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Geistlicher Impuls für Palmsonntag, 28. März 2021

von Pfarrer Thorsten Diesing

zum Einzug von Jesus in Jerusalem
(Mt 21,1-11, Mk 11,1-10, Lk 19,29-38, Joh 12,12-19)

 

„Auf in die Hauptstadt!“, so hieß es nicht nur am Palmsonntag für Jesus und seine Jünger*innen. „Auf in die Hauptstadt“, so hieß es am Epiphaniastag 2021 in Washington. „Auf ins Zentrum der Macht!“ Doch die 800 Leute, die zum Kapitol zogen, folgten nicht friedlich einem jüdischen Messias. Sie trugen Hörner, schwenkten Fahnen, schlugen Scheiben ein, tobten durch die Flure, brachen in Büros ein, lümmelten dort mit den Füßen auf dem Schreibtisch und schickten ihre Selfies in die Welt: „Wir sind da. Wir übernehmen die Macht.“ Die Bilanz: 5 Tote, 56 verletzte Polizist*innen und eine zutiefst verstörte Gesellschaft.

 

Wie anders war der Einzug von Jesus in Jerusalem. Er saß auf einem Esel, die Armen begleiteten ihn. Die einen rissen sich die Kleider vom Leib und legten sie auf den Weg, andere schwenkten Palmenblätter, und dabei riefen sie: „Hosianna! Hosianna dem Sohn Davids.“ Ein Gebetsruf aus dem 118. Psalm, aus der Pessach-Liturgie (Ps 118,25). „Hosianna“, das heißt: „Hilf doch!“ Der Psalm ist ein Höhepunkt der Pessach-Liturgie – und zum Pessach-Fest ist Jesus ja auch nach Jerusalem gezogen. „Hosianna“, damit wurde der Retter herbeigerufen.

 

Die Karwoche hat aber noch eine andere Seite. Die Passionszeit war jahrhundertelang Pogromzeit. In den Predigten der Karwoche wurde zum Hass gegen Jüdinnen und Juden aufgestachelt. Sie würden die Schuld am Tod des Erlösers tragen, hieß es. Karfreitag war der gefährlichste Tag im ganzen Jahr für Jüdinnen und Juden. Die Prozessionen endeten nicht selten in Hetzjagden – bis ins 20. Jahrhundert hinein. 1934 etwa rotteten sich am Palmsonntag in der fränkischen Kleinstadt Gunzenhausen die Einwohnerinnen und Einwohner zusammen, verprügelten die Jüdinnen und Juden des Ortes und jagten sie durch die Straßen. Am Ende schleiften sie 30 Frauen und Männer ins Gefängnis, zwei starben. 1000 bis 1500 Leute beteiligten sich an den Ausschreitungen. 5.600 Menschen lebten damals in Gunzenhausen.

 

„Hosianna dem Sohn Davids“. Am Palmsonntag werden in der Kirche diese uralten jüdischen Worte gesungen. Es ist die Hoffnung der jüdischen Menschen, dass Gott sie rettet, so wie sie es in Ägypten, am Schilfmeer erlebt haben. Jahr für Jahr erinnern sie daran beim Pessach-Fest – in den Tagen, an denen wir Ostern feiern. „Hosianna! Gott, hilf doch!“ Diesen Ruf und diese Hoffnung, dass Gott befreit, haben wir von ihnen übernommen. Im Lied „Tochter Zion“ werden diese Worte aufgenommen. Doch die Tochter Zion, das ist nicht die adventlich geschmückte Kirche. Sondern die Tochter Zion ist Jerusalem. Und jedes Pessach-Fest beginnt am Sederabend mit dem Wunsch „Und nächstes Jahr in Jerusalem“.

 

Wenn ich am Palmsonntag die Geschichte vom Einzug in Jerusalem höre, dann denke ich auch an diese vergessene Seite des Palmsonntags. Dass die Karwoche immer wieder eine Zeit voller Bedrohung und Hass und Lebensgefahr für die jüdischen Menschen war, aus deren Glaubensgut sich die christliche Kirche munter bedient hat, während sie gleichzeitig ihren Glauben verächtlich gemacht hat.

 

„Auf in die Hauptstadt!“ Bei Jesus rollen keine Panzer. Keine Fahnen mit Sternenbanner werden geschwenkt oder Gewehre in Kameras gehalten. Die Leute winken mit Palmenwedeln. Ein einzelner Mann zottelt langsam auf einem Esel heran, dem Lasttier der Armen. Der schießt niemanden tot. Sein Umzug ist ein zutiefst friedlicher.

 

Wenn wir in diesen Tagen unsere Häuser mit Weidenkätzchen schmücken und Ostersträuße aufstellen, sollen sie von Hoffnung und Gemeinschaft erzählen. Wir sollen einander achten, die Leidensgeschichten um uns herum wahrnehmen und zur Versöhnung beitragen.

(unter Verwendung von Gedanken und Formulierungen von Pfarrerin Margot Runge, www.queerpredigen.com)

 

Anmerkung zum hebräisch-aramäischen Begriff „Hosianna“: Der Wortstamm „Hilfe / Rettung“ (Hoschia) steckt auch in der hebräischen Form des Namens von Jesus „Jehoschua“ = Jahwe ist Hilfe / Rettung. Diese Übereinstimmung von Name und Heilserwartung ist für uns nicht mehr erkennbar, für Menschen damals in Jerusalem aber offensichtlich.


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