Gottesdienst in unserer Gemeinde » Archiv: Geistliche Impulse » 

Geistlicher Impuls für Sonntag, 16. August 2020

Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis (Israelsonntag) über Röm 11,25-32

 

Pfarrerin Angelika Hagena

 

Kanzelgruß:

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

stellen wir uns Folgendes vor: Am Abend eines dieser warmen Tage, sitzen wir gemütlich in einem Biergarten und während wir auf unser Getränk warten, hören wir nun, laut vom Nachbartisch herüber, ein Stück Unterhaltung mit:

„Ich bin ja kein Antisemit, aber auch nicht gerade ein Judenfreund. Natürlich war das furchtbar, was unter Hitler passiert ist. Es sind ja jetzt laufend die Bilder von den Befreiungen der KZs in den Nachrichten. Aber dann immer noch der mahnende Zeigefinger vom Zentralrat der Juden dazu. Und was da in Palästina geschieht, das ist doch inzwischen fast auch ein Apartheidsregime. Wenn ich diese radikalen Siedler und die Orthodoxen an der Klagemauer immer so sehe … Solange sich da nichts ändert, unterstütze ich die Aufrufe zum Boykott von Waren aus Israel.“

 

Nun, wir sitzen noch immer am Nebentisch. Welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf, während Sie dort noch sitzen? Verständnis oder gar Einverständnis mit dem, was am Nebentisch gesprochen wurde? Ein leichtes Grummeln im Bauch, dass einem etwas gegen den Strich geht bei diesen Äußerungen, aber man will sich da ja an diesem lauen Sommerabend eigentlich nicht einmischen - und am Ende noch mit Unbekannten in Streit geraten und wie soll man das jetzt auch passend formulieren? Schlagfertiger müsste man eben sein. Oder sind Sie innerlich schon aufgestanden und haben zur Rede angesetzt: „Entschuldigung, ich habe das vom Nachbartisch aus gerade mitgehört und würde gerne mit Ihnen über Ihre Gedanken sprechen, nur, wenn es Sie nicht stört.“

 

Im Nachhinein glaube ich, dass die letzte Variante wohl die beste wäre. Aber was hätte ich dann zu sagen und zu bieten gehabt, nach diesem vorsichtigen Einstieg ins Gespräch? Vielleicht so: Ich habe verstanden, was Sie ärgert: die derzeitige politische Lage in Israel, die Härte, mit der die Regierung Netanjahu die berechtigten Interessen der palästinensischen Bevölkerung mit Füßen tritt. Auch mir kommt das, was uns die Tagesschau vom jüdischen Leben in Deutschland präsentiert, sehr einseitig vor, fast immer sind es Bilder von orthodoxen Juden und radikalen Siedlern, die doch nur Minderheiten sind im politisch und religiös ganz vielschichtigem Israel. Auch ich würde neben der notwendigen Mahnung des Zentralrats der Juden vor wieder ansteigendem Antisemitismus auch gerne öfter hören und lesen von der Lebendigkeit und Fröhlichkeit jüdischen Lebens in Deutschland. Das Verhalten vieler Siedler finde ich auch nicht richtig, und das orthodoxe Judentum ist mir sehr fremd. Aber die Folgerung, die Sie am Ende zogen, das finde ich ganz schwierig. Natürlich ist es nicht antisemitisch, sondern berechtigt, an der derzeitigen israelischen Regierung Kritik zu üben. Das tun ja viele Israelis jüdischen Glaubens auch. Aber wenn wir als Deutsche darüber hinaus zum Boykott aufrufen, dann schwingt da immer noch der Slogan von 1933 mit: „Kauft nicht bei Juden!“ Auch wenn die Situation heute anders ist, finde ich es verständlich, wenn dies Angst und Ärger auslöst bei Menschen jüdischen Glaubens. 

 

Und dann, wenn ich noch etwas Redezeit bekommen hätte, dann hätte ich gerne noch erzählt, warum ich eine Judenfreundin bin. Ich hätte erzählt vom Noahfenster in unserer Kirche: die Verheißung eines neuen Anfangs, was immer auch gewesen ist, wie gewaltig auch die Wassermengen, die uns von Gott trennen, am Ende leuchtet da doch der Regenbogen und die Zusage Gottes: Ich schließe meinen Bund mit dir, für immer und allezeit. Die Geschichten des Alten Testaments, von Schöpfung und Sündenfall, von Schuld und Vergebung, die 10 Gebote zum Leben, die Gebete der Psalmen, die Trauernde bis heute trösten auf Beerdigungen… Ich lebe als Christin aus diesem jüdischen Schatz. Und Judenfreundin bin ich auch, weil ich mich freue über wieder erwachtes jüdisches Leben in Deutschland, über gemeinsames theologisches Nachdenken über „Bruder Jesus“ in den Büchern von Shalom Ben Chorin und in den wunderbaren Bildern Marc Chagalls. Ich bin dankbar für die vielen Gesten der Versöhnung, die nach 1945 möglich waren, für Neve Shalom und Nes Ammim, Stätten des Austausches und Zeichen der Hoffnung und des Friedens in Israel. Ich bin bewegt vom jüdischen Gottesdienst, vom feierlichen Entnehmen der Tora aus dem Schrein am Schabbat und vom Klang der hebräischen Tora, wenn sie im Gottesdienst verlesen wird. Ich denke an den Humor der Rabbiner, die großartige Fähigkeit, auch über sich selbst lachen zu können, die mutige und unbeirrte Kritik der jüdischen Propheten an den Königen und ihrem Volk. Ich staune über den tapferen Lebenswillen des jüdischen Volkes in fast immer feindlicher Umgebung. Und ich denke an die junge Rabbinerin, die am Schabbat in ihren Gebetsmantel die ganze Welt einschloss in den Segen und den Frieden, der Israel verheißen ist. Ja, aus ganzem Herzen wünsche ich Frieden meinen Freunden, dem jüdischen Volk.

 

Aber nun zu unserem Predigttext, da ist nämlich noch einer, der eine tiefe Liebe zum jüdischen Volk in seinem Herzen trägt. Auch wenn er manchmal als eifernder Konvertit gesehen wurde, der sich von seinem jüdischen Glauben ganz abgewendet habe, als er „vom Saulus zum Paulus“ wurde. Wir geraten mitten hinein in das theologische Ringen des Paulus um seine jüdischen Schwestern und Brüder und hören zugleich von Gottes bleibender Liebe zu seinem Volk.

 

Römer 11,25-32 Ganz Israel wird gerettet werden

 

25 Ich möchte euch, liebe Geschwister, über das Geheimnis der Absichten Gottes mit Israel nicht im Unklaren lassen, damit ihr nicht in vermeintlicher Klugheit aus der gegenwärtigen Verhärtung Israels falsche Schlüsse zieht. Es stimmt, dass ein Teil von Israel sich verhärtet hat, aber das wird nur so lange dauern, bis die volle Zahl von Menschen aus den anderen Völkern zum Glauben gekommen ist. 26 Wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, wird ganz Israel gerettet werden. Es heißt ja in der Schrift: »Aus Zion wird der Retter kommen, der die Nachkommen Jakobs von all ihrer Gottlosigkeit befreien wird. 27 Denn das ist der Bund, den ich mit ihnen schließen werde, sagt der Herr: Ich werde ihnen die Last ihrer Sünden abnehmen.« 28 Ihre Einstellung zum Evangelium macht sie zu Feinden Gottes, und das kommt euch zugute. Andererseits folgt aus der Wahl, die Gott getroffen hat, dass sie von ihm geliebt sind. Er hat ja ihre Stammväter erwählt, 29 denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. 30 In der Vergangenheit wart ihr es, die Gott nicht gehorcht hatten, und durch den Ungehorsam Israels ist es dazu gekommen, dass ihr jetzt sein Erbarmen erfahren habt. 31 Umgekehrt sind sie es, die gegenwärtig Gott ungehorsam sind, und dass ihr dadurch sein Erbarmen kennen gelernt habt, soll dazu führen, dass schließlich auch sie sein Erbarmen erfahren. 32 So hat Gott alle ohne Ausnahme zu Gefangenen ihres Ungehorsams werden lassen, weil er allen sein Erbarmen erweisen will.

 

Liebe Gemeinde,

dass viele jüdische Zeitgenossen sich der christlichen Bewegung nicht anschlossen, war für Paulus ein Stachel in seinem Fleisch, der ihm keine Ruhe ließ. Er selbst war seit seinem Bekehrungserlebnis so überzeugt vom christlichen Glauben, dass diese Ablehnung ihn furchtbar schmerzte. Versucht doch nicht weiter durch die Werke des Gesetzes gerecht zu werden, rief er ihnen zu, Gott hat uns in Jesus Christus alle Sünden vergeben, die Gnade geschenkt, die uns frei macht, frei zum Leben, frei zu guten Taten. Was unsere Propheten uns immer wieder verkündet haben, jetzt ist dieser Moment! In Jesus, dem Christus, hat sich die Heilsgeschichte unseres Volkes hin zu allen Völkern geöffnet, auf dass sich Gott aller erbarme. Warum nur wollt und könnt ihr dies nicht glauben? Jesus Christus selbst hat es mir offenbart. Es ist wahr: Er ist der verheißene Messias. Er ist wahrhaftig auferstanden, auf dass wir alle von Gott erlöst sind.

 

So brannte es Paulus auf dem Herzen. Und in seinem Eifer fallen auch Aussagen, mit denen wir uns aus heutiger Perspektive - und selbst nicht als Juden geboren -, doch recht schwer tun. „Gefäße des Zorns“ und von Gott „Verworfene“ nennt Paulus die Juden, die sich der christlichen Bewegung nicht anschließen. Die Tora, die am Schabbat feierlich entrollt und voll Ehrfurcht verlesen wird - mit ihren Gesetzen für ein gelingendes Leben, sie ist für Paulus nicht nur kein erfolgversprechender Weg zu Gott, sondern Paulus setzt sie im Römerbrief mit „Sünde“ und „Tod“ gleich. Wie mag dies klingen in jüdischen Ohren?

 

Paulus versuchte diese Ablehnung, die er nicht begreifen konnte, für sich und andere doch irgendwie begreifbar zu machen. Es muss da ein Geheimnis Gottes geben, das diese Ablehnung verständlich macht. Und an diesem Geheimnis lässt er uns nun teilhaben: Es muss Gottes Heilsplan sein, der alles so vorgesehen hat: Zunächst galt Gottes Erbarmen Israel und die heidnischen Völker waren die Ungläubigen, nun aber hat sich durch Gottes Gnade die Heilsgeschichte Israels für die Heiden geöffnet – und nun ist ein Teil Israels verhärtet und ungläubig. So ist wohl auch dies Gottes Plan, damit keiner sich über den anderen erheben kann und am Ende alle die Gnade Gottes erfahren. Weil Gott sich aller erbarmen wollte, müssen alle einmal die Erfahrung machen, in die Irre zu gehen.

 

Und ich glaube, dann spürt Paulus, so wie ich es auch bei diesen Worten spüre: Jetzt habe ich mich aber sehr weit aus dem Fenster gelehnt, dass ich als Mensch aus meiner menschlichen Perspektive den Heilsplan Gottes für die ganze Welt zu erkennen glaube. Und so wechselt er nun schnell zurück in die menschliche Perspektive und beendet seine Gedanken mit den folgenden Worten, die für mich zu diesem hoch spekulativen Predigttext noch unbedingt dazugehören:

O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit. (Röm 11,33-36)

 

Und so maße ich mir als Christin heute nicht an, über Gottes Heilsplan mit seinem Volk Israel zu befinden. Aber dass Gott seine Gaben und Berufung nicht gereuen, daran glaube ich mit Paulus fest, und dass sein Bund mit Israel Bestand hat durch alle Zeiten hindurch, dessen bin ich gewiss und froh bin ich, dass ich im Glauben an Jesus Christus teilhaben darf an dieser Geschichte Gottes mit seinem Volk. Und dass ich selbst als Christin leben darf aus der Gnade - und Freiheit habe in der Auslegung von Gesetzen, solange ich in Liebe zu den Menschen handle, dafür bin ich den Juden Jesus und Paulus dankbar. Und so habe ich mit Paulus hier und heute und auch im Biergarten zu bezeugen, dass Jüdinnen und Juden meine von Gott geliebten älteren Brüder und Schwestern sind.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

 

 

Fürbitten zum Israelsonntag

Gott des Lebens,

dir sei Dank für deine Treue zu Israel,

dir sei Dank für das allen Völkern geschenkte Heil in Jesus Christus.

Lass uns nie vergessen, wo die Wurzeln unseres Glaubens und Lebens sind.

Schenke uns Mut, den Mund zu öffnen, wo es in deinem Namen notwendig ist. Freundlich, aber klar.

Lass uns wie du Grenzen überwinden.

Mauern einreißen.

 

Lass uns gemeinsam, Juden und Christen den Glauben an Dich als den Schöpfer von Himmel und Erde bezeugen und wachhalten.

Wir beten für unsere Familien, dass auch unsere Kinder und Enkel aus dem Glauben an Dich leben und Kraft und Hoffnung für ihr Leben schöpfen.

 

Wir bitten dich, dass die Menschen in Israel und in den Nachbarländern im Frieden leben können.

Schenke den Regierenden Einsicht und Weisheit, wehre allem Hass der in Israel lebenden Völker und führe sie auf den Weg der Versöhnung.

Schenke den Verantwortlichen Gesprächsbereitschaft und stärke alle, die schon auf dem Weg zu Frieden sind, dass sie nicht aufgeben.

 

Wir bitten dich für das Miteinander der Religionen auch in unserem Land.

Wir beten dafür, dass jüdische Mitbürger in unserem Land ihren Glauben offen und ohne Angst leben können.

 

Lass uns Christen und Christinnen den Glauben an Jesus Christus mutig bekennen und zugleich das Bekenntnis der Gläubigen anderer Religionen achten.

 

Wir bitten dich um Beistand für die vielen Opfer der Explosion in Beirut. Tröste die Trauernden und heile die an Leib und Seele Verwundeten.

 

In der Stille bringen wir die Menschen vor dich, um die wir uns sorgen…

 

Vater unser….

 


Diese Website verwendet Cookies. Wenn Sie die Webseite weiterhin nutzen, gehen wir von Ihrem Einverständnis aus. Mehr erfahren