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Geistlicher Impuls für Sonntag, 8. November 2020

... von Pfarrer Thorsten Diesing

 

Der 1. Brief an die Gemeinde in Thessaloniki ist das älteste Stück im Neuen Testament. Zeitlich am nächsten an Jesus dran. Wahrscheinlich aus dem Jahr 50.

 

Ich lese aus Kapitel 5 die Verse 1-6:

Der Tag des Herrn

1 Von den Zeiten aber und Stunden, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; 2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. 3 Wenn sie sagen: »Friede und Sicherheit«, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen.

4 Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. 5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. 6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.

 

Zeitlich ziemlich nah an Jesus dran – aber auf den ersten Blick sehr weit weg von uns!

 

Hier schlägt uns die geballte Naherwartung entgegen: Der Tag des Herrn / das Jüngste Gericht steht unmittelbar bevor. Eine Entscheidungsschlacht zwischen den Kindern des Tages und den Mächten der Finsternis.

Für mich längst abgetanes apokalyptisches Denken.

Aber halt: wirklich vorbei? Wirklich von vorgestern?

 

Im US-Wahlkampf haben sich beide Kandidaten explizit auf diese Metapher „Licht versus Finsternis“ bezogen. Der Kampf ums Weiße Haus wurde hochstilisiert zum Armageddon – der letzten Entscheidungsschlacht.

 

Unter den Anti-Corona-Demonstranten finden sich zahlreiche Anhänger von QAnon. Und was die glauben, ist für mich hanebüchen: Die „Qultisten“ glauben, dass es hinter der offiziellen Geschichte, dem was wir in den Nachrichten sehen und hören, eine verborgene Endzeitgeschichte gibt. Da foltern und töten Juden und andere Mächtige, also v.a. Hillary Clinton und Angela Merkel, angeblich Kinder, um aus ihnen den Stoff Adrenochrom zu gewinnen, der ihnen Ewige Jugend und Unsterblichkeit verleihen soll. 

Das sind die gleichen Verschwörungsmythen, die bereits im 15. und 16. Jahrhundert in Deutschland aufgetaucht sind. Damals hat man Juden und Frauen vorgeworfen, dass sie aus Kindern eine Art Hexensalbe gewinnen würden.

Das ist doch so absurd! Wie kann man das heute wieder glauben? Aber die Leute tun es!

 

Wenn schlimme Dinge passieren, wenn die Welt anscheinend aus den Fugen gerät, dann werden Menschen anfällig für schnelle Antworten.  

Ein reflektierter Christ würde in dieser Situation auf Gott vertrauen. Das genau steckt hinter der Pointe in unserm Predigttext: Lasst uns wachen und nüchtern sein!

Aber im Verschwörungs­glauben lernt man, dass dort böse Mächte am Werk sind. Teuflische Mächte, beim Antisemitismus eben jüdische Mächte. Deshalb kann man bei jeder Krise, sei es Bankenkrise, Flüchtlingskrise oder jetzt Corona, diesen Ausbruch von Verschwörungsglauben beobachten. Interessanterweise hieß es im Februar noch bei QAnon, dass das Coronavirus eine Biowaffe der Juden und Chinesen sei. Da galt das Virus also noch als supergefährlich. Jetzt wird behauptet, es sei völlig harmlos, und alles sei lediglich aufgebauscht – von Juden und den anderen bekannten Gegnern. Die Erzählung ändert sich, die Feindbilder dahinter bleiben gleich.

 

Dieses Muster bedeutet aus psychologi­scher Sicht, dass ein Mensch alles Böse von sich abspaltet und einer anderen Gruppe zuschiebt. Damit hat diese Person eine Antwort auf alles. Was im Leben schief geht, kann man dann einem Superbösen unterschieben. Im Mittelpunkt steht nicht mehr eine gute Gottheit, sondern der Glaube an die Weltherrschaft des Bösen. Diese Menschen glauben, sie gehörten exklusiv zu den Auserwählten, die endlich den Durchblick hätten, meinen, die ganze Welt entschlüsseln zu können, und dass plötzlich alles Sinn ergibt.

Dass man sich damit in eine Weltsicht von Angst, Hass und Isolation begibt, wird den meisten Menschen erst klar, wenn sie Wochen oder Monate dort drin sind. Dann kann es bereits zu spät sein, sich selbst einzugestehen, dass man da auf dem Holzweg ist.

 

Falls Sie also demnächst so einem Endzeitberechner aus den Randzonen der christlichen Frömmigkeit begegnen, erinnern Sie sich (und ihn) am besten sofort an diese Paulus-Sätze: „Ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht.“ Da gibt es nichts im Voraus zu berechnen und zu deuten! Es gibt keine religiöse Einbruchsversicherung! Was am Tag des Herrn passiert und wann das passiert, geht über unser Fassungsvermögen hinaus, ja, es lässt unsere Planungen wie ein Kartenhaus zusammenfallen! Deshalb: „Lasst uns wachen und nüchtern sein!“

 

Paulus macht hier etwas total spannendes: Er schlägt mit Bildern und Begriffen des apokalyptischen Denkens eine Überwindung dieses Denkens vor. Und eigentlich hat auch Jesus vor ihm genau daran gearbeitet: es geht nicht um die Aufeinanderfolge von Zeitaltern: In dieser Welt herrscht das Böse / der Satan, dann kommt die Entscheidungsschlacht und im Jüngsten Gericht werden dann die Gerechten belohnt …, sondern es geht darum, wie ich das Hier und Jetzt verstehe und lebe.

 

Nicht die Aneinanderreihung von Tagen macht das Leben aus, sondern die erfüllten und erfüllenden Augenblicke, die dem Leben Qualität verleihen. Im kürzesten Augenblick kann alles enthalten sein. Es ist der Augenblick des Bewusstseins, der Aufmerksamkeit, der Offenbarung und Erleuchtung. Es ist der Augenblick der Freude, wie Jesus sagen würde. Es ist der Augenblick Gottes.

 

Das nun herauszustellen – die Nähe Gottes, die erfüllte Zeit, die Bedeutung des Hier und Jetzt -, das war und ist die Botschaft Jesu. Was alles im Heute steckt, im Jetzt, im Augenblick, das verkündet Jesus unentwegt. Wir kennen es auch aus dem Vaterunser mit der Bitte: „Unser tägliches Brot gib uns heute!“ Das Tägliche, das Heutige ist für Jesus völlig ausreichend. Denn alles andere ist ja so nah: Gott ist nah, die Menschen sind nah, die Natur ist nah. „Schaut euch doch um!“, ruft er: „Gott ist hier! Macht keine Pläne für übermorgen. Und von allem: Sorgt euch nicht, ängstigt euch nicht, sondern freut euch!“

 

Und genauso die Antwort des Apostel Paulus: „Zählt nicht die Stunden, Tage und Jahre, sondern lebt jetzt aufmerksam! Erfüllt euer Leben mit einer Qualität! Geht in die Tiefe! Seid jederzeit bereit für das Erscheinen Gottes! Schielt nicht nach Lebenslänge, sondern sucht die Erfüllung! Wenn ihr das tut, erfüllt ihr euer Leben, eure Zeit!“

 

Apokalypse heißt ja eigentlich übersetzt: Offenbarung. Und dieses christliche Denken ist wirklich eine Offenbarung: Sie befreit uns von festgelegten Denkzwängen und ermöglicht uns eine neue Sichtweise. Unsere übliche Zeitvorstellung ist zu eng und zu simpel. Das Leben ist mehr als das, was sie erfasst.

 

AMEN


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