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Geistlicher Impuls für den 3. Advent, 13. Dezember 2020

Geduld

Geistlicher Impuls zum dritten Advent

von Thorsten Diesing

 

Ich glaube, es gibt kaum einen Menschen, der gut ist in Geduld. Der sich nicht ungeduldig fragt, was denn wohl hinter der nächsten Tür am Adventskalender ist, den es nicht ärgert, wenn das Paket von Amazon nicht am angekündigten Tag kommt …
Man hält Ungewissheit und Unsicherheit nicht lange aus! Man muss wissen, wie es weitergeht. Was kommt.

 

Das macht es zurzeit so schwer:
Wir leben gerade in einer Situation, in der die Zukunftsaussichten unsicher geworden sind.
Wie feiern wir Weihnachten? Wie geht es mit Corona weiter?
Was werden die Folgen sein: für die Wirtschaft? Für die Kultur? Für die Gesellschaft? Für die Jugend? Und nicht zu vergessen, die vielleicht noch größeren Krisen: Welche Folgen hat die Erwärmung der Welt?
Alles unsicher, alles ungewiss.

 

Ungewissheit ist oft nur schwer auszuhalten.
Viele, die eine schwere Krankheit haben, haben das so erlebt: Die Zeit der Ungewissheit war viel schlimmer auszuhalten als die Gewissheit der Diagnose – so verheerend sie auch war. 

 

Ungewissheit ist oft nur schwer auszuhalten.
Darum suchen wir Menschen gerne nach Antworten, nach Sicherheiten, nach Gewissheiten. Verschwörungsideologien wachsen ganz wunderbar auf diesem unsicheren Boden. Eine einfache, klare Erklärung, ein roter Faden, der sich durch das Wirrwarr und die Ungewissheit der Nachrichten durchzieht – das ist für viele attraktiv, weil es endlich Halt gibt, Gewissheiten gibt. Und weil das so wertvoll ist, lassen sie sich das dann auch nicht durch Fakten und Argumente wegnehmen.

 

Vielleicht hängt diese Sehnsucht nach Gewissheiten damit zusammen, dass viele das Vertrauen in die Zukunft verloren haben. Vor einigen Jahren, da war das noch anders. Da haben die meisten Menschen ganz optimistisch in die Zukunft geschaut.
Es wird aufwärts gehen, haben sie geglaubt. Wachstum ohne Ende. Es wird immer besser, wir werden immer reicher, freier, zufriedener.
Diesen Optimismus finden wir heute kaum mehr.

 

„Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war!“ hat Karl Valentin einmal gesagt.

Für mich stellt sich dann aber die Frage:
Wie kann ich damit umgehen? Wie kann ich diese Aussichten ertragen ohne verrückt zu werden? Soll ich einfach die Augen zumachen? Den Kopf in den Sand stecken?

 

Diese Frage ist so alt wie das Christentum. Schon ganz am Anfang, in der Urkirche, haben Menschen nach Antworten auf diese Frage gesucht. Einer dieser Menschen war Jakobus. Der Bruder von Jesus und der erste Leiter der Gemeinde in Jerusalem. In seinem Brief, der in der Bibel steht, schreibt er:

 

Liebe Brüder und Schwestern, haltet geduldig aus, bis der Herr kommt! Seht, wie der Bauer voller Geduld auf die kostbare Frucht der Erde wartet. Er weiß, dass sie zum Wachsen den Herbstregen und den Frühjahrsregen braucht. Auch ihr müsst geduldig aushalten! Fasst Mut; denn der Tag, an dem der Herr kommt, ist nahe. (Jakobus 5,7+8)

 

Für viele klingt die Mahnung, geduldig zu warten, ganz schlecht. Das klingt nach: Passiv abwarten und alles erdulden und ertragen und nicht aufmucken und nach Klappe halten und alles gehorsam hinnehmen, wie es kommt.
So hat Jakobus es aber gar nicht gemeint.
Geduld heißt auf griechisch – und Jakobus hat auf griechisch geschrieben –  „makrothymos“ – „Makro“, das kennen wir aus anderen Fremdwörtern, hat immer etwas mit „Größe“ zu tun. Und „Thymos“ bedeutet „Herz, Leben, Gemüt, Mut“.

 

„So seid nun großen Mutes; lebt mit weitem Herz, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn.“ So könnten wir die Worte von Jakobus eigentlich wörtlich übersetzen.
Oder: „Liebe Brüder, seid nicht kurzatmig und verkrampft als Christen in dieser Welt.“

 

Großer Mut, weites Herz – wer so lebt, der kann Dinge verändern. Wer nicht kurzatmig und verkrampft ist, der lebt leicht und frei und lebt aus Hoffnung. Und das steckt an. Und das gibt einen langen Atem, schwierige Zeiten durchzuhalten, ohne den Lebensmut zu verlieren.

 

Martin Luther hat einmal über die Geduld gesagt:

 

„Das Evangelium lehrt uns nicht, wie wir des Unglücks loswerden und Friede haben, sondern wie wir darunterbleiben und überwinden; dass es nicht durch unser Zutun und Widerstreben abgewandt werde, sondern dass sich’s an uns matt und müde arbeite und solang uns treibe, bis es nimmer kann und von selbst aufhöre und kraftlos abfalle; wie die Wellen auf dem Wasser am Rande sich stoßen und von selbst zurückfahren und verschwinden. Es gilt nicht weichen, sondern beharren.“

 

Geduld, das kann man auch übersetzen mit: Zähigkeit oder mit Standhaftigkeit.

 

Die Menschen, die im Vertrauen auf Gott und auf seine Zusagen gegründet sind, die haben einen festen Stand. Die Menschen, die sich von Gott rufen lassen, trotz allem verantwortlich zu handeln, auch wenn es verrückt aussieht und aussichtslos, die aber trotzdem im Vertrauen auf Gott handeln, einfach weil sie wissen: Gott ruft mich, er fragt nach mir. Diese Menschen halten Stand. Egal was die Zukunft bringen wird.

 

Diese Menschen leben mit einem großen Mut und einem weiten Herzen.
Gott schenke uns allen diesen großen Mut und solche weiten Herzen.

 

Amen.


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