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Geistlicher Impuls für Sonntag, 13. September 2020 - Christuskirche

Predigt zum 14. Sonntag nach Trinitatis über Lukas 19,1-10 (Zachäus)

Pfarrerin Angelika Hagena

 

Kanzelgruß:

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

ach, schon wieder der Zachäus, denkt man manchmal als altgedientes Gemeindeglied. Die Kinder basteln ihn mit Zugbändchen hinterm Papier, dass er den Baum hoch und runter klettern kann. Der Pfarrer, die Pfarrerin betont, wie wichtig es ist, dass Jesus den Zachäus in die Gemeinschaft zurückholt, dass auch wir auf die am Rande Stehenden besonders achten und uns ihnen zuwenden sollen. Und früher ging es oft dann noch um Reue, Buße und Sündenvergebung. Heute dann mehr um Randgruppen und ihre Probleme, im Reli-Unterricht um Mobbing und Streitschlichtung. Zachäus, „der meistgequälte Märtyrer der Katechetik“, wie es so schön heißt.

Also alles richtige Gedanken zur Zachäusgeschichte, aber auch schon so oft gesagt und gepredigt?

 

Daher heute Zachäus einmal anders. Ich lade Sie ein zu einer kleinen Pilger- und Begegnungsreise auf den Spuren des Zachäus. Als seine Weggefährten, mit ihm und in ihm sind wir heute unterwegs in der Stadt Jericho, in der Geschichte, die der Evangelist Lukas uns in Kapitel 19,1-10 überliefert:

 

Zachäus

1 Und Jesus ging nach Jericho hinein und zog hindurch. 2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. 3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre…

 

Ich bin neugierig, mit Religion habe ich nicht viel am Hut, aber ich frage mich, wer dieser Jesus von Nazareth wohl sein mag, von dem sie erzählen, vor den Toren Jerichos habe er soeben einen Blinden geheilt? Wer ist der, von dem so viele sagen, er habe ihr Leben verändert? Wer ist der, den manche gar den Messias nennen? Auch ein Zöllner wie ich, so sagt man, mit Namen Levi, habe sich seinen Jüngern angeschlossen. Würde er als Rabbi wohl auch mit mir sprechen? Über was würden wir dann sprechen? Aber erst möchte ich mit eigenen Augen eines seiner Zeichen sehen.

 

3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt.

 

Dicht gedrängt stehen sie da an der Straße, die Jesus entlangkommen soll. Im Schutz der Menge will ich mich hinaus auf die Straße trauen. Auf den vollen Wegen wird mir keiner Beachtung schenken - und dies ist mir gerade recht, denn mit voller Wucht trifft mich als Zöllner der Hass auf die römische Besatzungsmacht. Einen Handlanger der Römer und einen Verräter des jüdischen Volkes nennen sie mich an den Zollstellen, die ich rund um Jericho gepachtet habe. Auf eigenes unternehmerisches Risiko hin zahle ich den Römern die Pacht im Voraus. Klar, kommt es mir dann auch gelegen, dass das einfache Volk keinen Einblick in die Vielzahl der Zölle und Gebühren hat. Wer von diesen einfachen Menschen kann schon Prozentrechnung und weiß 25% Zollgebühr zu berechnen? Mit der Steuer trickst schließlich jeder und keine nimmt das so genau. Ist doch jeder nur auf seinen Vorteil bedacht.

 

Aber eines will ich festhalten: Bevor ich jemals jemandem Unrecht getan habe, haben sie mich schon ausgeschlossen von ihren Kultstätten, von ihren Gottesdiensten, haben mich unrein genannt, in einem Atemzug mit Sündern und Dirnen. An den Zollstationen sitze ich dann allerdings am längeren Hebel. Hier bestimme ich den Durchlass und sie bekommen, was sie verdienen. Und ich habe am Ende genug Geld für dicke Mauern, hinter denen ich mich und meine Familie schützen und ein ganz gepflegtes Leben führen kann. Wie heute auf der Straße: Deckung finde ich, aber Durchlass verweigern sie mir.

 

4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.

 

Wie gut, dass sie jetzt alle Richtung Straße blicken. So kann ich unbemerkt diesen Baum erklimmen, ohne dass sie mit dem Finger auf mich zeigen. Dort oben bin ich wohl versteckt im Laub vor ihren feindseligen Blicken, ihren Drohungen, vor ihrer Rempelei und ihrem Spott. Hoffentlich dreht sich jetzt keiner um. Ist es nicht lächerlich, als erwachsener Mann wie ein Kind auf einen Baum zu kraxeln? „Wenn ihr nicht werdet, wie die Kinder, so werdet ihr keinen Eingang finden in Gottes Reich“, so soll es dieser Rabbi ja einmal gepredigt haben.

 

5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf

 

Warum bleibt er jetzt ausgerechnet hier stehen? Er wird mich doch nicht etwa entdeckt haben? Dann wird er die Blicke aller auch auf mich ziehen. Er nimmt mir meine Deckung: Ich höre sie schon rufen und johlen, die ganze Menge mit einer Stimme: „Seht doch, der Halsabschneider, da sitzt er oben im Maulbeerbaum!“ - Doch, tatsächlich, er bleibt stehen unter dem Baum, er sieht hoch. Er sieht mich an, er sieht mich an, er sieht nicht peinlich berührt an mir vorbei, er sieht nicht durch mich hindurch und er sieht auch nicht auf mich herab. Kein Hass und keine Verachtung ist in seinem Blick und noch nicht einmal Tadel. Er sieht mich an, liebevoll an, als würde er sich freuen, mich entdeckt zu haben, fast so, als wäre ich sein Bruder, so als würden wir uns schon lange kennen. Weiß er denn gar nicht, wer ich bin? Doch, sein Blick sagt mir, er weiß es sehr wohl. Er sieht in mich hinein, so, als könne er mehr und Besseres sehen als ich selbst.

 

5 Und Jesus sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.

 

Ich wusste es, er kennt meinen Namen. Ganz genau weiß er, wer ich bin. Sinnlos, zu erklären, wer ich bin. Jede Verteidigungsrede liefe ins Leere: was sie mir hier in Jericho angetan haben, wie sie mich ihre Verachtung spüren lassen. Es geht nicht um sie, nur mich schaut er an, es geht um mich. Bei mir muss er zu Gast sein, so sagt er. Ist das nicht zu früh? Ich bin doch gar nicht vorbereitet, den Messias zu empfangen. Ist das nicht zu spät? Mein Leben ist doch gelaufen, irgendwann ist alles in festen Bahnen und der Zug ist abgefahren, alles nur zu wohlvertraut. Ob man will oder nicht, weiter geht die Reise. Ich habe mich gut eingerichtet, so zu leben, wie ich lebe. Hätte ich wirklich die Kraft, noch einmal von vorn zu beginnen? Ich trage Verantwortung für meine Familie. Wenn ich nun herunter steige: Dann wird nichts mehr sein wie es war. Will ich wirklich Abschied nehmen, von dem, was war, von dem, der ich war. Wo führt die Reise hin?

 

Und wenn er nun kommt, was muss ich tun, um ihn zu empfangen, um mich seiner würdig zu erweisen? Nein, natürlich weiß ich, was ich zu tun habe und er weiß es auch. Seltsam, es gibt nur noch den einen Weg nach vorne, den Sprung ins Ungewisse. Den Weg, um den ich tief im Herzen wusste und der mir immer Angst gemacht hat. Er ist dieser Weg, die Wahrheit und das Leben, das ich suchte. Nun hat er mich gesucht und gefunden. Er muss bei mir zu Gast sein. Seltsam, wo die Angst hin ist? Unendliches Vertrauen erfasst mich. Nicht länger mehr mehr muss ich an mich klammern, an mich reißen, kämpfen, mich verteidigen… Seltsam, ich verliere gerade alles, was ich hatte und war - und lasse es einfach geschehen? Und seltsam leicht fühlt sich das an, wie ich die Hände öffne und ihm entgegenstrecke - und alles fallen lasse, den ganzen Kampf und Krampf. Alles fällt zu Boden und staunend sehe ich zu: die bösen Worte, die Gier, die Habsucht, der Wunsch es allen zu zeigen, - und dahinter liegt nicht Ohnmacht, sondern Leben.

 

6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. 7 Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.

 

Rabbi, tausend Dank, dass du mich gesehen hast, oben auf meinem Baum, auf dem ich Zuflucht suchte vor den Menschen, vor dir und vor mir selbst. So haben meine Augen heute dein Heil geschaut. Nun öffnest du um mich herum einen weiten Raum. Ohne Angst schaue ich nicht nur nach vorne, sondern auch zurück, denn du scheinst mir keinen Vorwurf zu machen. Du hältst mich fest beim Blick in die Tiefe meiner Seele. Und zum ersten Mal blicke ich ohne Schleier hinein und kann es sehen und ertragen: Das Leid, das ich verursacht; der unstillbare und nie erfüllte Wunsch nach Anerkennung; die heimliche Freude, meine Macht auszuleben. Zum ersten Mal kann ich sie nun verstehen, die Menge, wie sie da jetzt murrt. Nein, verdient habe ich nicht, was du mir getan. Und nun, Rabbi, nun ziehst du den Zorn der Menge, der doch mir gelten sollte, auf dich, indem du mir Gemeinschaft anbietest. So trägst du mit mir meine Schuld. Hör, wie sie draußen vor dem Haus gegen dich murren. Jetzt aber will ich dir beiseite springen und ihnen zeigen, dass dein Werk nicht vergebens war.

 

8 Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.

 

Rabbi, lass mich nun weiterreisen mit leichtem Gepäck: um Vergebung bitten, reinen Tisch machen, aus der Welt räumen, was schon so lange drückte. Lass mich nun weiterreisen mit leichtem Gepäck: aussteigen aus dem Immer-mehr und Immer-profitabler, Freiheit spüren gegenüber Strukturen, Vorgaben und Notwendigkeiten, einfach leben und von Zeit zu Zeit auf einen Baum klettern. Lass mich weiterreisen mit leichtem Gepäck, mit weniger Netz und Sicherheit, aber in Freundschaft und Verbundenheit mit allem Lebendigen, in Bescheidenheit und Dankbarkeit und im Frieden mit Gott und den Menschen.

 

9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. 10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

 

Fürbitten

Barmherziger Gott,

wenn wir uns aufmachen, lass unsere Füße nicht nur die alten Wege gehen, mache uns immer wieder neugierig auf dich, die Menschen um uns herum und die Fülle des Lebens, die uns umgibt.

Stelle unsere Füße auf weiten Raum, wenn wir uns in Sackgassen verrannt haben.

 

Unser Gott,

wenn wir uns auf den Weg machen, behüte unsere Schritte. Lass nicht zu, dass andere neben uns auf der Strecke bleiben. Hilf uns, auch die leisen Töne nicht zu überhören. Gib uns Mut, unser eigenes Verhalten zu überdenken und Fehler einzuräumen.

 

Gnädiger Gott,

wenn wir deine Gemeinde bauen, lass uns keine geschlossene Gesellschaft werden. Halte unsere Türen offen für die Fremden, für die Unzufriedenen und die Suchenden. Schenk uns Freude über unerwartete Begegnungen, mach uns neugierig auf fremde Sichtweisen.

 

Liebender Gott,

du willst, dass alle Menschen dein Heil schauen. Aber so viel Unheil sehen wir, wenn wir in unsere Welt blicken. Hilflos sehen wir das brennende Flüchtlingslager in Moria, so viel Not und Hoffnungslosigkeit. Mit den Menschen in Belarus hoffen und beten wir um eine bessere Zukunft, um einen Machtwechsel ohne Blutvergießen. Herr, steh allen bei, die leben müssen in Not und Angst.

 

Wir bitten dich für alle, die heute in ein politisches Amt gewählt werden. Segne ihre Arbeit, dass sie das Wohl aller Menschen in ihrer Stadt und Gemeinde im Blick haben, dass sie kluge und bedachte Entscheidungen treffen, dass ihr Tun zum Wohle aller geachtet und gewürdigt wird.

 

Vater unser….


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