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Geistlicher Impuls für Sonntag, 27. September 2020

... von Pfarrer Thorsten Diesing

 

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes.
Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt.“ (2. Timotheus 1,7-9)

 

Steile Sätze, große Theologie und ein Vers, der sehr bekannt ist – auch als Konfirmationsspruch.

 

Timotheus, der Empfänger dieses Briefes hat Angst! Was genau ihn bedroht, wissen wir nicht. Aber sicherlich hat es mit seinem Glauben, seinem Christentum zu tun. Wahrscheinlich droht ihm Verfolgung, Verhaftung – so wie dem Absender des Briefes: Paulus sitzt im Gefängnis. Und sein Brief ist ein Mut-Mach-Brief; ein Durchhaltebrief:

 

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes.“

 

Die schlimmste Gefahr, meint Paulus, ist nicht die Verhaftung.
Die schlimmste Gefahr ist nicht die Verfolgung.
Die schlimmste Gefahr ist die Angst! Die Angst, die alles in einem eng macht. Die Angst, die den Tag verdunkelt. Die Angst, die das Leben verhindert.

 

Angst essen Seele auf! – so hieß mal ein Film von Rainer Werner Faßbinder.
Angst essen Seele auf! – genau darum geht es.

 

Was ist unsere Angst? Machen wir doch einmal einen kleinen Wochenrückblick! Sicher: Jede und jeder von uns hat seinen eigenen Blick zurück. Eine Woche hat am Ende tausend Erlebnisse, Gedanken – und Ängste. Aber ich glaube, es gab auch das, was uns gemeinsam bewegte, mitnahm, bedrückte:

Angst vor der zweiten Coronawelle bei steigenden Infektionszahlen.
Angst vor einer wirtschaftlichen Rezession.
Angst vor den Wahlen in den USA – und den möglichen Folgen für die ganze Welt.
Angst vor den ungelösten Problemen in der Flüchtlingspolitik: Moria abgebrannt – die SeaWatch 4 festgesetzt.
Und was ist mit dem Klima?

 

Und bei all dem fehlt der Plan, wie die Krisen zu bewältigen sind. Und so, wie dieses System aufgebaut ist, steigert Unsicherheit die Angst – und Angst führt andersherum wieder zu schlechten Prognosen – ein Teufelskreis, eine sich selbst verstärkende Spirale – Angetrieben von Angst: Angst bei denen, die angeblich untergehen – und bei denen, die für den Untergang verantwortlich gemacht werden.
Es ist mühsam, einen Überblick zu behalten, in den verfahrenen Diskussionen. Aber unübersehbar sind die Ängste. Und die lassen sich auch nach Gutdünken instrumentalisieren und inszenieren. Sogar Geschäfte kann man damit machen – und ganz viel Politik!
„Angst essen Seele auf!"

In jedem September erscheint der neue Angstindex über die Ängste der Deutschen. „Wovor fürchten sich Deutsche am meisten?" Jede Menge Statistiken – schön aufbereitet in Schaubildern. Überraschend in diesem Jahr: insgesamt haben die Deutschen weniger Angst als in den Vorjahren. Und das trotz Corona. Die Gefahr einer Ansteckung nehmen die meisten gelassen. Größer ist die Angst vor den möglichen wirtschaftlichen Folgen. Die größte Sorge aber ist politisch: Sie gilt Präsident Trump bzw. seiner möglichen Wiederwahl.

 

Interessant sind diese grafisch schön aufbereiteten Tabellen.
Nur: Passen Ängste in eine Skala? Lassen sie sich in einer Statistik unterbringen, gar entsorgen? Was besagen „Angaben in Prozent"?
Ich kenne Ängste anders:
Nicht in Prozent, sondern als Herzrasen;
Nicht als eingefärbter Balken, sondern nachts wach liegen.
Nicht auf Platz 8, sondern sich nicht an den Briefkasten trauen.

 

Schlagen wir in einem Wörterbuch nach, finden wir tatsächlich bei der Angst eine Spur zu dem lateinischen Wort für Enge und Beklemmung. Es ist eine körperliche, eine leibliche Erfahrung: Uns bleibt die Luft weg. Ein schwerer Stein liegt auf dem Brustkorb. Wir fangen an zu schwitzen. Die Hände werden feucht. Wir geraten in einen Strudel. Wir können kaum noch etwas anderes denken. Wir sind gefangengenommen.
„Angst essen Seele auf!"

 

Das Bild von der Angst, die Seelen frisst, aufzehrt, zerstört ist einfach wahr. Und dagegen schreibt Paulus an: „Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben.“ Das ist das Erste, was Timotheus von seinem Freund zu hören bekommt.
„Sondern von Gott kommt der Geist der Kraft, der Liebe und – der Besonnenheit!“

 

Paulus begründet das, indem er auf Jesus Christus hinweist:
„Er - Christus - hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt.“

Das ganze Evangelium, die ganze frohe Botschaft in einem Satz – etwas zu viel für unsere Ohren. Paulus hätte es auch einfacher sagen können:
Wenn wir uns Jesus anschauen! Wie er gelebt hat. Die Liebe, die er geschenkt hat. Das Vertrauen auf Gott, den Vater, das er vorgelebt hat. Die Vergebungsbereitschaft. Seine Offenheit für andere Menschen, seien sie auch noch so komische Vögel. Und am Ende sein Sieg über den Tod.
All das zusammengenommen zeigt uns, dass Leben möglich ist – Leben ohne Angst – oder wenigstens: Leben, das nicht von der Angst beherrscht wird, sondern „vom Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit".

 

Drei gegen einen! Der Geist der Kraft, der Geist der Liebe, der Geist der Besonnenheit. Aber dem Geist der Angst ist mit weniger nicht beizukommen.

Der Geist der Kraft ist schöpferisch. Er liebt es, neue Anfänge zu machen, Brücken zu bauen, Abgründe zu überqueren. Er lässt sich von alten schlechten Erfahrungen nicht einschüchtern. Die dunklen Wolken fürchtet er nicht.

Der Geist der Liebe bewegt Menschen, aufeinander zuzugehen, ihre Geschichten zu hören, Ängste zu teilen. Verschlossene Gesichter öffnen sich.  Gespräche beginnen – und Lachen – damit lässt sich sogar die Welt verändern.

Der Geist der Besonnenheit schafft Luft im Streit, verlangsamt die Gedanken, wägt die Optionen ab. Er schärft alle Sinne. Ihm gelingt es, klare Verabredungen zu treffen; Vereinbarungen, die eine bessere Zukunft ermöglichen.

Wenn sich dann die Drei gegen den einen Geist der Angst verbünden, sind auf einmal neue Gedanken da. Die Beklemmung weicht. Und wir stehen auf. Die ersten Christen haben diese Erfahrung Ostern genannt.
Wir könnten auch sagen: Die Angst isst die Seele nicht auf!


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