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Video-Gottesdienst zum ersten Sonntag in der Passionszeit, 21. Februar 2021

Predigt zum 1. Sonntag in der Passionszeit über Johannes 13,21-30

von Pfarrerin Angelika Hagena

 

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Kanzelgruß

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!  Amen.

 

Liebe Gemeinde,

mit einem heftigen Paukenschlag werden die Sonntage der Passionszeit heute eingeläutet. Es geht um ein ganz finsteres Kapitel unseres Menschseins. Es geht um Verrat, es geht um den Verrat eines Freundes. Verrat ist bitter.

 

Viele Stasi-Opfer konnten es beim Blick in ihre Akten einfach nicht glauben.

Was, der, die hat mich verraten, hat als IM gearbeitet, mich beobachtet, mich angeschwärzt. Hat in Kauf genommen, dass mir bitteres Unrecht widerfuhr, um selbst Privilegien zu erhalten? Und ich hatte diese Person für einen freundlichen Nachbarn, für eine echte Freundin, für einen netten Arbeitskollegen gehalten…

Je näher uns ein Mensch steht, desto bitterer das Entsetzen über einen Verrat.

Nicht jeder, nicht jede von uns hat sich schon einmal derart verraten gefühlt.

 

Aber dass mit dem Vertrauen, das wir in einen anderen Menschen setzen, nicht gut umgegangen wird, das kommt auch in unserem Alltag vor: 

Anvertrautes, was nicht die Runde machen sollte, das hat dann offensichtlich doch die Runde gemacht…

Eltern hatten gedacht, gehofft und vertraut, dass ihr Kind mit den neuen Freiheiten als Jugendlicher gut umgehen würde und dann ist doch etwas aus dem Ruder gelaufen.

Ehepartner waren sich so sicher, einander vertrauen zu können, aber dann hat einer der beiden eine neue Beziehung begonnen.

 

Erfahrungen des Verrats, des Vertrauensmissbrauchs finden sich an vielen Stellen, in unserem Leben und in der Bibel. Vom Strick des Jägers und der verderblichen Pest spricht der Psalm 91 dieses Sonntags - in der kräftigen Sprache Martin Luthers. Vielleicht stecken auch dahinter ähnliche Erfahrungen des Beters.

 

Die Bibel hat Worte für die schönen und die schweren Begegnungen unter uns Menschen, eine klare Sprache, wo uns selbst manchmal die Worte fehlen.

Und sie ist Zeugin für das tapfere und manchmal auch vergebliche Bemühen von uns Menschen, das Schöne und das Schwere unseres Lebens im Glauben zusammenzuhalten und darüber nicht zu verzweifeln.

 

Das Schwere, der Verrat, der die Gemeinschaft zerstört und das Schöne, die Liebe, die uns Menschen miteinander verbindet: in der Kreuzigung wird beides ineinander fließen, miteinander kämpfen, bis die Liebe siegt und Tod und Schuld verschlingt. Und schon hier an dieser Stelle folgt auf die Judas-Szene die Rede Jesu: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.“

 

Verlesung des Predigttextes Johannes 13,21-30

Jesus, der Lieblingsjünger und der Verräter

21 Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. 22 Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. 23 Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. 24 Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. 25 Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist's? 26 Jesus antwortete: Der ist's, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. 27 Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! 28 Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte. 29 Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte. 30 Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.

 

Da läuft Judas nun hinaus in die Nacht. Und die Jünger scheinen gar nicht zu begreifen, was gerade vor ihren Augen passiert. Nur dem Lieblingsjünger flüstert es Jesus zu in dieser Szene: „Der, ist`s, dem ich den Bissen eintauche und gebe.“

Die anderen denken wohl schlicht, Judas wolle nur noch eben einkaufen und verstehen nicht im Geringsten die Dramatik dieser Szene. Vielleicht sind sie auch noch ganz in Gedanken versunken, noch ganz bei der bangen Frage: Herr, bin ich selbst vielleicht am Ende der, der dich verrät?

 

Aber Jesus, der hat doch verstanden. Er hat Judas selbst den Bissen gereicht, und weiß wohl, dass der Satan in ihn gefahren ist.

Wieso rennt er nicht hinterher, hinaus in die Nacht, wieso geht er nicht nach dem einen verlorenen Schaf? Hat seine Barmherzigkeit doch Grenzen? Muss passieren, was passieren muss, aber weh dem, durch den es geschieht?

 

Und es war Nacht. Ich sehe die Finsternis und verstehe doch nicht. Verdunkelt hat sich das Herz des Judas und Jesus lässt es geschehen. Aus Besessenen trieb er böse Geister aus, wieso nicht aus seinem Jünger und Freund Judas? „So geh ihm doch nach in die Nacht“, will ich rufen, hinein in diese Szene. „Rette doch sein und dein Leben!“

 

Doch manchmal nimmt das Unheil seinen Lauf. Wir sehen es, und können es nicht abwenden. Ratlos starren wir in die dunkle Nacht, die sich unaufhaltsam um uns breitet. „Dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht“, hieß es im Eingangspsalm. Doch erstmal muss ich erschrecken.

Vor dem Gebet des Psalmbeters liegt ein innerer Kampf mit diesem Grauen. Auch wir begegnen Menschen, die verzweifelt sind, und fühlen uns hilflos an ihrer Seite. Grau und schwer scheint ihnen das Leben und der Alltag. Die bunten Farben, die wir sehen, liegen für sie unter schwerem Nebel. Tiefe Sorge klingt aus ihrer Stimme und wir wissen schon, wir können sie ihnen nicht nehmen. Aber da und nahe sein können wir und beten für sie: Bitte, Gott, hol die Menschen, um die wir uns sorgen aus ihrer Finsternis. Lass sie sehen das anbrechende Licht eines neuen Tages.

 

Bis in unsere Gegenwart führen die Ausläufer dieser Passion des Judas: Er wurde zum Urbild des Verräters und des satanischen Gegenspielers Jesu. Von „Judas“ zu den „Juden“ war es nicht weit. Wenn wir in diesem Jahr 1700 Jahre jüdischen Leben in Deutschland feiern, dann steht uns das Schöne und das Schwere unserer gemeinsamen Geschichte vor Augen, die immer wieder auch zur Passionsgeschichte wurde.

 

„Und es war Nacht.“, endet unsere Erzählung und wir stehen vor den Rätseln dieser Geschichte und unseres Lebens.

Was ist Schicksal, was sind die Umstände, wie kommt es, dass das Böse sich eines Menschen bemächtigt, dass Freunde einander verraten? Was war passiert mit Judas, bevor er in die Nacht hinauslief? Vielleicht hatten sie miteinander gestritten, wie das Reich Gottes kommen sollte. Vielleicht hatte Judas Jesus nicht verstanden, als Jesus sagte: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Vielleicht wollte Judas einen Umsturz mit Gewalt. Fühlte sich Judas übergangen, zurückgesetzt im Jüngerkreis. War es Eifersucht wie damals bei Kain und Abel, Eifersucht auf den Jünger, den Jesus lieb hatte? Das Johannesevangelium erzählt von Judas an früherer Stelle, dass er sich von Jesus abgewandt und sich aus der gemeinsamen Kasse, die er führte, bedient hatte.

 

Wir können nur mutmaßen, wir können es nicht weg erklären und vielleicht soll es gerade auch rätselhaft bleiben, was in dieser Nacht geschah.

Was tun mit dem namenlosen Bösen, das uns jeden Morgen schon beim Blick in die Zeitung begegnet, was tun mit dem namenlosen Bösen, unseren persönlichen Geschichten von Verrat und gebrochenem Vertrauen und den Fragen, die sie aufwerfen, auf die wir keine Antwort finden. Was tun mit dem namenlosen Bösen auch in unserem eigenen Herzen? „Erlöse uns von dem Bösen“, beten wir im Vaterunser…

 

Die Worte unserer Gebete, die Worte der Bibel, mit denen wir uns gegen die Finsternis dieser Nacht des Judas stemmen, sind sie nur billiger Trost, wie es von außen scheinen mag, oder sind sie hart erkämpfte Hoffnung, die unermüdlich Löcher in das Unheil bohrt, dass doch wieder Licht hindurchscheint?

 

Der Stuttgarter Künstler Georg Lutz bestückte im Jahr 2017 die Martinskirche in Darmstadt in seiner Installation „5 Tons of Prayer“ mit 5000 Kilogramm Wachsresten von Andachtskerzen aus Kirchenräumen. 5 Tonnen Gebete und doch immer noch so viel Dunkelheit in der Welt? Der offene Charakter des tonnenschweren Kunstwerks wird dadurch verstärkt, dass Besuchende die Kerzenstummel an einem eigens dafür gefertigten Tisch wieder neu entzünden können. So wird der Besucher selbst Teil dieses Kunstwerks. Entzünde ich vor diesem riesigen Berg Kerzen die eine, meine Kerze oder wende ich mich enttäuscht ab von diesem mich erdrückenden Berg an Gebeten.

 

Ein anderer Künstler hat beschlossen, die Kerze auch für Judas noch einmal anzuzünden. Vor ca. 800 Jahren meißelte ein unbekannter Künstler in der romanischen Basilika von Vézelay Judas in Stein. Auf der einen Seite ist er zu sehen, wie er mit weit aufgerissenen Augen tot an einem Baum hängt. Denn so erzählt der Evangelist Matthäus die Geschichte des Judas zu Ende, dass er sich am Ende das Leben nimmt. Auf der anderen Seite aber ist ein Hirte abgebildet, der den Toten, nun befreit von seinem Strick, liebevoll auf den Schultern trägt. So scheint das Licht von Ostern auch über der Passion des Judas.

 

Meine eigene Antwort auf den Verrat des Judas: Lasst uns nichts schön reden, lasst uns ehrlich sprechen über das Böse und was es anrichtet, es tapfer ergründen in uns selbst und in anderen, wo wir es können. Lasst es uns gemeinsam aushalten, auch da, wo es namenlos ist. Wo möglich, lasst uns dem Rad in die Speichen fallen und vor allem lasst uns die Liebe und das Gebet als seine Gegenspieler achten und ins Spiel bringen.

 

Kanzelsegen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

Orgelmusik

 

Bitte um Online-Spende für Brot für die Welt

An den Sonntagen der Passionszeit erbitten wir wieder ihre Spende für Brot für die Welt. Dazu schreibt der scheidende Präses Manfred Rekowski:

 

Liebe Gemeinde,

die Corona-Krise hat viele Menschen verunsichert und geängstigt – weltweit. Viele bangen um ihre Existenzen Die sozialen Folgen dieser globalen gesundheitlichen und ökonomischen Krise sind groß und auf Zukunft hin auch noch unabsehbar.

Von der Krise sind die Menschen in den armen Ländern Lateinamerikas, Afrikas und Asiens besonders betroffen. Die Gesundheitssysteme dort sind oft völlig unzulänglich. Die Ausgangs-sperren haben dazu geführt, dass viele Menschen nicht mehr arbeiten konnten und das kleine Einkommen weggefallen ist.

Die weltweite Corona -Krise kann nur durch grenzüberschreitende Solidarität und Zusammenarbeit bewältigt werden. Um armen und benachteiligten Menschen zu helfen, benötigt Brot für die Welt Ihre Unterstützung. Mit Ihrer Spende tragen Sie dazu bei, dass Hungernde satt werden, Kinder in die Schule gehen können und Kranke eine bessere medizinische Versorgung erhalten.

Auf den Homepages unserer Kirchengemeinden finden Sie den Link zur Online-Spende. Gott segne Geber und Gaben!

 

Fürbitten

Gott, so fern und so nah, im Himmel und auf Erden!

Du kennst alle, die leiden:

In den Kriegsgebieten der Erde, in den Elendslagern in Griechenland,

 in Frauenhäusern, und auf Krebsstationen.

Schenke Dein Hoffnungs-Licht gegen alle Finsternis!

 

Du kennst alle, die schuldig geworden sind: An ihren Nächsten, an Fremden, an sich selbst, an Dir.

Schenke Vergebung und neue Anfänge!

Du kennst Deine Gemeinde und Deine Kirche:

Unseren Glauben und unsere Zweifel,

unser Bemühen und unsere Begrenztheit.

Schenke uns Gottvertrauen!

 

Du kennst uns und alle, die wir lieben:

Unsere Kranken und unsere Trauernden,

unsere Freuden und unsere Sorgen,

unsere Erfolge und unser Versagen.

Bleibe bei uns mit Deiner Liebe!

Amen.

Vater unser….


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