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Geistlicher Impuls zum 1. Weihnachtstag

Eine Weihnachtspredigt zu Johannes 1 (ganz ohne Corona)

Von Pfarrer Thorsten Diesing

 

Liebe Gemeinde,

das Johannes-Evangelium hat keine Weihnachtsgeschichte; kein Engel bei den Hirten auf dem Felde wie bei Lukas; und auch kein Stern, der den Weisen den Weg zeigt, wie bei Matthäus. Und doch hat es ganz am Anfang ein Loblied, das das Wunder der Weihnacht besingt – und das ganz ohne Ochs und Esel und Kind in der Krippe.

 

Am Anfang war das Wort; und das Wort war bei Gott.

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns,

und wir sahen seine Herrlichkeit.

 

Das ist Weihnachten – und das ist das größte Wunder – für die Menschen damals und für uns heute: Gott wurde Mensch – unvorstellbar eigentlich / undenkbar / verrückt.

 

Es war die Liebe, die Gott auf diese verrückte Idee brachte, auf die Idee Mensch zu werden. Es war die Liebe; und aus Liebe macht man schon mal was Verrücktes. Und verrückt ist es – wenn man mal genauer drüber nachdenkt (und wenn man versucht, es zum ersten Mal zu denken – so, als hätte man vorher noch nicht davon gehört):

 

Gott wird Mensch – und zwar so richtig aus Fleisch und Blut. Das Wort ward Fleisch – und wenn man es sticht, dann blutet es. Es kann und wird Schmerzen haben. Und es kann und wird sterben.

 

Was für eine verrückte Idee für einen Gott. Das kann nur aus Liebe geschehen sein. Denn was tut man nicht alles aus Liebe? Ein Ehepaar pflegt die verwirrte Mutter bzw. Schwiegermutter – jahrelang. Sie können nicht mehr in Urlaub fahren. Es geht schon längst über ihre Kräfte. Das ist verrückt. Alle sagen, sie sollten doch mal an sich denken. Ja, das wäre vernünftig. Aber sie können nicht anders – aus Liebe.

 

Auch wenn Verzicht / Aufgabe / Hingabe nicht modern klingen; auch wenn es mehr der gängigen Meinung entspricht sich selbst zu verwirklichen als sich aufzuopfern, uns allen fallen bestimmt sofort Menschen ein, die nicht zuerst an sich denken – aus Liebe.

 

Eine Frau gibt ihren Beruf auf für ihr behindertes Kind; ein Mann verzichtet auf die Karriere, um mehr von seiner Familie zu haben. Jemand besucht Menschen im Krankenhaus / im Hospiz, die er vorher gar nicht kannte.

Menschen opfern ihre Zeit – und ihr Geld, um anderen Menschen beizustehn.

 

Und Gott wurde Mensch. Er entäußerte sich selbst, heißt es an anderer Stelle in der Bibel – bei Paulus: er entäußerte sich – blieb nicht bei sich; blieb nicht in seinem Eigentum; sondern ging in die Fremde / wurde selbst fremd.

Wurde etwas, was so verschieden von dem war, was er zuvor gekannt hatte.

 

Mich erinnert das an den Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“ von 1987 – so lang ist das schon her. Leider läuft der schon lange nicht mehr im Fernsehen. Nur das Hollywood-Remake „Stadt der Engel“ wird ab und zu mal wiederholt.

 

Die Handlung:

Mitten unter den Menschen bewegen sich Engel. Sie sind unsichtbar. Nur im Augenblick des Todes können die Menschen sie sehen. Denn die Engel helfen ihnen, die Schrecken des Sterbens zu überstehen, und begleiten sie in die andere Welt. Die Engel sehen alles, hören alles – können auch die Gedanken lesen; aber eingreifen in das Leben können sie nicht. Sie haben auch keinerlei körperliche Empfindungen; sie riechen und schmecken nichts.

 

Einer dieser Engel verliebt sich in eine Ärztin, verliebt sich – im wahrsten Sinne des Wortes – „unsterblich“. Immer ist er ihr nahe. Und weil er ihre Gedanken lesen kann, ist er ihr näher als es irgendein Mensch sein könnte. Und doch ist er ihr auch unendlich fern, denn er kann sie nicht spüren / nicht berühren. Und sie weiß nichts von ihm.

 

Und auch als er sich ihr zeigt, können sie nicht zueinander finden. Seine Unsterblichkeit trennt sie. Deshalb beschließt er, sie aufzugeben.

 

Die anderen Engel halten ihn für verrückt: er könne die Frau doch weiter aus der Distanz lieben. Aber er weiß, dass dieser Liebe immer das Entscheidende fehlen würde. Und darum wird er ein sterblicher Mensch; obwohl er weiß, dass er das nicht mehr rückgängig machen kann; dass er nun eines Tages selber sterben muss.

 

Die beiden werden ein Paar. Aber nur für einen Tag und eine Nacht; denn am nächsten Morgen verunglückt die Ärztin tödlich.

Hat es sich gelohnt, für diese kurze Liebe Mensch geworden zu sein? – ein anderer Engel fragt ihn das. Und er antwortet: Ja, sie war es wert, ein Sterblicher geworden zu sein.

 

Nehmen wir das als Gleichnis für Gott: wenn man Jesus fragen würde: Hat es sich gelohnt, dass du Mensch geworden bist?

Er würde – wie der Engel im Film - sagen: Ja, sie waren es wert! – die Menschen.

 

Das ist schon ziemlich verrückt, wenn man es recht bedenkt. Und sehr menschlich gedacht – von Gott. Aber das ist es ja gerade / das ist das Besondere / das Wunderbare: Gott wurde ein Mensch, weil er menschlich dachte und empfand. Eigentlich schon bevor er Mensch wurde.

Denn er liebt uns auch in der Rolle des unsterblichen und allmächtigen Gottes. Die Liebe brachte ihn dazu, seine Unsterblichkeit aufzugeben und Mensch zu werden. Er verzichtete auf die Ewigkeit – jedenfalls vorübergehend. Er gab seine Unsterblichkeit auf, denn sie trennte ihn von uns. Er gab sich den Menschen hin in diesem Kind in der Krippe.

Und warum? Weil er uns liebt. Und wer liebt, der tut schon mal was Verrücktes.

 

Oder nein! Jetzt, wo wir es besser verstehen, ist es gar nicht mehr verrückt: Gott tut das einzig Logische und Richtige:

Weil er uns so liebt, will er uns so nahe sein, dass er uns gleich werden muss. Er wurde so verletzlich wie wir; so bedürftig nach Liebe wie wir.

 

Was tut man nicht alles aus Liebe?

Mir wird ganz warm ums Herz, wenn ich mir das vorstelle: Gott will mir nahe sein. Dafür gibt er sich hin – als hilfloses Kind in der Krippe – und als Mann, der ans Kreuz genagelt wird.

Gott will mir nahe sein. Er zeigt uns, was Liebe ist. Eine Liebe, die etwas aufgibt. Ja – Liebe ohne ein Stück Selbstaufgabe gibt es nicht. Aber wie groß ist der Gewinn!!

 

An Tagen wie heute – an Weihnachten – kann man das manchmal spüren.

So wie die Menschen in Wim Wenders Film manchmal gespürt haben, dass Engel ihnen nahe sind – und sie sich getröstet und gestärkt fühlten.

 

Das feiern wir an Weihnachten: Gott wurde aus Liebe zu uns Mensch – um uns ganz nahe zu sein.

 

Amen

 


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