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Geistlicher Impuls für Sonntag, 28. Februar 2021

Geistlicher Impuls zu Jesaja 5,1-5
von Pfarrer Thorsten Diesing

 

Der aktuelle Predigttext steht beim Propheten Jesaja im 5. Kapitel, in den Versen 1-5. Und weil es ein Lied ist, habe ich eine Übersetzung gewählt, die versucht, das nachzubilden – in Reimform:


Also: Hört das Lied meines Freundes von seinem Weinberg!


Auf fruchtbarem Hügel, da liegt mein Stück Land.
Dort hackt ich den Boden mit eigener Hand.
Ich mühte mich ab und las Felsbrocken auf.
Baute Wachtturm und Kelter; setzte Reben darauf.


Und süße Trauben erhofft ich zu recht.
Doch was dann im Herbst wuchs, war sauer und schlecht.


Jerusalems Bürger, ihr Leute von Juda,
was sagt ihr zum Weinberg, was tätet denn ihr da?
Die Trauben sind sauer – entscheidet doch ihr:
War die Pflege zu schlecht? Liegt die Schuld denn bei mir?


Ich sage euch, Leute, was ich tue jetzt:
Weg reiß ich die Hecke, als Schutz einst gesetzt;
Zum Weiden solln Schafe und Ochsen hinein!
Und die Mauer ringsum, die reiße ich ein.


Zertrampelnden Füßen geb ich ihn preis.
Schlecht lohnte mein Weinberg mir Arbeit und Schweiß!
Ich will nicht mehr hacken, das Unkraut soll sprießen.
Der Himmel soll ihm den Regen verschließen!


Liebe Gemeinde,


dieses Lied vom Weinberg sollte ursprünglich ein Liebeslied werden. Doch diese Liebe ist enttäuscht worden. Der Freund hat sich viel Mühe gegeben mit dem Weinberg: Er hat den Boden gut vorbereitet, die Reben gepflanzt, die nötigen Zäune und Gebäude errichtet, alles gewiss im Schweiße seines Angesichts und hoch motiviert, weil er am Ende Früchte erwartete. Und dann wird nichts draus! Im Gegenteil: Es kommen sogar schlechte Früchte dabei herum.


So kann das sein mit unserer Liebe, mit unserer Leidenschaft, wenn wir uns täuschen. Wenn wir vor lauter Begeisterung falsche Hoffnungen und zu hohe Erwartungen in jemanden oder in etwas gesetzt haben. Wenn wir die Situation nicht richtig einschätzen oder nicht richtig einschätzen wollen: wenn wir uns etwas vormachen! Dann verwechseln wir unseren Traum, unsere Sehnsucht mit der Wirklichkeit. Bis dann die Realität unserer Täuschung ein Ende macht und die Ent-täuschung groß ist.


Ich möchte jetzt hier keine Beispiele nennen. Nicht aus dem persönlichen Bereich, nichts Aktuelles aus der Gesellschaft und auch nicht – obwohl es nahe liegen könnte, denn Jesus vergleicht die Mitarbeitenden in der Gemeinde häufig mit Arbeitern im Weinberg – aus dem kirchlichen Bereich. Aber Sie können ja mal nachdenken, was Ihnen dazu einfällt.
(Ein Vorteil der Predigt zum Lesen! Live in der Kirche würde ich ja jetzt ohne diese Pause fortfahren!)


Die entscheidende und ganz persönliche Frage dieses Liedes ist doch: Wie gehe ich mit dieser Enttäuschung um? Oder, wenn Sie sich eben an eine bestimmte Situation erinnert haben, wie bin ich damals mit dieser Enttäuschung umgegangen?


Jerusalems Bürger, ihr Leute von Juda,
was sagt ihr zum Weinberg, was tätet denn ihr da?


Kann es die richtige Lösung sein, so wie der Freund in Wut und Raserei zu geraten und alles zerstören zu wollen? Rechtfertigt der verständliche Frust die Aggression?


Ich will nicht mehr hacken, das Unkraut soll sprießen.
Der Himmel soll ihm den Regen verschließen!


Ja, der Frust ist verständlich und allzu menschlich. Sogar mehr als menschlich, denn in dem Lied, das Jesaja hier rezitiert, ist natürlich Gott dieser unbenannte Freund. Und auch Gott ist frustriert über all die vergebliche Mühe, die er in uns Menschen, seine geliebten Kinder gesteckt hat.


Damals, zur Zeit Jesajas, waren es ganz konkret die Ungerechtigkeit des Königs und die Korruptheit der führenden Schicht in Jerusalem, die so gar nicht mit Gottes Vorstellungen von seinem Reich hier auf Erden übereinstimmten. Und für andere Zeiten werden uns sofort die entsprechenden Beispiele einfallen.


Gott ist damit nicht einverstanden. Aber wir wissen auch, dass Gottes Gnade und Versöhnungsbereitschaft größer sind als diese Enttäuschung. Es geht weiter. Es gibt einen neuen Bund.


Das Gleichnis vom unfruchtbaren Feigenbaum, das Jesus erzählt (Lukas 13), ist quasi die Gegengeschichte zu Jesajas düsterer Prophezeiung: „Lasst es uns noch mal versuchen! Dass es dieses Jahr nichts geworden ist, sagt ja nicht, dass es nächstes Jahr nicht besser wird.


Der christliche Glaube vertritt andere Werte als die Ausrichtung am kurzfristig sichtbaren Erfolg. Er hat einen neuen Blick auf das Leben, auf Scheitern und Schuld. Er ermöglicht uns andere Perspektiven. Jesus Christus überwindet unsere Resignation und schafft Neuanfänge, wenn wir nur vertrauen.


Am Ende kann ich noch auf Martin Luther, den großen Reformator hinweisen. Der hat auch etwas zum Bild Passendes gesagt: „Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, so würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“


AMEN


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