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Geistlicher Impuls zum Jahreswechsel

Vom Lockdown zur Exit-Strategie - Gedanken zum Jahreswechsel mit Rückgriff auf die Exodus-Geschichte (2. Mose 12-13)
von Pfarrer Thorsten Diesing

 

1a   Lockdown in Ägypten (Ex 12,1–28)

Pitom und Ramses in Ägypten, 15. April 1440 v. Chr. Das ganze Volk Israel befindet sich im Lockdown; auch Levi und seine Familie. Seit ihrer Geburt leben sie als Sklaven unter der Knechtschaft der Ägypter. Doch in den vergangenen Wochen hat sich ihr Leben radikal verändert. Denn da ist dieser Mose aufgetreten und hat gesagt, dass Gott die Israeliten aus der Knechtschaft Ägyptens befreien wird. Nun haben sie sich wie alle anderen in ihren vier Wänden eingeschlossen. Niemand darf hinausgehen, denn draußen geht der Tod um. Sie haben Angst, sind angespannt und voller Ungewissheit. Heute Nacht soll es soweit sein.

Wie wird es mit ihnen weitergehen? Kann Gott sie wirklich befreien?

 

1b   Lockdown in Deutschland

Sankt Augustin, 15. April 2020. Ganz Deutschland befindet sich im Lockdown; auch Peter und seine Familie. Lockdown – ein Wort, das Peter und vielen anderen Millionen bis dahin völlig unbekannt war. Er ist verunsichert. Sein Leben hat sich in kurzer Zeit so radikal verändert, dass seine Gefühlswelt kaum noch nachkommt. Er arbeitet im Home-Office und vermisst sein altes, gewohntes Leben. Wir sollen unsere Wohnungen nicht verlassen, unsere Außenkontakte auf ein Minimum reduzieren. Draußen geht das Virus um.
Die letzten Wochen im Frühjahr haben bei Peter einiges durcheinandergebracht: „Wann kann ich meine Freunde endlich wiedersehen und in den Arm nehmen? Wie gefährlich ist das Virus eigentlich? Was ist mit den großen Festen und Feiern, die dieses Jahr anstehen? Werde ich meinen Job behalten können? Wie geht es weiter? Angst vor der Zukunft. Diese Unsicherheit ist das Schlimmste. Und: Wo ist eigentlich Gott?“

 

2a   Der Auszug, oder: Die vermeintliche Freiheit (Ex 12,29–42)

Zurück in Ägypten: Es war noch mitten in der Nacht, als Levi aus dem Schlaf gerissen wurde. Ein Klopfen an der Tür. Das Signal zum Aufbruch. Der Pharao lässt die Israeliten tatsächlich ziehen. Gott hat nicht lockergelassen. Er hat buchstäblich Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, um sein Volk aus der Knechtschaft Ägyptens zu befreien. Und nun hat der Pharao endlich eingelenkt. Alle Israeliten – auch Levi und seine Familie – dürfen gehen.

Es ist ein Wunder. Sie hatten kaum gewagt zu hoffen, dass dies wirklich geschehen wird. Die Euphorie ist spürbar. Und Erleichterung ist vielen ins Gesicht geschrieben. Gemeinsam sind sie unterwegs, unterwegs in eine neue Zukunft, unterwegs in das gelobte Land, unterwegs in die lang ersehnte Freiheit.

 

2b   Der Auszug oder: Lockerungen machen Hoffnung!

Es ist August. Sommer in Sankt Augustin. Eigentlich wären bald Pützchens Markt und das Hangelarer Spektakel. Aber beides ist abgesagt, wie so vieles. Peter arbeitet inzwischen wieder im Büro. Ein Stück Normalität kehrt ein. Einige seiner Freunde sind sogar in Urlaub gefahren. Für Peter sind das Zeichen der Hoffnung. Sie schenken ihm gerade jetzt die nötige Geduld und Gelassenheit, die Einschränkungen und Schwierigkeiten zu ertragen und anzunehmen. Manchmal hat er das Gefühl, dass Gott ihn sicher führt durch diese unsichere Zeit, dass Gott ihn nicht allein lässt.

 

3a   An der Schwelle zur Wüste (Ex 13,17–22)

Der Pharao hatte die Israeliten ziehen lassen. Doch genau wie viele andere begreift auch Levi recht schnell, dass dies nicht das Ende der Mühen sein wird. Vor ihnen liegen hunderte Kilometer trockene und felsige Wüste. Die anfängliche Euphorie im Volk ist inzwischen dem harten Realismus gewichen, dass der Weg in die Freiheit gerade erst begonnen hat. Wüstenjahre stehen ihnen bevor. Gott führt sie auf Umwegen zum Ziel. Es ist paradox: Sie befinden sich an der Schwelle zur Freiheit und zugleich befinden sie sich an der Schwelle zur Wüste. Doch ganz gleich welche Gefahren und Bedrohungen vor ihnen liegen: Sie vertrauen auf Gott. Sie vertrauen darauf, dass er die richtige Exit-Strategie für ihre Situation bereithält.

Und Gott geht ihnen voraus: Am Tag in einer Wolkensäule, um ihnen den rechten Weg zu weisen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen als Licht zu leuchten. (Ex 13,21f.). Sie sind die sichtbaren Zeichen seiner Treue. „Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

 

3b   An der Schwelle zum neuen Jahr

Sankt Augustin, 31.12.2020. Peter steht an der Schwelle zum neuen Jahr. Im Lockdown ins Jahr 2021. Zwar gibt es Hoffnung. Hoffnung auf Corona-Impfungen. Hoffnung auf Lockerungen. Hoffnung auf ‚Normalität‘. Aber vieles in Peters Leben ist und bleibt ungewiss. Die letzten Wochen hat er als Rückschlag erlebt für sich und seine Familie. Im Herbst kam der Schock: Corona breitete sich immer stärker aus. Der berüchtigte Inzidenzwert lag im Rhein-Sieg-Kreis nahe der 200er-Marke.
Die Krise kommt gefühlt immer näher. „Wie lange denn noch?“, fragt man sich an so manchem Abend vor dem Schlafen Gehen.
Das Ganze dauert vermutlich viel länger als gedacht. Und niemand kann einem ein ‚Dann ist endlich alles vorbei‘-Datum nennen. Das zieht manchmal ganz schön runter und raubt den Lebensmut. Wir stoßen an die Grenzen unserer Kräfte.
Leben ist und bleibt bedroht, angreifbar und zerbrechlich. Auch mein eigenes. Das ist in den letzten Jahren irgendwie in Vergessenheit geraten. Gefahren waren oft weit weg, im Fernsehen oder in der Zeitung, und berührten uns persönlich meist nur selten. Das ist jetzt anders. Wir merken, wie machtlos wir sind, wie schnell und leicht unsere persönlichen Pläne durchkreuzt werden können, und wie hilflos man sich fühlen kann.
Wie schaffe ich es, damit umzugehen? Was trägt mich dann durch diese Zeit? Wie halte ich durch? Wie komme ich durch diese Tage, wenn ich allein mit meiner Familie in meiner Wohnung sitze und mich von der Welt isoliert und abgeschnitten fühle?

 

Da gibt es kein Patentrezept. Mir helfen zum Beispiel vertraute Orte und Personen. Etwas von ‚früher‘, von ‚vorher‘. Aus der Zeit, in der noch alles ‚in Ordnung‘ war. Die Stimmen von guten Freunden am Telefon, bei Skype oder Zoom.
Oder auch das Gebet. Ich kann all das vor Gott ausbreiten, was mich in meinem Innersten bewegt, was mir auf der Seele brennt, was mich beunruhigt und nicht schlafen lässt: Meine Sorgen, meine Fragen, meine Ängste. All das was ich nicht verstehen und begreifen kann.

 

Der Weg – gerade in diesem Jahr – war nicht leicht. Es ist ein Weg der Geduld. Ein Weg, bei dem viel Unerwartetes auf uns zukommt und manchmal nicht alles wie geplant verläuft. Gott führt uns auf Umwegen zum Ziel. Und: Gott geht nicht nur mit. Er geht voraus!

 

„Gottes Wege sind die Wege, die er selbst gegangen ist und die wir nun mit ihm gehen sollen. Keinen Weg läßt uns Gott gehen, den er nicht selbst gegangen wäre und auf dem er uns nicht voranginge. Es ist der von Gott gebahnte und geschützte Weg, auf den er ruft. So ist es wirklich sein Weg.“ (Dietrich Bonhoeffer)

 

Diese Gewissheit trägt nicht nur Peter, sondern kann auch uns durch das vor uns liegende Jahr 2021 tragen und Hoffnung schenken.
Auch, wenn gerade niemand um unser herum ist, wir isoliert unter Quarantäne stehen oder gerade keine Möglichkeit haben, mit anderen persönlich in Kontakt zu kommen. Auch wenn wir nicht wissen, wie der ganze Weg verlaufen wird.
Jetzt, genau in diesem Moment, ist Gott bei dir – und bei jedem von uns. Er wird uns durch diese unsicheren Zeiten begleiten. Gott gibt Sicherheit. Er steht uns bei. „Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

 

Es gibt Wüsten im Leben, die endlos scheinen. Es gibt Verhältnisse in der Welt, die den Glauben an die Gegenwart Gottes extrem schwierig machen. Auch oder gerade in solchen Momenten gilt Gottes Zusage: Er ist bei uns und führt uns. Am Tag und in der Nacht. In Ägypten und Sankt Augustin. Vor über 3.000 Jahren und auch heute beim Übergang ins Jahr 2021.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

 

(nach einer Idee von Malte Cramer und Niels Kindl)


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