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Geistlicher Impuls für Sonntag, 22. November 2020

... von Pfarrer Thorsten Diesing

 

Ein jüdisches Sprichwort sagt: „Das Vergessen wollen verlängert das Exil – und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung!“ Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat diesen Satz bekannt gemacht, als er ihn in seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes zitiert hat.

Von Weizsäcker hat seine Rede damals in mahnender Absicht gehalten: wir Deutschen wurden aufgefordert, uns mit unserer eigenen Geschichte auseinander zu setzen. Eine bleibende Aufgabe! Und die Mahnung heute vielleicht noch dringender als damals.

Das Sprichwort redet aber auch zu uns ganz persönlich: Wie gehen wir mit unseren Toten, mit der Erinnerung an sie um?

 

„Das Vergessen wollen verlängert das Exil“: Das, was ich los werden will, bedrängt mich umso mehr – erwischt mich hinterrücks immer wieder – hält mich gefangen.

Ich denke, wir kennen das: „Ich muss doch langsam drüber hinweg sein!“, „Jetzt denk doch mal wieder an was anderes!“, „Kopf hoch!“ – und gerade wenn ich diesen Gedanken fasse, stürzt sich die Traurigkeit, die Verzweiflung wieder auf mich.

Die Psychologie hat unseren Blick dafür geschärft, wie sehr Verdrängtes uns doch immer wieder einholt und bestimmt.

Vergessen ist kein Weg! Erst recht nicht: Vergessen wollen!

 

Im 25. Kapitel des Matthäusevangelium erzählt Jesus ein Gleichnis von zehn Brautjungfern, die auf den Bräutigam warten, um ihn in den Festsaal zu geleiten. Alle haben die notwendigen Laternen dabei, aber nur fünf von ihnen haben an einen zusätzlichen Ölvorrat gedacht. Als sich nun die Ankunft des Bräutigams verzögert, geht den anderen fünf der Brennstoff aus.

 Von dieser Geschichte kann man eine Menge für die eigene Trauerarbeit lernen.

 

Wenn die Lichter ausgehen, dann ist das ein Bild dafür, dass die Erinnerung schwindet. Wenn man kein Öl mitgenommen hat, weil man schnell darüber hinwegkommen wollte,

dann läuft man in die Irre; dann gibt es kein neues Leben; keinen Neuanfang.

Die törichten Brautjungfern wollten sich nicht lange mit Lampen und Öl – mit der Vergangenheit – beschäftigen; und gerade sie haben am Ende nur noch damit zu tun: Müssen zum Kaufmann laufen. Irgendwie versuchen doch noch Lichter zu entzünden.

 

Sie wollten kein Öl mitnehmen, weil sie nicht wahrhaben wollten, dass es Nacht ist. Sie wollten verdrängen, was geschehen ist; den Tod, den Verlust leugnen; einfach weitermachen wie bisher?

Auch das kennen wir, auch das ist uns nahe: Verharren in der Vergangenheit – Festhalten wollen, was nicht mehr ist, was nicht mehr sein kann.

Vergessen wollen, verdrängen, genauso wie nicht wahrhaben wollen, verleugnen. Das führt auf Dauer in die Krise; führt nicht weiter in der Trauer.

Das Vergessen wollen verlängert das Exil!

 

Die klugen Brautjungfern lassen ihre Lampen leuchten. Auch sie erinnern sich, gedenken ihrer Lieben, die nicht mehr da sind. Doch es ist anders bei ihnen. Sie verharren nicht ausschließlich in der Erinnerung, in der Vergangenheit.

Sie denken auch an das weitere Leben, denn sie wissen, dass sie auf dem Weg sind.

Auf dem Weg durchs Leben.

Und dass dieses Leben weiter geht und noch neue Ziele hat.

 

Die Erinnerungen, die Lampen haben dabei einen Sinn für das Leben. Sie werden nicht verdrängt, sie werden nicht verleugnet – aber sie werden auch nicht zum alleinigen Inhalt, zum Sinn und Zweck.

Erinnerungen, die freudigen und die traurigen; die bei denen wir lachen und die bei denen uns schwer ums Herz wird, bereichern unser Leben; machen uns erst zu dem Menschen, der wir sind. Sie gehören zu uns – unauslöschlich.

 

Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung!

Das bedeutet einen Umgang mit der Vergangenheit, der nicht versucht sie durchzustreichen. Wenn wir Neues in unserm Leben beginnen, dann bedeutet das nicht, dass das, was gewesen ist und jetzt nicht mehr ist, deshalb weniger wert wäre.

Selbst wenn wir einen neuen Menschen kennen lernen, ihn lieben lernen: das streicht unsere Gefühle zum verstorbenen Partner nicht durch.

Seine Zeit, die Erinnerung daran darf bleiben.

Ja, die Erinnerung, der richtige Umgang mit ihr, ermöglicht erst den Weg zu neuem Leben, zu neuer Liebe.

 

Erlösung! Ein großes Wort – aber das richtige:

Ich bin frei in dieser Welt meinen Weg zu gehen,

weil alles was geschehen ist, alles, was für mich vorbei ist – nicht einfach weg ist:

es ist erlöst; es ist aufgehoben. Aufgehoben in der Erinnerung – hier bei mir.

Und aufgehoben bei Gott.

 

Denn das ist unser Glaube: bei Gott geht nichts von dem verloren, was unser Leben, unsere Persönlichkeit, unsere Identität ausmacht. All das ist eingeschrieben in das Buch des Lebens – wie es in der Bibel heißt: all das ist im Gedächtnis Gottes aufbewahrt.

Und dort kommt zum Ende, was hier auf Erden abgebrochen worden ist.

Die klugen Brautjungfern im Gleichnis feiern am Ende!

Gott wird abwischen alle Tränen. Der Tod wird nicht mehr sein. Nicht Leid, nicht Schmerz, nicht Geschrei wird noch sein im himmlischen Jerusalem, im Reich Gottes, in der Ewigkeit. Dort werden wir wieder vereint sein mit unseren Lieben, dort können wir wieder zusammen feiern.

 

Dahin sind wir unterwegs. Und der erste Schritt, das Geheimnis auf dem Weg der Erlösung heißt: Erinnerung.

AMEN


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