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Predigt 5. Sonntag in der Passionszeit, 21. März 2021

Predigt zum 5. Sonntag in der Passionszeit über Hiob 19,19-27

von Pfarrerin Angelika Hagena

 

Liebe Gemeinde,

folgendes Telefonat trug sich vor einiger Zeit zu:

Ich rief einen Herrn aus unserer Gemeinde an, um ihm noch nachträglich zu seinem Geburtstag zu gratulieren. Er bedankte sich für das Glückwunschschreiben unserer Gemeinde und fügte dann so in etwa mit folgenden Worten hinzu: „Das ist ja alles sehr nett und lieb gemeint mit den etwas blumigen irischen Segenswünschen, aber sagen Sie mal: Ist das realistisch? Da fehlt mir doch wirklich der Glaube, dass alles von Gottes Segen umhüllt ist, wenn ich realistisch in die Welt schaue. Sie mögen mich für einen Ketzer halten, aber das geht doch am wahren Leben vorbei.“

 

Tja, was hätten Sie da gedacht am anderen Ende der Leitung und was hätten Sie geantwortet?

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Ich war zunächst einmal etwas perplex, dann dankte ich für die aufrichtigen Worte und versuchte zu erklären, wie für mich das Hinsehen und Ernstnehmen des Leidens ganz wichtig ist und ich trotzdem versuche, mir die Hoffnung auf die Überwindung des Leidens durch Mensch und Gott nicht nehmen zu lassen.

 

Da war ich in meiner Überraschung schon den zweiten Schritt vor dem ersten gegangen, an seinem Leiden an dieser Welt schon vorschnell vorbeigeeilt, ohne es erst einmal zu verstehen und nachzuvollziehen.

 

Ein wenig, wie Hiobs Freunde, die Hiob in seinem Leid besuchen kommen und wortreich nach Erklärungen und Rechtfertigungen suchen. Alles hatte der Teufel in seiner Wette mit Gott dem Hiob genommen: Hab und Gut, seine Kinder sind gestorben und nun ist er von schwerer Krankheit gezeichnet, sitzt in der Asche und schabt seine eitrigen Geschwüre.

 

So furchtbares Leid widerfährt doch keinem Gerechten, argumentieren die Freunde. Das kann doch nur eine Strafe Gottes sein. Immer verzweifelter beteuert Hiob seine Unschuld, immer verzweifelter beteuern die Freunde, dass so was doch nicht sein kann und nicht sein darf. Da spricht Hiob:

 

 

Predigttext: Hiob 19,19-27 (Basisbibel)

19Meine engsten Freunde verabscheuen mich.

Sogar diejenigen, die mir am liebsten sind,

stehen mir feindselig gegenüber.

20Meine Haut klebt nur noch an den Knochen.

Nur das nackte Leben ist mir noch geblieben.

21Habt Mitleid, habt Mitleid mit mir,

ihr seid doch meine Freunde!

Denn Gott hat mich mit diesem Unglück geschlagen.

22Warum verfolgt ihr mich, wie Gott es tut?

Wann hört ihr endlich auf, mich zu zerfleischen?

23Ach, wenn ich mir doch wünschen könnte,

dass meine Verteidigungsrede aufgeschrieben wird –

wie bei einer Inschrift, die man in den Stein ritzt!

24Mit einem Meißel soll man sie in den Fels hauen

und ihre Buchstaben mit Blei ausgießen.

25Ich weiß ja doch, dass mein Erlöser lebt.

Als mein Anwalt wird er auf der Erde auftreten

und zum Schluss meine Unschuld beweisen.

26Mit zerfetzter Haut stehe ich hier.

Abgemagert bin ich bis auf die Knochen.

Trotzdem werde ich Gott sehen.

27Ich werde ihn mit meinen Augen sehen,

und er wird für mich kein Fremder sein.

So wird es sein, auch wenn ich schon halb tot bin.

28Ja, ihr überlegt noch immer,

wie ihr mich zur Strecke bringen könnt.

Ihr glaubt, die Schuld liege allein bei mir!

29Hütet euch nur vor dem Schwert

und begreift, dass es doch einen Richter gibt!

Denn wer sich so in Zorn redet wie ihr,

wird dafür zur Rechenschaft gezogen.

 

Liebe Gemeinde,

ich kann die Freunde Hiobs verstehen. Wer mag sich dem Elend des Hiob aussetzen? Wer mag sich Hiobs bitterer Selbstverteidigung aussetzen, die so böse am eigenen Welt- und Gottverständnis nagt?: Gott ist gut, er behütet mich, weil ich ihm treu bin und seine Gebote halte. So lebten die Freunde gut im Einklang mit sich selbst und mit Gott. So hätten sie auch gerne glücklich und zufrieden weitergelebt bis an ihr Lebensende. Wenn das Gebot, Kranke nicht allein zu lassen, sondern zu besuchen, sie nicht zu ihrem Freund Hiob geführt hätte.

 

Und jetzt? Jetzt versuchen sie verzweifelt diesen neuen Gedanken, der da aufblitzt, von sich fern zu halten, so lange es geht. Dass guten Menschen Böses geschieht und dass die Welt, die Gott geschaffen hat, nicht gerecht ist. Und dass das Glück, das wir in unserem Leben empfinden, nicht unser Verdienst, sondern Geschenk ist. Und dass wir selbst in äußerst glückliche Umstände hineingeboren sind und unter äußerst glücklichen Umständen leben dürfen, auch in Corona-Zeiten, dass wir hier im Frieden leben und als Christinnen und Christen nicht verfolgt werden.

 

Und auch die letzte beunruhigende Schlussfolgerung in der Begegnung mit Hiob versuchen die Freunde mit schweren rhetorischen Geschützen abzuwehren: Es kann sein und es ist möglich, dass wir einst trotz all unsrer Verdienste so wie Hiob in der Asche sitzen werden.

Was brechen da nur alles für Fragen auf, die an die Substanz gehen und Hiobs Freunde sichtlich überfordern. Was für ein schreckliches Bild: Da liegt der Hiob am Boden. Und die Freunde? Die Freunde treten noch nach. Sie scheinen ziemlich wütend zu werden, erzählt der Predigttext, sogar feindselig, wollen den elenden Hiob nun auch noch mit Worten zur Strecke bringen. Ganz massiv stört Hiob ihr Wohlbefinden und ihre Vorstellung von Gerechtigkeit.

 

Über Dinge, die uns wütend machen, lohnt es sich ja meist, genauer nachzudenken. Manchmal hat da gerade jemand einen wunden Punkt in uns angesprochen. Etwas, das schon seit geraumer Zeit in unserem eigenen Unterbewusstsein lauerte, auch von Zeit zu Zeit mal wieder anklopfte, sich bisher aber ganz erfolgreich zur Seite schieben ließ. Unter der Abwehr und Wut liegt manchmal etwas verdeckt, worüber wir uns eigentlich nicht trauen nachzudenken, weil es schmerzt und weil wir es  für uns selbst noch gar nicht sortiert haben. Einfacher ist es zu poltern: „Ich lasse mir doch nicht vorwerfen rassistisch zu sein“, als wirklich zuzuhören, wie Menschen aus Minderheitsgruppen auch unser Verhalten persönlich empfinden und welche für uns selbstverständlichen Privilegien ihnen fehlen.

 

Auch mein Gegenüber am Telefon ging davon aus, dass mich seine Gedanken eher verärgern würden. Klar, eher ungern lässt man den eigenen Glauben in Frage stellen. Und wie die Freunde Hiobs ging auch ich deshalb wahrscheinlich viel zu schnell in die Verteidigungsposition.

 

Aber genau diese Fragen brauchen wir, um keine Schönwetter-Kirche zu sein. Wenn keiner sich mehr traut, solche Fragen zu stellen wie diese: „Glauben Sie das denn wirklich, Frau Pfarrerin…?“, dann verlieren wir die Wahrheit und die Bodenhaftung unseres Glaubens und sind nur noch eine Wohlfühlgemeinschaft inmitten von nett Gesagtem und ansprechend Gestaltetem.

 

Gut, dass es in unserem Kirchenjahr die Passionszeit gibt, die uns 7 Wochen lang darauf hinweist: Dem Kampf können wir nicht ausweichen, in den mein Gegenüber tapfer eingestiegen war: Ist die Welt nicht ganz anders als auf den schönen Segenskarten zum Geburtstag? Keiner hat sich in größerer Radikalität und Anschaulichkeit diesem Kampf gestellt als Jesus Christus. Verurteilung, Folter und Tod eines Unschuldigen: exemplarisch macht die Passionsgeschichte ein für allemal klar, dass diese Welt nicht gerecht ist und dass die Wahrheit oft nicht gern gesehen und viel lieber verdrängt wird, weil sie schmerzlich ist und an unserem Selbst- und auch Gottesbild böse nagt.

 

So ist die Passion des Gerechten tatsächlich in Stein geritzt für uns Christinnen und Christen, wie es Hiob einst gefordert hatte. 

Da gibt es nichts schön zu reden, sagt das Kreuz über unserem Altar. Nein, vieles ist zutiefst ungerecht in dieser Welt und nein, wir können das Leiden nicht in einen schönen Käfig aus wohlfeilen Worten sperren. Es ist da und es fällt uns immer wieder an und wen es warum anfällt, das wissen wir nicht. Diesen Kampf können wir mit Worten nicht gewinnen und müssen uns ihm doch stellen, so wie es Jesus am Kreuz tat.

 

Da gibt es nichts schön zu reden, sagt das Kreuz über unserem Altar. Und so tritt Gott am Ende des Hiobbuches nicht als Anwalt der selbstgerechten Freunde auf, sondern als Anwalt des unschuldig Leidenden, so wie es Hiob im Predigttext verlangt. Und so tritt Gott auch am Ende der Passionsgeschichte nicht als Anwalt der vermeintlich Rechtgläubigen auf, die das Urteil sprechen, sondern als Anwalt des unschuldig Leidenden.

 

Deshalb beginnt alle Theologie, die nicht frommer Schein, sondern ernsthafte Auseinandersetzung sein will, beim gekreuzigten Gott. Das braucht Mut und das geht ans Eingemachte.

 

Entschieden wetterte schon Martin Luther gegen eine theologia gloriae, eine Herrlichkeitstheologie, die sich den Himmel zurecht fantasiert und sich auf die eigenen guten Werke und die eigene Gerechtigkeit verlässt. In der Heidelberger Disputation stellt Marin Luther sie der theologia crucis, der Kreuzestheologie gegenüber. Er schreibt:

So genügt oder nützt es keinem schon, Gott in seiner Herrlichkeit und Majestät zu erkennen, wenn er ihn nicht zugleich in der Niedrigkeit und Schande des Kreuzes erkennt…In Christus dem Gekreuzigten liegt die wahre Theologie und Erkenntnis Gottes. 

 

Passionszeit heißt, immer mal wieder zu überdenken, ob unser Glaube das Kreuz noch erträgt und ob die Menschen, die ihr Kreuz zu tragen haben, noch im Blick sind und ob wir selbst es wagen, unser Kreuz auf uns zu nehmen und ihm nachzufolgen.

 

Stehen wir noch an der Seite der Leidenden oder sind wir um uns selbst besorgte Amtskirche? Hören wir, was Kirchenferne uns entgegenhalten oder wissen wir es schon besser? Machen wir alles richtig wie immer oder wagen wir mit Gottes Hilfe den Aufbruch ins Unbekannte? Haben wir „so unseren Glauben“ oder lassen wir es zu, dass Kritiker und Zweifler ihn infrage stellen und uns so anregen, noch ein Stück weiter zu denken?

 

Passionszeit heißt immer mal wieder zu überdenken, ob unser Glaube das Kreuz noch erträgt. Passionszeit heißt aber auch, über das Kreuz hinauszublicken. Leiden ist kein Wert an sich. Es ist eine Tatsache in dieser Welt, der wir uns zu stellen haben: aufrichtig, selbstkritisch, mitfühlend, eigene Ängste in den Blick nehmend, aushaltend am Kranken- und Sterbebett. Indem wir dies tun, wächst nicht das Leid, sondern der österliche Glaube, dass Gott es überwinden will und mit unserer Hilfe auch an vielen Stellen überwinden kann. Wir können das Kreuz nicht umgehen, denn es ist unser christlicher Weg zum wahren Leben.

 

Dietrich Bonhoeffer sagt: „Wir müssen uns immer wieder sehr lange und sehr ruhig in das Leben, Sprechen, Handeln, Leiden und Sterben Jesu versenken, um zu erkennen, was Gott verheißt und was er erfüllt. Gewiss ist, dass im Leiden unsere Freude, im Sterben unser Leben verborgen ist; gewiss ist, dass wir in dem allen in einer Gemeinschaft stehen, die uns trägt.“

 

Ich möchte heute schließen mit einem Gebet von Thorsten Latzel, dem neuen Präses unserer Rheinischen Landeskirche, der gestern in sein Amt eingeführt wurde.

 

„Wenn es soweit ist“

„Wenn es soweit ist, Gott,

bei anderen oder bei mir,

dann bewahre mich

vor billigem Trost und frommen Plattitüden,

vor der Flucht in heilige Belanglosigkeit.

Schenk mir den Mut der letzten Meter,

Deinem Licht wie Deiner Dunkelheit nicht auszuweichen,

mit Dir zu streiten,

bedingungslos

für die anderen und für mich,

wenn nötig, bis zum letzten Atemzug,

hoffend darauf,

dass Du selbst dabei an meiner Seite bist.“

 

Kanzelsegen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

 


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