anderer falsch interpretieren und selbst oft unangemessen reagieren.

 

Über elf lange Kapitel hat Paulus zuvor im Römerbrief mit seiner Gemeinde in Rom an dieser Einsicht gearbeitet: Denkst du etwa, Mensch, du machst alles richtig, du hältst dich an alle Gesetze und Gebote? Hältst du dich selbst für gerecht? - Nein, da liegst du falsch. Keiner macht alles richtig, wir alle sind Übertreter des Gesetzes. Gut und Böse ist in jedem und jeder von uns angelegt, positive und negative Gedanken bestimmen uns. Am meisten Schaden richten die an, die sich selbst für gerecht halten und das Böse den anderen zuschreiben, mit wehenden Fahnen gegen das vermeintlich Böse zu Felde ziehen. Nur einer allein ist gut und hat mit seiner vollkommenen Liebe das Böse überwunden: Jesus Christus, unser Retter. Auf ihm ruht unsere ganze Hoffnung, dass er uns von allem Bösen erlösen möge, so beten wir es in jedem Vaterunser. Dieser Glaube allein ist unsere Rettung.

 

Und tatsächlich gibt Gott uns die Kraft, das Böse immer wieder zu überwinden, der Unheilsspirale in die Speichen zu fallen. Nicht mit einer langen, unendlich ermüdenden to-do-Liste wie beim kleinen Raben Socke, sondern eher so wie es der Dichter Rainer Kunze in seinem Gedicht „Schnelle Nachtfahrt“ beschreibt:

 

Schnelle Nachtfahrt
Niemals wird es uns gelingen, die welt
zu enthassen
Nur dass am ende uns nicht reue heimsucht
über nicht geliebte liebe

(Reiner Kunze, Gedichte, S.258, Verlag S. Fischer, Frankfurt, 2001)

 

Sich mit Liebe in Form von Empathie, von Einfühlungsvermögen, dem Hass entgegenstellen, dies ist die Antwort, die Marshall Rosenberg, der Begründer der gewaltfreien Kommunikation gegeben hat.

 

„Schlag zu, bevor Du von anderen geschlagen wirst!“ – Das war der Leitspruch seiner Kindheit. Marshall Bertram Rosenberg kommt am 6. Oktober 1934 in Ohio zur Welt, aber er wächst in Detroit auf, in einem gewaltsamen Viertel dieser – wie er sie selbst später bezeichnen wird – „brutalsten Stadt der USA“. Wegen seines jüdischen Namens wird er immer wieder auf der Straße angegriffen – und immer wieder bleibt er seinem Leitspruch treu. Rosenberg gilt bald als Schläger, fliegt deshalb zweimal von der Schule. Auch als Student wird er der Uni verwiesen, weil er zuvor einen Kommilitonen verprügelt hat. Eine Reihe von Erlebnissen verändert dann sein Leben.

 

Eine der Schlüsselszenen ist die Fahrt in einem Taxi in New York: Während der Fahrt erhält der Taxifahrer die Nachricht von der Taxizentrale, dass er anschließend jemanden von der Synagoge abholen soll. Die Reaktion des Taxifahrers: Diese Juden „stehen schon morgens so früh auf, damit sie allen Leuten das Geld aus der Tasche ziehen können“ (Rosenberg 2010, 172). Als Marshall Rosenberg dies vom Rücksitz des Taxis aus hört, steigt Wut in ihm auf und er sagte dazu einmal in einem Seminar: „Ich hätte den Mann in diesem Augenblick erwürgen können.“ Was macht er stattdessen? Er atmet tief durch, beruhigt sich innerlich und stellt dann die Frage: „Sie haben wohl schlechte Erfahrungen mit jüdischen Menschen gemacht?“ Der Taxifahrer beginnt zu erzählen, dass er einen jüdischen Nachbarn habe, der sein Geld mit dem Geld anderer Leute verdiene, während er selbst große Mühe habe, für seine Familie die Miete zu zahlen. Am Ende der Fahrt sagt Marshall Rosenberg: „Ich habe Ihre Situation verstanden und sehe, wie schwer Sie es haben, ihr Leben zu finanzieren und zu organisieren. Aber bitte machen Sie nicht alle Juden dafür verantwortlich. Ich bin selber jüdischer Herkunft, und als Sie das eben sagten, hat mich das verletzt und wütend gemacht.“

 

Rosenberg hat nicht klein beigegeben in diesem Gespräch, in gewisser Weise hat er feurige Kohlen auf das Haupt des Taxifahrers gesammelt. Dieser ging sicher nachdenklich, aber auch beschämt aus dieser Szene.

 

Dennoch hat er weder Hass mit Hass beantwortet noch hat er einfach die brennende Kohle auf seinem Haupt behalten und still vor sich hin gelitten. Das wäre ein falscher Friede gewesen, der nichts verändert hätte. Das Böse mit Gutem zu „überwinden“ heißt nicht das Böse brav erdulden und schlucken, die eigenen Gefühle unterdrücken, es heißt nicht Selbstaufopferung und gedemütigter Dackelblick.

 

Nein, das Böse mit Gutem überwinden ist Aktivität, Aktion, Kreativität, eine sportliche Herausforderung wie die Kampfsportart Aikido, die die Energie des Gegners im Kampf aufgreift und geschickt umwandelt, um das eigene Kampfziel zu erreichen.  Ich schaue mir den Gegner genau an: Was bewegt ihn, was leitet ihn, was steckt dahinter? Fange seine Gefühle auf, versuche zu verstehen und nehme ihn dann mit in der Betrachtung, was seine Handlungen bei mir und anderen auslösen - in der Hoffnung, dass er auch mich verstehen möge und am Ende aus Gegnern Partner werden können.

 

Nehmen wir diese sportliche Herausforderung an. Wir sind nicht allein in diesem Kampf, das Böse in Gutes zu wenden. Gott steht dabei an unserer Seite, so wie es schon Josef mit seinen Brüdern erlebte: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ Amen.

 

Pfarrerin Angelika Hagena


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