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Predigt von Pfarrerin Angelika Hagena zum Sonntag, 17. Januar 2021

Predigt über Johannes 2,1-11 zum 2. Sonntag nach Epiphanias am 17.1.2021

 

Kanzelgruß:

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

 

„Wenn es endlich wieder geht, dann feiern wir es ganz groß nach.“

Liebe Gemeinde, wie oft haben Sie diesen Satz im letzten Jahr gehört oder selbst gesagt? Was musste da alles abgesagt werden: Geburtstagsfeiern, Familientreffen, Hochzeiten und Taufen, Weihnachtsfeiern im Betrieb und im Kreis der Familie. Sicher, vieles lässt sich tatsächlich irgendwann nachholen, aber manchmal stand dabei auch die unausgesprochene und bange Frage im Raum: vielleicht wird nächstes Weihnachten der schwer kranke oder hochbetagte Verwandte doch nicht mehr mit dabei sein.

 

Was für ein wichtiger Teil unseres Lebens diese Feste eigentlich sind, das ist uns an so mancher Stelle bewusst geworden. Oft sagen Angehörige im Trauergespräch im Rückblick auf das Leben des Verstorbenen: „Wie schön, dass er die Hochzeit unserer Tochter noch miterleben konnte!“ „Wie schön, dass wir ihren letzten runden Geburtstag noch einmal im Kreise aller Lieben begehen konnten!“  Feste sind mehr als Unterbrechungen des Alltags. Feste sind Zeichen: Wir hier gehören zusammen, sind füreinander da und freuen uns zusammen zu sein.

 

Ja klar, wir wären nicht Menschen, wenn dies alles ohne Spannungen und Krisen zu haben wäre. Ja, Onkel Werner erzählt jedes Jahr die gleichen Geschichten und muss ständig im Mittelpunkt stehen und mit Tante Ulla ist es traditionell eher spannungsreich. Die Kinder spielen unterdessen heimlich und still vergnügt Weihnachtsphrasen-Bingo: „Der Baum ist aber wieder schön geschmückt.“ „Du bist aber groß geworden.“ „Fantastisch, deine Gans!“

 

Und trotzdem: Hätten wir gar nicht gedacht, dass wir eines Tages sogar die Geschichten von Onkel Werner vermissen und die spitzen Bemerkungen von Tante Ulla. Wir sind eine chaotische und verrückte Familie, und das wollen wir feiern. Und bei den kirchlichen Festen des Kirchenjahres kommt noch hinzu: Es ist wunderbar, auch mit dir, Gott, hier zusammen zu sein, auch dich und dein Wirken verstehen wir nicht immer, und trotzdem ist es schön, dir in Freude und Leid verbunden zu sein und diese Gemeinschaft hier in der Kirche ganz besonders zu spüren.

 

Jesu öffentliches Wirken beginnt im Johannesevangelium mit einem Fest, der Hochzeit zu Kana. Nicht mit einer Bußpredigt am Jordan wie der Täufer Johannes setzt Jesus ein, sondern auf einem Fest, auf einer Hochzeit gibt er sich zu erkennen: Ja, der Himmel steht offen, und Gottes Geist ist in mir mitten unter uns. Ja, das Himmelreich ist wie ein Fest. Es ist ein Fest der Liebe und des Lebens. Das Bild einer himmlischen Hochzeit bricht ein in diese irdische Hochzeit. Das, was der Prophet Hosea einst seinem Volk Israel verheißen hat, wird auf dieser Hochzeit zu Kana offenkundig: „Gott spricht: Ich will mich mit dir verloben für alle Ewigkeit, ich will mich mit dir verloben in Gerechtigkeit und Recht, in Gnade und Barmherzigkeit.“ Jesus selbst scheint noch zu überlegen: tatsächlich hier und jetzt in Kana auf dieser Hochzeit, wo er eher zufällig zu Gast ist, soll offenbar werden, wer er ist? Seine Mutter Maria dagegen scheint unbeirrbar: Ja, der Moment ist gekommen, hier und jetzt:

 

VERLESUNG DES PREDIGTTEXTES: JOHANNES 2,1-11

Die Hochzeit zu Kana1 Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. 2 Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen. 3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. 4 Jesus spricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. 5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut. 6 Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße. 7 Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. 8 Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt's dem Speisemeister! Und sie brachten's ihm. 9 Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten's, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam 10 und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. 11 Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

 

Liebe Gemeinde,

 

der erste Gedanke, der mir bei diesem Bibeltext kam, war Sehnsucht. Sehnsucht, bei diesem Fest dabei zu sein. Sehnsucht, unbeschwert und ausgelassen zu feiern, zu erzählen und zu singen, zusammenzukommen ohne Angst, Bedenken und Mundschutz, Feste zu planen ohne gleich die Absage hinterherzuschicken, einzuladen, ohne zu denken: hoffentlich kommen am Ende nicht zu viele.

 

Diese Geschichte aber beginnt auch nicht mit einem rauschenden Fest, sondern mit der enttäuschten Feststellung: »Sie haben keinen Wein mehr.« Wässrige Tage, Ernüchterung statt Leben in Fülle. Graue, dunkle Tage, die sich in diesem Winter endlos aneinanderreihen. Wie unter einem Schleier liegt die Vergangenheit, Erinnerungen an Lebensfreude und Leichtigkeit, an Musik und Tanz, auch an die Feier der Abendmahls als Vorzeichen der kommenden Herrlichkeit Gottes. Ringsum immer mehr Menschen in psychischen Krisen. So viele Feste sind schon verschoben, niemals können wir das alles nachholen. Resigniert kehrt der Rückzug in die eigenen vier Wände ein, die Gedanken kreisen, der Mut, etwas Neues anzupacken sinkt.

 

So lasst uns wenigstens in Gedanken gehen zu diesem Fest. Maria sitzt alleine, Jesus ist mit seinen Jüngern gekommen. Maria aber wartet auf  uns. Sie schaut sich um, sieht die Menschen ringsherum, die peinlich berührten Gastgeber, das enttäuschte Brautpaar und die kippende Stimmung in der Festgemeinde. Maria lässt sich von dieser Stimmung nicht mitreißen. Wie ein Fels in der Brandung sitzt sie da und wir erinnern uns, wo wir sie zuletzt trafen zu Weihnachten.  Sie hatte sich damals die Worte bewahrt in ihrem Herzen, die Worte des Engels und die Worte der Hirten hatte Maria behalten und in ihrem Herzen bewegt, so erzählte es uns zuletzt die Weihnachtsgeschichte. So sitzt sie nun da mit einem verborgenen Schatz in ihrem Herzen, wie ihn so viele Menschen der älteren Generation noch in sich tragen. Psalmen, Liedverse von Paul Gerhardt, Konfirmationssprüche und biblische Geschichten, die schon in vielen Krisen Halt und Anker waren. Auf dieser Hochzeit lernen wir sie nun näher kennen, eine erstaunliche und beharrliche Frau. Ja, sie hat sich ihren Glauben bewahrt, zum einen den Glauben an ihren Sohn Jesus, den sie durchhält. Im Johannesevangelium begegnen wir der Mutter Jesu nur an zwei Stellen: hier auf dieser Hochzeit in Kana und dann am Ende unter dem Kreuz, als Jesu „Stunde gekommen ist“, von der Jesus hier in kryptischen Worten spricht.

 

Maria weiß nichts von dieser Stunde, sie hält zu ihrem Sohn in guten und in bitteren Stunden, glaubt an ihn so wie liebende Eltern zu ihren Kindern bedingungslos Ja sagen, auch wo sie zum Handeln ihrer Kinder ein klares Nein sagen. Sicher, das eigene Kind gibt ihr Rätsel auf, weist sie zurück und verwirrt sie.

 

Und doch weiß sie besser als alle, wer ihr Sohn ist. So gibt sie mutig den Dienern Anweisung:  „Was er euch sagt, das tut.“ Und wir wissen schon, diese Frau wird sich bis zum bitteren Ende, bis zur Szene unter dem Kreuz, wo wir sie wiedertreffen werden, ihren Glauben an ihren Sohn und ihren Glauben an Gott bewahren: Ja, gegen allen Anschein wird Gott zu einem guten Ende führen wird, was er begonnen hat. Und so scheint es, dass in dieser Szene der feste Glaube seiner Mutter auch Jesus beeindruckt. „Dein Glaube hat dir geholfen“, so wird es Jesus noch oft zu Menschen sagen. Wunder kommen zu denen, die an sie glauben, damals in Kana und auch heute in der Corona-Krise.

 

Es tat gut Platz zu nehmen, endlich wieder einmal zu feiern und diese Frau neben uns zu erleben, die so viel Halt aus ihrem Glauben zieht. Zu sehen, wie dieser Glaube sie sensibel macht für die Nöte der anderen auf diesem Fest, wie ihr Glaube die Grenze zwischen ihr und ihrem Sohn überwunden hat. Und wie sie mit ihrer Beharrlichkeit schließlich ein Stück vom Himmel für alle wahr werden ließ, neue Festfreude, Gemeinschaft mit Gott und den Menschen ermöglichte.

 

Bewegt von dieser Begegnung gehen wir heim. Ja, Gott, lass uns wie Maria Boten dieser Freude sein. So lässt sich die Welt zum Besseren verändern. „Die evangelische Kirche unterscheidet sich ja nicht mehr von einem Wohltätigkeitsverein“, sagte mir neulich jemand. „Doch“, sagte ich, „wir haben Hilfe von oben.“ Und die brauchte Maria schließlich auch, dass am Ende dann sogar noch Wasser zu Wein wurde.

 

Kanzelsegen:

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn.

Pfarrerin Angelika Hagena

 

Fürbitten

 

Du, unser Gott, Du feierst das Fest des Lebens

und lädst uns ein als Deine Gäste.

Stecke uns an mit Deiner Freude

und lass uns strahlen,

so dass auch andere Deine Gäste sein wollen.

 

Manchmal spüren Menschen nichts von Deinem Fest des Lebens.

Sie stehen am Rand: Einsame – lass sie nicht allein.

Sende Menschen zu ihnen, die sie fühlen lassen, dass Du für sie da bist.

Menschen, die fremd sind, weil sie ihre Heimat verlassen mussten.

Lass sie ein neues zu Hause finden.

Wir rufen zu Dir: Herr, erbarme Dich!

 

Manchmal spüren Menschen nichts von Deinem Fest des Lebens.

Sie stehen am Rand: Hungernde – wecke uns, dass wir ihre Not nicht ausblenden.

Mache unser Herz weit, dass wir sie teilhaben lassen an unserem Reichtum.

Opfer von Gewalt, Terror und Krieg.

Mache uns empfindsam für ihre Angst und Not.

Gib den Verantwortlichen Weisheit und Mut,

dass sie Wege der Versöhnung und des Friedens suchen.

Schenke uns friedliche Gedanken,

Ausdauer und Kraft, für Frieden einzutreten.

Wir rufen zu Dir: Herr, erbarme Dich!

 

Manchmal spüren Menschen nichts von Deinem Fest des Lebens.

Sie stehen am Rand: Kranke, Traurige;

Menschen, die an Dir verzweifeln,

weil sie Deine Nähe nicht spüren können.

Schenke uns Mitgefühl,

lass uns entdecken, wie wir trösten und ihnen nahe sein können.

Gib Dich zu erkennen

und verwandle ihre Ungewissheit in Staunen.

Wir rufen zu Dir: Herr, erbarme Dich!

 

Gott, Du feierst das Fest des Lebens

und lädst uns ein als Deine Gäste.

Sieh uns freundlich an.

Dann tanzt uns das Herz

und wir feiern das Leben mit Dir und mit allen, die uns vorausgegangen sind.

Voller Freude und Staunen wollen wir Deine Herrlichkeit schauen.

– Darauf lass uns vertrauen.

 

Vater unser…

 

Verfasser der Fürbitten: Pfarrer Stephan Köhler


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