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Geistlicher Impuls für Sonntag, 7. März 2021

Geistlicher Impuls zu Epheser 5,8-9
von Pfarrer Thorsten Diesing

 

Der Homo sapiens, der wissende, weise, mit Verstand und Vernunft begabte Mensch, scheint so ziemlich das einzige Lebewesen zu sein, dem man immer wieder sagen muss, was gut für ihn ist, lebenswichtig. Und der Homo Sapiens ist dann auch noch so weise, dass er immer wieder sehenden Auges ins Verderben läuft. Von Adam und Eva an, denen es im Paradies doch ans nichts fehlte.

 

Lebt als Kinder des Lichts – so beginnt der Predigttext.

 

Pflanzen muss man soetwas nicht sagen: Lebt im Licht, nehmt es auf, richtet euch nach ihm aus. Pflanzen tun das einfach. Das sehen wir schon bei den Topfpflanzen auf der Fensterbank. Sie werden schief, weil sie zum Licht hinwachsen, und wenn wir gerade gewachsene Pflanzen haben wollen, müssen wir den Topf immer mal wieder drehen. Überall in der Natur finden wir diese selbstverständliche Ausrichtung zum Lebenswichtigen. Und wenn wir einmal anfangen, darüber nachzudenken, kommen wir aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

 

Was für ein Wunderwerk ist der Tropische Regenwald – in seiner Artenvielfalt und in seinem Aufbau. Alles dort wächst dem Licht entgegen. Aber natürlich wachsen kleinere Pflanzen im Schatten der größeren. Und so sind dort Stockwerke entstanden. Ganz oben – vereinzelt – die Baumriesen mit über 60 Metern Höhe. Darunter das lichtdurchflutete Kronendach mit den allermeisten Lebensformen. Es bildet eine lückenlose Decke aus Ästen, Blättern und zahlreichen Pflanzen, die sich an anderen „festhalten“. Im ersten Stock das Blattwerk der jungen Bäume, deren Stämme – aus Mangel an Licht – meist keine Seitenäste haben, die sich aber tapfer nach oben arbeiten. Ins Untergeschoss fällt nur noch 1% des Lichts. Dort gibt es kaum Farben, es ist feucht und riecht modrig, aber auch hier wächst noch einiges: Moose, Farne, Pilze ...

 

Ein kunstvolles, wie von einem Architekten der Natur geplantes Gebilde, hoch wie ein 20stöckiges Wohnhaus, und ein Stockwerk baut so auf dem anderen auf, dass Pflanzen und Tiere artgerecht leben können.

 

Niemand muss ihnen sagen: Lebt im Licht! Sie tun es einfach, sie sind so geschaffen und ausgestattet.

 

Und der Mensch? Zum Bilde Gottes geschaffen und mit Verstand und Vernunft begabt? Mit der Zerstörung des Regenwaldes verschwinden täglich 50 Pflanzen- und Tierarten. Warum zerstört der Mensch die Quellen des Lebens, anstatt sie zu bewahren und zu erhalten? Warum meint er, es sei ihm von Nutzen, obwohl er doch weiß, dass er unwiderrufbaren Schaden anrichtet? Warum wählt er Dunkelheit und Tod, wenn ihm doch Licht und Leben angeboten sind?

 

Wir können anfangen bei den weltweiten Krisen und dann den Radius immer enger ziehen bis hin zu uns selbst, zu unserem eigenen Leben in der Familie und im Freundeskreis, als Bürgerinnen und Bürger, als Christinnen und Christen. Und überall stoßen wir auch auf Dunkles: auf Herrschsucht und Rücksichtslosigkeit, auf Menschenverachtung und Missbrauch, Menschen werden gemobbt, verurteilt oder durch Klatsch und Tratsch zu Außenseitern gemacht. Jugendliche hängen in der Luft mit ihrer Sehnsucht nach Zukunft und einem erfüllten Leben, Erwachsene fühlen sich wertlos und nicht gebraucht, Menschen wissen nicht, wo sie hingehören, und alle klagen und niemand weiß, wohin „das alles“ führt.

 

Wie mickrige, ständig vom Eingehen bedrohte kleine Pflanzen, aus denen nichts werden kann, weil sie zu wenig Licht bekommen. Das kann doch so nicht in Ordnung sein!

 

Lebt als Kinder des Lichts! Das ist nicht einfach eine Aufforderung. Das ist Gottes Zusage: Das geht! Ihr könnt das! Ich habe Euch dazu geschaffen!

 

So wurde Martin Luther verwandelt, als er endlich erkannte: Nichts anderes verlangt Gott von mir, als dass ich mich nach seiner Liebe strecke wie eine Pflanze nach dem Licht. Und je kleiner und mickriger und unzulänglicher ich mich fühle, desto mehr kann ich mich von seinem Licht bescheinen und lebendig machen lassen. Je schwächer ich mich fühle, desto mehr kann ich seine Kraft erfahren.

 

Und dann, liebe Gemeinde, geschieht das Wunder des Wachsens und Gedeihens. Und es können Früchte wachsen. Ein Mensch, der an Gott glaubt und sich nach seinem Licht ausrichtet, ist nach dem ersten Psalm wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl.

 

Und auch unser Predigttext beschreibt diese Frucht: die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

 

Nicht um Moral geht es hier. Sondern um etwas, das genauso organisch geschehen kann wie das Wachstum eines Baumes. Wer im Licht lebt, bringt auch Früchte des Lichts.

 

Ich weiß doch, wie mickrig ich manchmal bin und wie sehr ich angewiesen bin auf Vergebung - von Gott, aber auch immer wieder von Menschen. Ich kenne doch meine dunklen Seiten und weiß, wie erleichtert ich bin, wenn jemand mit Milde und Verständnis darauf schaut - Gott, aber auch Menschen. Ich kann mich so verlieren in einsamen Gedanken und Zweifeln und bin so froh, wenn ein gutes Wort mich da herauszieht - von Gott, aber auch von Menschen. Das kann ich doch gar nicht alles für mich behalten. All meine Dankbarkeit und Freude will dann mitgeteilt werden. Das Licht will sich ausbreiten. Und andere bekommen das zu sehen und zu spüren: Durch einen warmen Blick, durch einen Mund, der von Gottes Liebe erzählt und ohne Scheu ausspricht, wo Gottes Gebote gebrochen werden, durch einen herzlichen Händedruck von Händen, die so sanft sein können und zugleich kräftig mit anfassen. Und unsere Füße werden uns dorthin tragen, wo Christus uns braucht. Und sein Licht wird um uns und in uns sein.

 

Uns Menschen muss es immer wieder gesagt werden:

 

Lebt als Kinder des Lichts;
die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Erleuchte uns, Gott, und erfülle uns mit deinem Licht.
Dass wir sind wie ein Baum, der wächst und gedeiht und gute Frucht bringt.   AMEN


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