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Geistlicher Impuls für Sonntag, 31. Januar 2021

– 2. Petrus 1,16-17

 

von Pfarrer Thorsten Diesing

 

Wem können wir eigentlich glauben?

Das ist keine neue Frage angesichts von „alternativen Fakten“ und Verschwörungstheorien oder – aus der mir fremden Perspektive – von Lügenpresse und angeblich gleichgeschaltetem

Mainstream-Journalismus.

 

Wem können wir eigentlich glauben?

Das ist schon die Frage am Beginn der Geschichte des Christentums.

Petrus oder – genauer gesagt – einer, der sich als Petrus ausgibt, stellt diese Frage ganz zu Beginn seines Briefes, der es bis in die Bibel geschafft hat. Und seine Antwort ist:

„Wir haben uns nicht auf geschickt erfundene Märchen gestützt, als wir euch das Kommen unseres Herrn Jesus Christus in Macht und Herrlichkeit bekannt gemacht haben. Wir haben mit eigenen Augen seine göttliche Hoheit gesehen. Gott, der die höchste Macht hat, sagte zu ihm: Dies ist mein Sohn, ihm gilt meine Liebe, ihn habe ich erwählt.“ (2. Petrus 1,16f)

 

Wenn man mal die gehobene Sprache abzieht, und das Ganze auf die Form der Statements in den Social Media runterbricht: „Wir haben uns das nicht ausgedacht! Wir haben es selbst erlebt! Und darum ist es wahr!“ Wahrscheinlich in Großbuchstaben, alles mit mehreren Ausrufezeichen und keinen Widerspruch duldend.

 

Wer so schreibt, steht unter Druck. Früher, so meint er, war alles easy: Die Jünger Jesu glaubten, weil Jesus einfach so überzeugend war. In seiner Nähe machten sie die Erfahrung, dass Gott bei ihnen war; dass Gott sie liebhatte; dass sie mit all ihren Fehlern zu ihm kommen konnten. Mit Jesus zusammen machten sie die Erfahrung, dass Gottes neue Welt – sein Reich - wirklich kommt.

 

Nach der Kreuzigung hatten die ersten Christen immer noch die Jünger, die Apostel, als Augenzeugen, die von Jesus erzählen konnten: sie berichteten von der Auferstehung und waren erfüllt von der Hoffnung, dass Christus bald wiederkommen würde, um das Reich Gottes auf Erden zu vollenden.

 

Aber mit den Jahren gerät das Christentum in eine ernste Krise: die Augenzeugen sterben langsam aber sicher aus.

Gegenmaßnahme: die Erlebnisse mit Jesus und seine Worte werden aufgeschrieben, festgehalten für die Nachwelt. Bis heute haben wir diese Schriften: die Evangelien.

Doch es zeigt sich: es ist nicht dasselbe, ob jemand lebendig erzählt, der dabei gewesen ist, oder ob man ein Buch liest. Immer mehr Zweifel kommen auf: Von Gottes Reich ist wenig zu sehen. Die Christen werden verfolgt, gefoltert, getötet. Könnte es nicht sein, dass die ganze Geschichte mit Jesus nur ausgedacht ist? Ein schönes Märchen?

 

Gegen diese Zweifel ist dieser Brief gerichtet (und von daher ist klar, dass er nicht von Petrus selbst geschrieben ist, sondern deutlich später):

„Wir haben uns nicht auf geschickt erfundene Märchen gestützt, als wir euch von Jesus Christus erzählt haben! Wir wissen ganz sicher, dass es wahr ist! Jesus ist Gottes Sohn, der Retter der Welt. Und warum wissen wir das? Ich selbst als Augenzeuge bezeuge die Wahrheit: Die Sache mit Jesus ist kein Märchen!“

 

So verzweifelt dieser „Petrus“ argumentiert, so hoffnungslos ist es. Selbst wenn man ihm geglaubt hat, dass er der echte Petrus gewesen ist, das Problem schafft er damit nicht mehr aus der Welt. Denn nur eine Generation später, gab es keine Augenzeugen mehr, die Petrus noch von Angesicht zu Angesicht kannten. Und die Leute, die Petrus nicht kannten, waren von „seinem“ Brief so wenig zu überzeugen, wie vorher diejenigen, die Jesus nicht mehr leibhaftig gesehen hatten, von der Wahrheit der Evangelien. Die Kirche war ins Zeitalter ihrer Geschichte eingetreten. Mit allen Problemen der Überlieferung, der Glaubwürdigkeit von Quellen usw., dem „garstigen Graben“, wie Lessing es nennt, der uns von der Zeit Jesu trennt: Wer beweist mir, dass das stimmt?

 

Wem können wir glauben? Und was können wir glauben? Das Problem, mit dem „Petrus“ hier kämpft, ist nicht so leicht zu lösen. Ja, ich behaupte sogar: dieses Problem lässt sich überhaupt nicht befriedigend lösen! Auch heute nicht.

Denn, und das ist jetzt die Überraschung: dieses Problem besteht gar nicht! Oder, vielleicht besser ausgedrückt: dieses Problem besteht nur scheinbar, weil wir zwei Ebenen miteinander verwechseln und vermischen, die wir auseinanderhalten müssen.

 

Glaubenswahrheiten und historische Wahrheiten sind nicht dasselbe! (Ich sage nicht, sie hätten nichts miteinander zu tun; aber: sie sind nicht dasselbe!)

 

Es ist eine Sache, ob ich historisch beweisen kann, dass Jesus gelebt hat.
Ich denke, das geht. Es gibt zwar keine direkten Quellen. Aber die gibt es – mit Ausnahme von Kaisern und Königen – von niemandem aus dieser Zeit. Aber alles, was wir an Zeugnissen haben, macht es höchst wahrscheinlich (mindestens zu 99%): es hat vor ca. 2000 Jahren in der damaligen römischen Provinz Syrien – im Gebiet des heutigen Israel - ein Mensch namens Jesus gelebt; er ist Wanderprediger gewesen; und er ist in Jerusalem gekreuzigt worden.

Das ist historische Tatsache. Wer das bestreitet, und einfach sagt, das Ganze sei ein Märchen, der hat wirklich überhaupt keine Ahnung von Geschichte.

Soweit hat Petrus also Recht: Wir stützen uns nicht auf geschickt ausgedachte Märchen.

 

Nur ist so ein historischer Nachweis eben überhaupt keine Grundlage für den Glauben! Denn, ob Jesus Gottes Sohn war, der Heiland für die Welt; ob sein Tod „zur Vergebung der Sünde“ gedient hat, das kann man nicht aus den historischen Fakten ablesen. Bei diesen Fragen geht es nicht um historische Wahrheit, sondern hier wird eine Überzeugung ausgesprochen, ein Glaube:

Ja, da hat ein Mensch mit Namen Jesus gelebt – Und ich glaube, dass er der Sohn Gottes war / oder der Messias / oder der Retter der Welt / oder wie auch immer man seinen Glauben formuliert.

 

Mit der historischen Tatsache, dass Jesus gelebt hat, ist für den Glauben nichts gewonnen. Was ist es aber, was dazu kommen muss, damit Glaube geweckt wird?

 

Ich habe schon davon gesprochen: lebendiges Zeugnis!

Die Jünger glaubten Jesus, weil er das lebte, was er sagte!

Weil er mit seinem Leben bezeugte, was und wer er war.

Die Menschen, zu denen Paulus oder Petrus redeten, glaubten, weil den beiden ihr Glaube anzusehen war, weil er deutliche Wirkung / Konsequenz hatte.

Die ersten christlichen Gemeinden hatten deshalb so großen Zulauf, weil bei ihren Versammlungen, in ihren Gottesdiensten wirklich zu spüren war, dass Gottes Liebe diese Welt verändert.

 

Und damit bin ich bei uns heute angelangt:

Wenn im Petrusbrief steht, dass wir gefälligst glauben sollen, dass Jesus Gottes Sohn ist, weil Petrus selbst das bezeugt, weil er Augenzeuge ist. Dann wird das den Wenigsten von uns ausreichen. Und sicher werden wir mit dem Verweis auf diesen Text bei niemandem Glauben wecken können.

Das Einzige, was damals wie heute überzeugt ist: Lebendiges Zeugnis.

 

Und das ist unsere Aufgabe – für jede und jeden von uns und unser aller Aufgabe als christliche Gemeinde – als Evangelische Kirchengemeinde St. Augustin und Hangelar: Bei uns muss man spüren und erleben können, dass die Geschichten von Jesus keine gut ausgedachten Märchen sind. Bei uns muss man sehen, dass die Worte von der Liebe Gottes kein leeres Gerede sind.

 

Wie wir miteinander umgehen, was wir sagen und was wir tun – jeder in seinem Alltag; und wir gemeinsam in dieser Kirche, in unseren Gruppen und Kreisen; darauf kommt es an, wenn wir die Gute Botschaft, das Evangelium weitergeben wollen; wenn wir anderen wirklich beweisen wollen, dass wir uns nicht auf gut ausgedachte Märchen stützen.


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