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Geistlicher Impuls für Sonntag, 20. September 2020

Zum 15. Sonntag nach Trinitatis, 20.9.2020

 

Wenn Sie dieses geistliche Wort lesen, eilt das Kirchenjahr schon wieder mit Riesenschritten seinem Ende zu. Die Hochfeste sind mit Trinitatis vorbei, vor uns liegen noch Michaelis und Erntedank, dann lesen wir als besondere Tage im Kirchenkalender noch Reformationsfest, Buß- und Bettag, Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag. Vielleicht erschrecken wir, die Zeit läuft, und unser Leben ist, wie Ingeborg Bachmann einmal gesagt hat, „auf Widerruf gestundete Zeit“.

Und: Herbstanfang steht für den 22. September im Kalender dieses Jahres. Und mit Rilkes „Herbsttag“ könnte man sagen:

 

            „Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.

             Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,

             und auf den Fluren laß die Winde los.“

 

Herbstanfang steht aber nicht nur im Kalender dieses Jahres, sondern für jeden jetzt oder später oder schon seit geraumer Zeit im Kalender unseres Lebens. „Vierzig Jahre sind das Alter der Jugend, fünfzig Jahre die Jugend des Alters“, meinte Victor Hugo. Das Alter schleicht sich wie die ersten gelben Blätter im Frühherbst unglaublich sanft ein und behauptet sich nachdrücklich. Wie aber verwindet man das?

 

Manche reagieren mit Depressionen, wenn wieder einmal das Jahrzehnt wechselt. Manche mogeln sich jünger oder verschweigen wenigstens das Alter. Wenn Ihnen jemand nach Nennung Ihres Alters sagt: „Du siehst echt jünger aus!“, dann sollten Sie wissen: Du siehst alt aus!

Ich glaube, das Älter- und Altwerden, den Lebensherbst, bewältigt man nur, wenn man den uns von den Medien und dem „gesunden Volksempfinden“ ständig aufgezwungenen Bewertungsmaßstab dafür ändert: Denn gelebtes Leben ist doch keine Müllkippe, gelebtes Leben ist eine Schatzkammer! Der nicht mehr zu raubende Schatz an erfahrener Liebe, der Schatz an geschenkten Stunden, Tagen, Jahren, der Schatz an hilfreichen Begegnungen und auch noch der Schatz an bitteren Lehrstunden, die uns dem „Lernziel Lebensernst“ näherbrachten, all das füllt die Schatzkammer gelebten Lebens. Vielen von uns wurde, wenn auch in fernen Kinderjahren, der Schatz des Glaubens dazugeschenkt, der bei manchen wohl durch den Staub der späteren Jahre einiges an Glanz verloren haben mag. Er verdiente es gewiß, neu entdeckt, entstaubt und zu neuem Glanz gebracht zu werden. Das Bewusstsein, diesen Schatz zu haben und auf ihn zurückgreifen zu können, kann dem Leben wieder eine neue Perspektive geben.

Der wegen seines Widerstandes gegen die Nazis ermordete Theologe Alfred Delp konnte im Bewusstsein um diesen Schatz sagen: „Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt.“

Rilkes Erfahrung mit dem Herbst und Lebensherbst, wie sie sich in der letzten Strophe seines Gedichtes „Herbsttag“ ausspricht, lautet so:

 

            „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.

             Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,

             wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben

             und wird in den Alleen hin und her

             unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“

 

Das herbstliche Gefühl des Unbehaustseins, des einsamen Suchens und der existentiellen Unruhe wird auch uns Christen nicht erspart. Aber vielleicht treibt es uns an, den Schatz des Glaubens neu zu entdecken, das heißt, „etwas zu finden, wofür man leben kann, groß genug, um dafür auch zu sterben“ (Dag Hammarskjöld).

In diesem Sinne:

Eine gute herbstliche Schatzsuche wünscht Ihnen

 

Heide Kemper


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