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Geistlicher Impuls zum Erntedankfest am Sonntag, 4. Oktober 2020

... von Pfarrer Thorsten Diesing

 

„Geschenkt!“
Wer vor einem Erntedankaltar steht, der fühlt sich an einen Gabentisch erinnert. Am Geburtstag oder an Weihnachten gibt es solche Gabentische. Schon allein der Anblick löst Freude aus: da ist die große Fülle! Das pure Glück! Wie sehr andere doch an mich denken! Wie viel ich ihnen wert bin!


Das Christentum ist eine Religion des Geschenks – und nicht des Lohns, des Tauschs oder der Leihgabe!
Gott schenkt uns seinen Sohn. An Weihnachten – und Menschen haben darauf die Tradition der Geschenke gebaut, die dieses Schenken des Vaters im Himmel illustrieren sollen.
Und der Sohn verschenkt sich selbst in seinen Worten und Taten, letztlich in seiner Hingabe am Kreuz.


Der Erntedankaltar bringt das in ganz eigener Weise und mit allen Sinnen erfahrbar zum Ausdruck: Gott beschenkt seine Kinder. Der Schöpfer bereichert seine Geschöpfe, indem er gibt – großzügig und überreichlich.
Dankbarkeit ist dann kein Gebot, sondern eine Einsicht. Wir können die Geschenke Gottes nicht erwidern. Aber wir können seine Großzügigkeit anerkennen. Und im Umgang mit dem Geschenk würdigen wir den, der uns beschenkt hat.


„Geschenkt!“
Es gibt einen Sprachgebrauch von „geschenkt“, der nicht wertschätzend gemeint ist, sondern abwertend. Jemand trägt ein Argument vor, weist auf etwas hin, bringt etwas mit und hört als Kommentar von seinem Gegenüber ein abwertendes „geschenkt“. Gemeint ist damit, dass das Argument wertlos, die Gabe der Aufmerksamkeit nicht wert ist. Mit einem knappen Hinweis wird etwas entwertet und landet auf dem Müllhaufen des Wertlosen. Geschenkt.


Die Abwertung wird mit einem kostbaren Wort zum Ausdruck gebracht. Und dahinter steht eine noch weit tiefere Abwertung. Denn dieser Sprachgebrauch sagt, dass ein Geschenk eigentlich etwas Wertloses ist. Wertvoll ist in dieser Betrachtungsweise nur das selbst Erworbene, das Verdiente und mit eigener Kraft Erschaffene. Dahinter steckt das Bild eines Menschen, der nur auf die eigene Kraft setzt.


Dabei wird hier etwas ganz Wesentliches übersehen: Kein Mensch lebt nur aus sich selbst. Jeder lebt jeden Tag des Lebens auch von Anderen. Wer das
übersieht, der übersieht ein Grundgesetz des Lebens. Denn kein Mensch ist der Grund seiner eigenen Existenz, andere haben über unsere Entstehung entschieden.
Und diese Erfahrung wiederholt sich spätestens am Ende des Lebens, wenn Menschen Hilfe und Pflege brauchen, weil ihnen die Kraft oder die eigene Beweglichkeit fehlen.
Diese Corona-Zeiten haben viele in eine Situation versetzt, die dem entspricht. Plötzlich waren Menschen aufeinander angewiesen, und immer wieder haben sie das entwickelt, was den Anfang und das Ende jeden Menschenlebens kennzeichnet: Sorge, Aufmerksamkeit und praktizierte Solidarität. Das sind nicht zum Menschen irgendwie hinzukommende Größen – nein: Sie machen sein Leben aus. Ohne diese Dinge wird das Leben wahrlich unmenschlich.
Umgekehrt könnte man auch sagen, dass Schenken das Leben erst wahrlich menschlich macht.


Vielleicht muss man sich vor einen Erntedankaltar mit seiner Farbenfülle, seiner Geschmacksvielfalt und seinem offensichtlichen Reichtum stellen und einfach über das Wort „geschenkt“ nachdenken. Ja, was denn anderes als geschenkt“? Nicht abwertend, sondern bewundernd und fragend.


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