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Geistlicher Impuls für Sonntag, 14. Februar 2021

Fastenzeit?

 

Geistlicher Impuls zu Jesaja 58,1-9
von Pfarrer Thorsten Diesing

 

Fasten? Die Fastenzeit beginnt doch erst kommende Woche, am Aschermittwoch! Und außerdem fasten doch nur die Katholikinnen und Katholiken! Oder etwa nicht?

 

Jedenfalls fragt uns der Predigttext für den nächsten / heutigen Sonntag, den 14. Februar, nach unserem Fasten. Und das nicht in einer der von den Altkirchlichen übernommenen Reihe von Predigttexten, sondern in einer von uns Protestanten gestalteten und ausgewählten Ordnung.

 

„Warum fasten wir?“ fragt der Prophet Jesaja im Vers 3. Nur gibt er leider danach keine Antwort auf seine Frage, sondern zählt auf, was wir alles beim Fasten falsch machen können: „Wollt ihr das etwa ein Fasten nennen?“ (Vers 5) Vielleicht wurde dieser Text aus dem Jesajabuch ja doch ausgesucht, um Kritik zu üben an der katholischen Fastenpraxis, wo es mehr und mehr darum ging, nur nichts falsch zu machen und mit regelmäßigem Verzicht, Gott zu gefallen – oder dem Papst, dem Priester oder auch dem Nachbarn. Enthaltsamkeit schien ein erfolgversprechendes Mittel, den Himmel und die nähere Umgebung milde zu stimmen. Das hat Luther natürlich abgelehnt. Verzicht und Askese bewahren nicht vor der Hölle – und auch nicht vor Streit im näheren Umfeld.

 

Heute knüpft kaum mehr jemand sein Seelenheil an den Verzicht auf Fleisch oder andere Genüsse in der Fastenzeit. Eher gilt sie als Zeit der Einkehr, der Umkehr und Besinnung. Wir sind also deutlich weiter als zu Luthers Zeiten: Nicht alles, was die Katholiken machen, ist schon deshalb falsch, weil es die Katholiken machen. Leider war das lange Zeit ein gutes evangelisches Argument. Ich erzähle gerne die Geschichte, dass in meiner früheren Gemeinde keine Kerze auf den Altar – pardon: den Abendmahlstisch – durfte, weil katholischerseits ja ein solcher Aberglaube mit dem Kerzenanzünden betrieben werde. Wir, meine Frau und ich, konnten das ändern.

 

Darum zurück zu Jesajas Frage: „Warum fasten wir?“ In der Bibel – im Alten wie im Neuen Testament – ist das Fasten eine Reaktion der Menschen auf unsichere Situationen, auf Übergänge zwischen unterschiedlichen Phasen oder Sphären: Jesus fastet 40 Tage lang, als er versucht, sich über seinen Auftrag klar zu werden (Matthäus 4,2). Gefastet wird in der Sphäre zwischen Leben und Tod, beim Trauern oder in Lebensgefahr – vornehmlich in Sack und Asche. Aber auch vor Gerichtsprozessen, an der Grenze von Recht und Unrecht, enthielt man sich der gewohnten Speisen. Herausgelöst aus der Routine würde Gott zu mir sprechen, mir den richtigen Weg zeigen.

 

In diesem Sinne bedeutet Fasten, sich einen Freiraum zu schaffen. Durch das Brechen von Gewohnheiten und den Verzicht auf Selbstverständliches, Platz zu gewinnen für die eigentlichen Fragen, zu denen man sonst im Alltagstrott nicht kommt. Ja, die man häufig schon fast vergessen hat.

 

So soll das Fasten ein kleiner Entwurf sein: Was wäre wenn? Was wäre, wenn ich nicht jeden Abend auf dem Sofa zu bewegten Bildern einschlafen würde? Wenn ich jeden Tag eine neue Begegnung wagen würde, wenn ich vorwärts schauen würde, statt zurück? Die Skizze eines anderen Alltags, der Blick in eine andere Richtung, eine Perspektivverschiebung.

 

Vielleicht läuft dann alles nicht mehr ganz so rund und vorhersehbar wie sonst. Vielleicht stolpert man auf einmal im gewohnten Takt. Der Tagesablauf verschiebt sich, Zeit ist da, wo Hetze war. Ruhig und wach hören wir uns selber wieder – und Gott. Diese Zeit im Kirchenjahr lebt auf Veränderung und Erneuerung hin.

 

Der Prophet Jesaja beschreibt, welche Konsequenzen das haben könnte: „Ist nicht das ein Fasten, an dem Gott Gefallen hat: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und kümmere dich um die Leute um dich herum.“ (Verse 6f)

 

Probehalber etwas anders zu machen – auch wenn es schwer fällt – kann die Entdeckung mit sich bringen, dass es anders besser sein könnte. Eine Weile das zu vermeiden, womit wir sonst viel Zeit verbringen und uns besonders im Wege stehen, das setzt Kräfte frei.

 

Manchmal ist es nur ein kleiner Schritt zur Seite und es zeigt sich auf einmal etwas anderes, Unerwartetes, lange Übersehenes. Wenn das gelingt, dann lassen wir bekanntes und umrissenes Gelände hinter uns und fasten auf einen ständig weiter werdenden Horizont hin. Dann finden wir danach den Weg in die Gewohnheit vielleicht gar nicht wieder zurück – und gehen einen neuen. Dann leuchtet vom Ende der Fastenzeit her Ostern auf, die Auferstehung, das Leben nach dem Tod.

 

Beim Propheten Jesaja heißt es: „Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten. Wenn du schreist, wird Gott sagen: Siehe, hier bin ich!“ (Vers 8f)

 

„7 Wochen Ohne“ heißt die Fastenaktion der evangelischen Kirche, und der Name ist Programm. Hier geht es nicht darum, was man weglässt in den Tagen vor Ostern, es geht ums „Ohne“.

Wir laden Sie ein, sieben Wochen auf etwas zu verzichten und damit in dieser Zeit etwas freizulegen und in Bewegung zu bringen. Dafür soll Raum sein. Gestalten Sie Ihr Leben „7 Wochen Ohne“ und entdecken Sie die Fülle. Der Verzicht macht Appetit – auf das Leben.

 

Amen

 

Hinweis:
Sie können den Fastenkalender „7 Wochen Ohne“, das Begleitbuch und das Themenheft einfach im chrismonshop.de bestellen - oder auch im Buchladen um die Ecke. Ja, das geht auch im Lockdown. Die meisten zurzeit geschlossenen Buchhandlungen bieten die Möglichkeit an, online oder telefonisch zu bestellen. So kommt das 7 Wochen Ohne-Material direkt zu Ihnen nach Hause. Sie müssen also nicht auf die großen Online-Shops zurückgreifen. Schauen Sie mal auf die Homepage Ihres Buchhändlers.

 

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