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Geistlicher Impuls für Sonntag, 19. Juli 2020

Predigt für den 19. Juli 2020 von Thorsten Diesing

 

Liebe Gemeinde,

wir haben heute einen großartigen Predigttext vor uns. Er steht ziemlich am Beginn der großen Abschiedsrede, die Mose an das Volk Israel hält.

 

Zur Erinnerung: Nach der Befreiung aus Ägypten zieht das Volk Israel unter Moses Führung 40 Jahre lang durch die Wüste, bis es an der Grenze zum Land Kanaan ankommt – wo Milch und Honig fließen. Mose ist mittlerweile sehr alt und schwach und wird sterben, bevor die Israeliten in ihre neue Heimat kommen. Er versammelt noch einmal das ganze Volk und hält eine Abschiedsrede, die das ganze 5. Buch Mose – das Deuteronomium umfasst. Insgesamt 34 Kapitel!

 

Natürlich ist das Fiktion! Weder kann ein ganzes Volk, mehrere 10 Tsd Menschen, 40 Jahre durch eine Wüste ziehen, noch hat Mose so weise und alles zusammenfassend formuliert. Er hätte auch kein Mikrophon gehabt, um sich dieser Masse von Menschen verständlich zu machen.

Vielmehr liegt uns hier eine Jahrhunderte später formulierte Deutung vor. Hier werden im Nachhinein die Essentials der jüdischen Theologie formuliert, die absoluten Basics! Die Erkenntnisse, auf die sich dann mehr als 500 Jahre später der Jude Jesus berufen wird, wenn er von Gott und seiner Liebe erzählt.

 

Denn darum geht es in unserm Text. Das ist die eine und unumstößliche Wahrheit, wenn es um den jüdisch-christlichen Gott geht:

 

Er liebt uns Menschen! – und das, ohne, dass wir etwas Besonderes dafür getan haben müssten; ohne dass wir besonders klug oder stark, moralisch unanfechtbar oder fromm gewesen wären: Gott liebt uns – einfach so!

Er hat uns „erwählt“ – ohne Grund.

 

Ich lese aus dem 5. Buch Mose Kapitel 7, die Verse 6-9:

 

6 Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.
7 Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker - denn du bist das kleinste unter allen Völkern -,
8 sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.
9 So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten,

 

Liebe Gemeinde,
Unser Predigttext ist eine der Schlüsselstellen für das Verständnis von Erwählung in der Bibel. Ich habe es eben schon erwähnt: Man muss sich den greisen Mose auf der Schwelle in das verheißene Land vorstellen. In diesem spannungsvollen Moment seines eigenen Weges und des Weges Israels, hören wir ihn reden.


Es ist eine der großen Stunden Israels. Mose blickt weit zurück. Er erinnert an die Treue Gottes zu den Vätern: Abraham und Isaak und Jakob. Noch einmal erinnert er auch an die Geschichte vom Auszug aus der Sklaverei Ägyptens, vom Weg durch die Fluten des Schilfmeers, von dem Gesetz, das Gott dem Volk in die Hände und in die Herzen legt. Und, als wenn er all seine Erfahrungen mit Gott in einen einzigen Gedanken fassen wollte, folgen diese Sätze: ‚Du bist ein heiliges Volk für den HERRN, deinen Gott. Dich hat er erwählt. ... Nicht weil du größer und bedeutender wärst als alle anderen Völker -  du bist das kleinste unter ihnen.‘

 

Erwählung! Aus Liebe! Was für eine Verheißung! Was für eine Gnade. Sind wir damit bei „Friede, Freude, Eierkuchen“?

 

Nein! Denn da gibt es die weitere Geschichte Israels. Unser Predigttext ist frühestens in der Zeit des babylonischen Exils verfasst worden. In einer Zeit, in der es keinen eigenen jüdischen Staat mehr gab. In einer Zeit, als man „By the Rivers of Babylon“ weinte und die Harfen weghängte. Glaube an die Erwählung in dieser verzweifelten Zeit?

Und da gibt es die Anekdote von dem Vater, dessen Söhne im Krieg 1967 für Israels Armee an der Front stehen. Als die arabischen Nachbarn den jungen Staat vernichten wollen – die Juden ins Meer treiben. Da geht dieser Vater in die Synagoge und betet. 'Lieber Gott, ich weiß, wir sind das auserwählte Volk. Ich bin dir auch dankbar für alles – aber könntest du mir nicht einmal einen Gefallen tun und statt unseres Volkes ein anderes auserwählen?"

 

Was ist Erwähltheit? Weiß Gott, man hätte Israel, man hätte dem jüdischen Volk etwas weniger davon gewünscht, wenn man hineinsieht in seine Geschichte. Nur: Israel wäre nicht Israel und das heutige Judentum wäre nicht das heutige Judentum, und Jesus wäre nicht Jesus und wir Christen wären nicht Christen ohne diesen fundamentalen Gedanken von der Erwählung, der hier, in unserem Predigttext zum ersten Mal in aller Deutlichkeit und zugleich in aller schrecklichen Spannung und Widerständigkeit ausgesprochen wird.

 

Dieser Gedanke heißt: Gottes Beziehung zu diesem kleinen, oft so widerborstigen Volk Israel – sie liegt in der Grundlosigkeit und Freiheit der göttlichen Liebe.
Wer will das verstehen?

 

Liebe Gemeinde,
„Unser Gott, unserer Väter Gott, ein verborgener Gott ist er, und erst in der Tiefe des Leidens werden wir seiner gewahr “ hat der Jude und deutsche Schriftsteller Stefan Zweig in den Jahren des Ersten Weltkrieges geschrieben. „So steh auf, du Volk, aus deiner Klage; wie einen Stab nimm deinen Glauben, und du wirst schreiten aus deinen Nöten ... Denn zur Dauer sind wir erwählt durch das Leid...“. Und wie sehr hat sich dieser Satz bewahrheitet nur wenige Jahre später – in den Konzentrationslagern.
Wie eine Zusammenfassung der Moseworte zweieinhalb Jahrtausende später wirken diese Sätze. Das, was Israel über seinen Gott zu sagen vermag, was sich manchmal so großartig anhört in der Bibel – so selbstgewiss – ist in Wahrheit nicht viel mehr als das Staunen über dieses ewige Gottesrätsel.

 

Gott liebt uns! Wir sind seine auserwählten Menschen; sein Augapfel, wie es anderswo heißt. Das bleibt unumstößlich wahr. Und trotzdem erleben wir zugleich Krankheit und Not; Krieg und Ungerechtigkeit; Katastrophen und Tod.

In dieser Spannung geht der biblische Gottesglaube seinen Weg.


Liebe Gemeinde,
das ist nicht nur Israels Erfahrung und Einsicht. Auch in uns  wohnt diese Ahnung von der grundlosen Güte Gottes, die uns bis hierher gebracht. Und auch in uns ist zugleich das Erschrecken über das Böse in der Welt, über das Leid, dem wir ausgesetzt sind – und der daraus erwachsende Zweifel.
Aber ist es nicht auch so: Wo diese Spannung aufgehoben wird, da wird es in ganz anderer Weise gefährlich. Wo Menschen oder Nationen ausschließlich aus dem Gefühl leben, sie seien die Erwählten Gottes – ist da nicht höchste Wachsamkeit am Platz? Schon hier, im 5. Buch Mose wird deutlich, wie der Gedanke der Erwählung zu einer Entwertung und zu einer Ausgrenzung der umliegenden Völker führt und wie Gewalt in diesen Vorstellungen wohnt.

 

Direkt vor unserem Predigttext sagt derselbe Mose: Wenn ihr in das gelobte Land zieht, dann übt keine Gnade gegenüber den Einwohnern. Denn diese sind eben nicht erwählt. Reißt ihre Tempel und Altäre nieder und verbrennt ihre Götzenbilder! – auch das – muss man wissen – ist Fiktion! So ist es damals nicht abgelaufen. Wer mehr wissen will: im November referiere ich im Morgenkreis unter dem Titel „Keine Posaunen vor Jericho“ darüber, wie das Volk Israel wirklich ins gelobte Land kam.

 

Aber damit ist doch ein Grundproblem angesprochen.

Unsere eigene Geschichte ist ein Paradebeispiel  für die schrecklichen Folgen solchen Erwählungs- und Überlegenheits-Denkens.

'Lieber Gott, ich weiß, wir sind das auserwählte Volk. Ich bin dir auch dankbar für alles - aber könntest du mir nicht einmal einen Gefallen tun und statt unseres Volkes ein anderes auserwählen?’ – dieser Einspruch ist notwendig!


Gott gibt es nicht ohne diese Spannung. Nur: wer kann sie aushalten? Wer hält einen Gott aus, der da ist und seine Güte spüren lässt und der zugleich die Not und das Leid nicht wegnimmt? Dieser Gott ist eine Zumutung!

Ein Jude, liebe Gemeinde, ein Jude, so glauben wir, hat diese Spannung uns zugute ausgehalten. Wir Christen glauben, dass der Jude Jesus von Nazareth sie für uns durch den Tod hindurch getragen hat. Wie kein Anderer hat er aus dem Gedanken des Erwähltseins gelebt. Wie kein anderer hat er sich selber der Ungnade, der Gewalt, der Feindschaft, ausgesetzt.

Wie kein anderer hat er zugleich das Vertrauen in die Grundlosigkeit und Freiheit der göttlichen Liebe verkörpert und ausgehalten und gelebt. Gerade die, die zu den Nicht-Erwählten, zu den Verlorenen, Ausgestoßenen, Sündern, zu den Heiden gehörten  –  er hat sie in seiner eigenen Person hinein genommen in den Erwählungszusammenhang des Gottes Israels. Das ist die Geburtsstunde des Christentums, in der eine Dimension von Erwählung in Erscheinung tritt, die alle Grenzen überschreitet.

 

AMEN


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