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Predigt von Pfarrerin Angelika Hagena zum Sonntag, 7. Februar 2021

Predigt zum Sonntag Sexagesimae über Lukas 8,4-15:

Das Gleichnis vom Sämann

 

Liebe Gemeinde,

 

wie geht es Euch und Ihnen in diesem nicht enden wollenden Lockdown? Ich ertappe mich dieser Tage oft, wie ich so vor mich hinschaue, ein wenig mutlos und ohne rechten Antrieb. Ich betrachte von meinem Arbeitszimmer aus den Himmel, wo gerade die Abendröte aufzieht, ein Schimmer von Rosa, dunkle Wolkenberge, die sich davor auftürmen, kleine weiße Wolken, die es viel eiliger haben als der farbenprächtige Hintergrund und dazwischen immer wieder Durch- und Lichtblicke. „Ich schaue jetzt viel aus dem Fenster“, sagt auch die betagte Nachbarin, als ich vor die Tür trete. Auch sie betrachtet gerade, wie dieser dunkle nasskalte Regentag sich mit den bunten Farben des Lebens verabschiedet. „Und es ist schön, wenn ich mal jemanden sehe auf der Straße.“ So kommen wir in ein längeres Gespräch. Ja, was bleibt uns anderes übrig, als weiter durchzuhalten, aber für alleinstehende Seniorinnen und Senioren und für unsere Kinder und Jugendlichen ist das doch alles wirklich bitter, ein ganzes Jahr Kindheit auf Abstand nun schon…

 

Und dann gibt es in dem ganzen Schlamassel so kleine Glücksmomente, diese kleinen Durch- und Lichtblicke im grauen Regenhimmel, die einen ganz anderen Stellenwert bekommen. Früher wären sie mir vielleicht noch nicht mal aufgefallen. So komme ich diese Woche mit meinem kleinen dreijährigen syrischen Mitbewohner zur Bahnschiene und will sie überqueren Richtung Spielplatz. Da springt gerade in diesem Moment die Ampel auf Rot und die Schranke geht runter. Voller Begeisterung denke ich: Das ist ja super. Denn so können wir jetzt die S-Bahn aus nächster Nähe betrachten. „Die Bahn kommt, die 66!“, tönt es auch schon voller Begeisterung hinten aus dem Fahrradanhänger. Eine vor mir runtergehende Bahnschranke wird so zum Highlight dieses  Corona-Tages. Vielleicht sollten wir einmal diese Lichtblicke, diese „Corona-Glücksmomente“ zusammentragen…

 

Wo ist es hin mein durchgetaktetes Leben mit klaren Zeit- und Zielvorgaben, gegliederten to-do-Listen und dem scharfen Blick fürs Wesentliche, aber auch mit dem wütenden Blick auf vor mir sich schließende Bahnschranken, die mich früher wichtige Minuten kosteten?

 

Manchmal sitze ich dieser Tage auch schweigend in der leeren Kirche und denk so vor mich hin: Wo mögen sie jetzt alle sein? Hoffentlich werden sie wiederkommen, wenn wir endlich aus der Krise sind. Wann kann man hier wohl wieder ohne Angst Seit an Seite sitzen, wann wieder Abendmahl und Taufen im Sonntagsgottesdienst feiern und vor allem: wann können wir endlich wieder singen?

 

Schweigend liegt die Bibel dort vorne auf dem Altar. Gottes Wort will doch diesen Raum erfüllen mit Gedanken, Gesang und Gebet. Es will Mut machen, Trost und Orientierung geben. Wie bringen wir es nur zu den Menschen mitten in dieser Krise und wie bringen wir es neu zu denen, die den Weg in die Kirche auch schon vor Corona nicht mehr fanden? 

Schlagen wir die Bibel dort vorne auf und lassen uns ein auf den Predigttext für diesen Sonntag:

 

Vom Sämann

4 Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus jeder Stadt zu ihm eilten, sprach er durch ein Gleichnis: 5 Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen's auf. 6 Und anderes fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. 7 Und anderes fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten's. 8 Und anderes fiel auf das gute Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Da er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

 

Vom Sinn der Gleichnisse

9 Es fragten ihn aber seine Jünger, was dies Gleichnis bedeute. 10 Er aber sprach: Euch ist's gegeben, zu wissen die Geheimnisse des Reiches Gottes, den andern aber ist's gegeben in Gleichnissen, dass sie es sehen und doch nicht sehen und hören und nicht verstehen.

 

Die Deutung des Gleichnisses vom Sämann

11 Das ist aber das Gleichnis: Der Same ist das Wort Gottes. 12 Die aber an dem Weg, das sind die, die es hören; danach kommt der Teufel und nimmt das Wort von ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und selig werden. 13 Die aber auf dem Fels sind die: Wenn sie es hören, nehmen sie das Wort mit Freuden an. Sie haben aber keine Wurzel; eine Zeit lang glauben sie, und zu der Zeit der Anfechtung fallen sie ab. 14 Was aber unter die Dornen fiel, sind die, die es hören und gehen hin und ersticken unter den Sorgen, dem Reichtum und den Freuden des Lebens und bringen keine Frucht zur Reife. 15 Das aber auf dem guten Land sind die, die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen Frucht in Geduld.

 

Was ist das nur für ein herrlich verträumter Bauer! Wo sät denn dieser Bauer hin? Auf den Weg, auf die dünne Erdschicht auf dem Fels und unter die Dornen. Wahrscheinlich betrachtet er versonnen den Abendhimmel oder hält beim Säen ein Schwätzchen mit der Nachbarin oder schaut den spielenden Kindern am Feldrand zu oder ist tief in Gedanken versunken, was die Zukunft wohl bringen wird.  Effizient ist das nicht und auch nicht nachhaltig und ressourcenschonend, was sich da vor unseren Augen abspielt.  

 

Verschwenderisch ist dieser Sämann, sorglos und voller Zuversicht sät er seinen Samen. Und während ich ihm so zusehe, stelle ich fest, dass ich diesen verträumten Bauern mag, wie er da sät. Mit großem Schwung holt er aus, wie auf den Gemälden von Vincent van Gogh. Verträumt wie er ist, hat er zugleich doch sichtbar Freude am Säen. Was für ein herrlicher Acker da vor ihm liegt, mag er denken. Und was da alles drauf wachsen kann, mag er sich schon vorstellen. Und ich glaube, er lacht und strahlt, wie die untergehende Sonne im Hintergrund. Und ich glaube, er hat auch Freude am Experimentieren. Mal bisschen hierhin und dahin, wo man gemäß aller Erfahrung nicht so viel zu erwarten hat. Und dann hat er so ein ansteckendes Vertrauen: Na klar, da wird was wachsen! Aber sicher! Nein, nicht an allen Stellen. Und auch heute nicht mehr. Aber doch an so vielen Stellen, dass es am Ende eine schöne Ernte ergibt.  

 

Und mir, mir geht es erstmal wie den Umstehenden: Ich sehe es und sehe es doch nicht und höre es, und habe doch Zweifel im Herzen. Zurück wandert mein Blick von diesem fröhlichen Sämann zu den leeren Kirchenbänken, fast wie die trostlos brach liegenden Ackerschollen, an denen man an manch einem trüben Wintertag vorbei wandert. Reichlich und fröhlich drauf säen – und dann wird schon kräftig wachsen…So einfach ist es nicht. Irgendwie fällt es gerade uns allen schwer, unseren christlichen Glauben weiterzuvermitteln, habe ich den Eindruck. Ich denke daran, wie mir viele aus der älteren Generation erzählen: Wie schade, dass unsere Kinder mit Glauben und Kirche gar nicht mehr viel anfangen können. Die Gebete und Liedverse, die wir als Kinder auswendig lernen mussten - nicht immer mit Begeisterung -  die haben dann doch in vielen Krisen Halt gegeben. Nicht jedes kirchliche Angebot findet Anklang und nicht jedes seelsorgerliche Gespräch den Tiefgang, der etwas bewegt. Gar nicht so einfach mit dem Säen des Wortes Gottes, in Coronazeiten ganz besonders schwierig, aber auch sonst: nicht einfach.

 

Aber der Predigttext macht dann insofern Mut und tröstet, als er uns im letzten Teil auf der Deutungsebene wieder abholt: Nein, es war und ist nicht leicht, dass Gottes Wort auf fruchtbaren Boden fällt. Da kann auch viel bei schief gehen, aber ohne Saat und freudig Säende würde ja gar nichts wachsen. Und für das eine Viertel, da lohnt es sich eben doch! Die Jünger und die frühchristlichen Missionare waren von Jerusalem aus in alle Welt gezogen und hatten die gute Botschaft, das Evangelium von Jesus Christus, verkündet. Manches war auf fruchtbaren Boden gefallen und hatte reiche Frucht gebracht. Neue Gemeinden entstanden, Predigt und Diakonie blühten auf. Aber wir hören auch, dass die Apostel vor Türen standen, die verschlossen blieben. Und dann gab es Menschen, die kurz hinhörten, aber sich nicht wirklich davon bewegen ließen. Und andere, bei denen sich die Begeisterung als Strohfeuer entpuppte und wieder andere, die ja gerne in die Gemeinde gekommen wären, aber einfach zu viel anderes um die Ohren hatten. Nicht jedes Gespräch über den christlichen Glauben trug Frucht.

 

Und das entspricht ja auch unserer Erfahrung heute. Dass ein Saatkorn auf guten Boden fällt, das bleibt ein unverfügbarer besonderer Moment. Es braucht die richtige Stimmung des Sämanns und einen fruchtbaren Ackerboden, d.h. ein Mensch, der auch gerne zuhören mag und wirklich aufnahmebereit ist für einen neuen Gedanken. Viel von dem, was wir sagen und gesagt bekommen, kommt gar nicht erst an, fällt auf Wege und unter Dornen. Aber manchmal entsteht plötzlich so ein dichter Moment zwischen zwei Menschen, in dem es auf einmal um ganz wesentliche Dinge geht. Ein dichter Moment, in dem auf einmal die verschiedenen Glaubensfrüchte auf dem Acker zu wachsen beginnen, die Paulus seiner Gemeinde aufzählt: Da wächst die Liebe, weil man einem anderen Menschen das erste Mal lange zugehört hat und jetzt endlich verstehen kann. Die Freude kehrt zurück, weil mir jemand eine neue Perspektive aufzeigt. Ein Mensch findet seinen inneren Frieden, weil er Versöhnung mit Gott und den Menschen erlebt hat.

Die Geduld, die wir im Umgang miteinander aufgebracht haben, hat sich am Ende ausgezahlt. Am Ende sind wir doch aneinander gereift statt uns voneinander abzuwenden. Die Gastfreundlichkeit eines Fremden hat mich berührt und nachdenklich werden lassen über den Umgang mit Fremden in unserem Land. Ein Gespräch über den Glauben vermittelt mir eine neue Zugangsweise. Glaube ist nicht Fürwahrhalten, sondern sich mit dem Herzen einlassen auf die Worte der Bibel, ist Zuversicht in größter Not, ist Leben in Jesu Nachfolge, ist ergriffen werden von Gottes Liebe, ist….

Die Sanftmut eines Menschen löst meine Zunge, so dass ich sagen kann, wofür ich noch nie zuvor einen Raum gefunden hatte.

 

Ja, es wachsen Glaubensfrüchte, immer wieder, nicht immer und nicht überall, vielleicht auch eher selten, vielleicht auch seltener als früher. Wir alle tragen solche Momente wie Schätze in unserem Herzen, als plötzlich so ein Same aufging und hundertfache Frucht brachte. Schade, dass wir sie jetzt nicht einander erzählen können wie unsere Corona-Licht- und Durchblicke. Kostbar sind solche Momente, wo Glaubensfrüchte aufgehen, weil sie nicht plan- und machbar sind. Wir können den Acker bereiten, wir können selbst in der Bibel lesen, Gespräche führen und Treffen organisieren. Wir können einander predigen und miteinander beten. Aber wie es im alten Erntedanklied heißt: „doch wachsen und gedeihen steht in des Himmels Hand.“

 

Gottes Wort hat oft viel und reiche Frucht getragen, so endet das Gleichnis. Auch nach 2000 Jahren liegen die Worte Jesu hier aufgeschlagen in unserer Mitte auf dem Altar. Reiches Saatgut, das sich freut über alle, die säen: Verträumt und etwas sonderlich geworden in diesen Corona-Zeiten, ernsthaft oder mit großer Leichtigkeit, selbst zweifelnd oder einfach nur zuhörend. Gott bahnt sich schon seinen Weg in unser menschliches Wort. Nicht jede, aber manche Saat geht auf, vielleicht auch erst viele Jahre später. „Bei meiner Großmutter hing immer dieser Bibelvers an der Wand…“ „Mein Großvater las mir oft aus dieser Kinderbibel vor. Ich erinnere mich noch gut an diese Geschichte…“

 

Gebet

Guter Gott,

lass uns nicht den Mut am Säen verlieren in schwierigen Zeiten.

Du bist da, bist mitten unter uns, auch in der Krise.

Weil du reichlich gibst, müssen wir nicht sparen.

Du hast Worte, wo wir keine mehr finden.

Du gehst mit uns in die Tiefe und lässt Neues wachsen.

Du bist auch in der Leere und im Schweigen dieser Tage.

 

Schenk uns kostbare Momente,

lass unseren Glauben immer wieder Früchte tragen,

auch für andere Menschen.

Verzeih uns, wenn wir uns ungeschickt anstellen mit dem Säen.

Lass uns Worte finden, die trösten und heilen und begleiten.

Schenk uns neuen Glaubensmut und Freude am Säen und Ernten.

Vater unser im Himmel….


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