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Predigt zum 3. Sonntag nach Ostern - Jubilate, 25. April 2021

von Pfarrerin Angelika Hagena

 

Kanzelgruß

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!  Amen.

 

Liebe Gemeinde,

haben Sie schon einmal mit Menschen, die einer anderen Religion angehören, über Ihren Glauben gesprochen? Haben Sie schon einmal mit Atheisten oder einer Atheistin diskutiert?

Und wie haben Sie dieses Gespräch erlebt?

War Ihnen das Gespräch unangenehm, weil sich unser Gott eben nicht belegen und beweisen lässt und einem an einer bestimmten Stelle im Gespräch die Argumente ausgehen? Irgendwie spürt man: Mir ist das wichtig, so zu glauben, und für mich macht das Sinn und ich lebe das so. Aber es ist mehr Gefühl und mir fehlen einfach die passenden Worte, das meinem Gegenüber zu erklären. Sobald ich meinen Glauben in allgemein gültige Worte fassen soll, klingt es immer schon irgendwie nicht mehr ganz richtig und auch angreifbar. Ja, wie soll man einem Muslim das mit der Trinität erklären: ein Gott, drei Götter, drei in einem, habe ich das eigentlich selbst verstanden oder habe ich es vielleicht auch selbst noch nie so richtig verstanden? Dies merkt man dann sehr deutlich beim Erklären. Wieso lässt Gott seinen Sohn am Kreuz sterben und genau dies soll Gottes große Liebe bezeugen? Wie erkläre ich das einer Atheistin?

 

Ich glaube, dass viele Christinnen und Christen heute solche Gespräche scheuen: aus Angst, dass die richtigen Worte fehlen; aus Angst, etwas theologisch Falsches zu sagen; aus Angst, dann am Ende selbst in Unsicherheit und Glaubenszweifel zu geraten. 

Glaube ist etwas sehr Privates geworden in unserer Kultur, auf einer Abendeinladung oder Gartenparty ein echtes Tabu-Thema. Spricht dort  jemand von seinem Glauben, so vermuten wir einen Zeugen Jehovas oder eine evangelikale Christin, die uns zu irgendetwas bekehren und missionieren wollen.  Glaube, vielleicht ist er sogar zu privat geworden für das Gespräch in der Familie. Manchmal frage ich im Trauergespräch: „Haben Sie denn mit dem Verstorbenen einmal über seinen Glauben gesprochen?“ In aller Regel lautet die Antwort: „Nein.“ Glaube, am Ende vielleicht so privat geworden, dass selbst der innere Dialog über den Glauben verstummt. Glaube, am Ende dann nicht mehr in Worte fassbar und im Alltag nicht mehr auffindbar.

 

Ja, das Gebet gibt es auch im stillen Kämmerlein, aber wie ich meinen Glauben in dieser Welt verstehe, was ich eigentlich glaube oder auch nicht glauben kann, das entsteht im Dialog: im Dialog mit der Bibel, aber auch im Dialog mit Mitchristinnen und Mitchristen, denn Glaube formt sich vielfach im Gespräch untereinander und mit den Menschen unserer Zeit und Gegenwart.

Ein besonders spannendes Kapitel ist dabei der oft auch durchaus kritische Dialog mit Vertreterinnen und Vertretern anderer Glaubensrichtungen und auch mit den gesellschaftlichen Strömungen der Gegenwart. Wo dieser Dialog intensiv geführt wurde, da gab es wichtige neue Erkenntnisse und meist auch einen Aufbruch: angefangen mit der Pfingstgeschichte in Jerusalem, über die Flugschriften Martin Luthers, die bekennende Kirche, die christliche Anti-Apartheitsbewegung, die Kirchentagsbewegung.

 

Darum ist es im Großen wie im Kleinen gut, unseren Glauben mutig ins Gespräch zu bringen. Wie aber führen wir einen fairen offenen Dialog, in dem wir den anderen anders sein lassen können, aber trotzdem unseren eigenen christlichen Standpunkt klar benennen, auch wenn uns auf manche Frage selbst die Antwort fehlt?

 

Suchen wir Rat bei einem, der das versucht in einer Gesellschaft, die nicht weniger bunt war als unsere, multikulturell und multireligiös. Vielleicht waren Sie schon einmal in Athen und kennen den Areopag und die Akropolis, die sich mitten in der Stadt Athen erhebt und auf der man auch heute noch zahlreiche Relikte alter Tempel besichtigen kann. Reisen wir in Gedanken dorthin.  Hier, auf dem Areopag treffen wir nun den Apostel Paulus, wie er dort vor 2000 Jahren vor Juden, Epikureern, Stoikern und heidnischen Tempelbesuchern steht und den Dialog folgendermaßen führt:

 

Predigttext aus Apostelgeschichte 17,22-34

In Athen: Paulus spricht auf dem Areopag

22Paulus trat in die Mitte des Areopags und sagte: »Ihr Bürger von Athen! Nach allem, was ich sehe, seid ihr sehr fromme Leute. 23Ich bin durch die Stadt gegangen und habe mir eure heiligen Stätten angeschaut. Dabei habe ich auch einen Altar gefunden, auf dem stand: ›Für einen unbekannten Gott‹. Das, was ihr da verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch.

24Es ist der Gott, der die Welt geschaffen hat und alles, was in ihr ist. Er ist der Herr über Himmel und Erde. Er wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand errichtet wurden. 25Er ist auch nicht darauf angewiesen, von Menschen versorgt zu werden. Er ist es doch, der uns allen das Leben, den Atem und alles andere schenkt. 26Er hat aus einem einzigen Menschen die ganze Menschheit hervorgehen lassen, damit sie die Erde bewohnt. Für jedes Volk hat er festgesetzt, wie lange es bestehen und in welchen Grenzen es leben soll. 27Er wollte, dass die Menschen nach ihm suchen –ob sie ihn vielleicht spüren oder entdecken können. Denn keinem von uns ist er fern. 28Durch ihn leben wir doch, bewegen wir uns und haben wir unser Dasein. Oder wie es einige eurer Dichter gesagt haben: ›Wir sind sogar von seiner Art.‹ 29Weil wir Menschen also von Gottes Art sind, dürfen wir uns nicht täuschen: Die Gottheit gleicht keineswegs irgendwelchen Bildern aus Gold, Silber oder Stein. Die sind nur das Ergebnis menschlichen Könnens und menschlicher Vorstellungskraft.

30Nun – Gott sieht nachsichtig über die Zeiten hinweg, in denen die Menschen ihn nicht gekannt haben. Aber jetzt fordert er alle Menschen an allen Orten auf, ihr Leben zu ändern. 31Denn Gott hat einen Tag festgesetzt, um über die ganze Welt zu richten. Dann wird er Gerechtigkeit walten lassen – durch den Mann, den er dazu bestimmt hat. Dass dieser Mann wirklich dafür bestimmt ist, hat Gott allen Menschendurch dessen Auferstehung von den Toten bewiesen.«

32Als Paulus von der Auferstehung der Toten sprach, lachten ihn einige seiner Zuhörer aus. Aber andere sagten: »Darüber wollen wir ein andermal mehr von dir hören!«

33So verließ Paulus die Versammlung. 34Einige Leute schlossen sich ihm an und kamen zum Glauben. Unter ihnen war Dionysius, der dem Areopag angehörte, eine Frau namens Damaris und noch einige andere.

 

Paulus lässt sich ganz ein auf sein Gegenüber. Er hat die fremde Stadt Athen und die Tempel der Akropolis neugierig durchforstet und sie gerade in der Fremdheit ihrer Gottesverehrung auf sich wirken lassen. Wir hören, dass er schon vorher viel diskutiert hat mit Juden, Epikureern und Stoikern. Am Ende ist Paulus dann hängen geblieben an diesem Altar, auf den die Athener geschrieben hatten: „dem unbekannten Gott“. Denn es konnte ja sein, dass man im reichen Götterpantheon einen Gott vergessen hatte, der darüber sehr erzürnt sein könnte. Und so war man wohl auf diese Idee gekommen, einen Altar „dem unbekannten Gott“ zu errichten, sicher ist sicher.

 

Dieser Altar dient Paulus nun als Anknüpfungspunkt, um den Athenern von seinem eigenen Glauben zu erzählen. Dabei nennt er zunächst vor allem auch die Dinge, die ihn mit den heidnischen pantheistischen Vorstellungen der Athenern verbinden: Wir haben durchaus einiges gemeinsam: Wir verstehen Gott als Schöpfer des Himmels und der Erde, der die Völker in ihrer Vielfalt wollte und uns allen die Sehnsucht nach Gott ins Herz gelegt hat. Ja, noch weiter kann Paulus ihren Gedanken über Gott folgen: „Durch ihn leben wir doch, regen wir uns, sind wir“ Oder wie es einige eurer Dichter ausgedrückt haben: Wir sind von seiner Art“. Man sieht die

Menge eifrig nicken. Aber dann ist für Paulus doch auch der Moment gekommen, seinen christlichen Glauben ins Spiel zu bringen, auch das Trennende klar zu benennen und es  verständlich für die Athener darzustellen.

 

Wie damals Paulus stehen auch wir heute staunend inmitten religiöser Pluralität und Vielfalt auf dem Marktplatz der Möglichkeiten. Nicht jeder möchte dort mit uns sprechen. In manchem Gespräch finden wir auch einfach nicht die richtigen Worte. Auch Paulus hat damals längst nicht alle überzeugt. Einige Zuhörer lachten ihn sogar aus, so hören wir im Predigttext, als er von der Auferstehung der Toten sprach. Doch andere wieder überzeugte er. Wovon wir aber gar nicht erst sprechen, das kann keinen überzeugen und wird bedeutungslos.

 

Deshalb ist es gut, wenn wir wie Paulus immer wieder das Gespräch suchen, das ergebnisoffene Gespräch, das vor allem erzählt von dem, was mich bewegt und mich in meinem Glauben trägt. Und das zugleich den anderen in seiner Andersartigkeit und seinem Verständnis der Welt auch stehen lassen kann. Auch wenn meine Worte oft unvollkommen, trotzdem merkt mein Gesprächspartner, meine Gesprächspartnerin, dass mir an dieser Stelle etwas wichtig ist und Bedeutung für mein Leben hat. Schön, wenn man dann gemeinsam spürt: Wir alle sind Suchende im Glauben. Denn unser Glaube ist kein stehendes Gewässer, sondern vielmehr ein Fluß mit Untiefen und Rätseln, mit aufziehenden Wellen und ruhigem seichtem Ufer. Immer neue Landschaften durchzieht er im Laufe unseres Lebens. Sie geben ihm seine Form und zugleich formt auch er sie mit. Und manchmal finden Flüsse zusammen und fließen dann mit neuer, vereinter Kraft. So zum Beispiel geschehen im Jahr 2019.

 

Im Jahr 2019 traf Papst Franziskus mit dem Scheich der ägyptischen al-Azhar-Universität in Kairo zusammen, Großimam Ahmad al-Tayyib, der vielen als höchste Autorität des sunnitischen Islam gilt. Bei ihrer Begegnung in Abu Dhabi verständigten sich der Papst und der Großimam auf das Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt, das auch unter dem Namen Abu-Dhabi-Dokument bekannt geworden ist. Miteinander bekannten Sie darin ihren Wunsch nach Gerechtigkeit und Frieden für die Welt und machten deutlich, welche Verantwortung die Religionen dafür tragen können und tragen sollen.

Am Ende bekannten Papst und Scheich ihre Hoffnung, dass diese Erklärung „ein Zeugnis für die Größe des Glaubens an Gott sei, der die getrennten Herzen eint und den menschlichen Geist erhebt;

dass sie ein Symbol sei für die Umarmung zwischen Ost und West, Nord und Süd sowie zwischen allen, die glauben, dass Gott uns erschaffen hat, damit wir uns kennen, unter uns zusammenarbeiten und als Brüder und Schwestern leben, die sich lieben.“

 

Gemeinsam suchen und finden, was uns trägt, das soll, so wie damals auf dem Areopag neugierig und interessiert, offen und freundlich geschehen. Einander einfach mal fragen, warum denn nicht: Was glaubst du eigentlich? Was ist für dich das wichtigste an deinem Glauben? Was trägt dich, was leitet dich, was verstehst du und was verstehst du nicht, was bedrückt dich in deinem Glauben und worauf hoffst du?

 

So schenke uns Gott den Mut, unseren Glauben zu bekennen und zu hinterfragen, ihn immer wieder in Bezug zu setzen zu anderen Denkweisen und ihn in Wort und Tat lebendig werden zu lassen.

 

 

Kanzelsegen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

 

 

Führen und leiten

Im übrigen meine ich

Möge uns der Herr weiterhin

Zu den Brunnen des Erbarmens führen

Zu den Gärten der Geduld

Und uns mit Großzügigkeitsgirlanden

Schmücken

Er möge uns weiterhin lehren

Das Kreuz als Krone zu tragen

Und darin nicht unsicher zu werden

Soll doch seine Liebe unsere Liebe sein

Er möge wie es auskommt in unser Herz eindringen

Um uns mit seinen Gedankengängen

Zu erfrischen

Uns auf Wege zu führen

Die wir bisher nicht betreten haben

Aus Angst und Unwissenheit darüber

Dass der Herr uns nämlich aufrechten Ganges

Fröhlich sehen will

Weil wir es dürfen

Und nicht nur dürfen sondern auch müssen

Wir müssen endlich damit beginnen

Das Zaghafte und Unterwürfige abzuschütteln

Denn wir sind Kinder Gottes: Gottes Kinder!

Und jeder soll es sehen und ganz erstaunt sein

Das Gottes Kinder so leicht und fröhlich sein können

Und sagen: Donnerwetter

Jeder soll es sehen und jeder soll nach Hause laufen

Und sagen: er habe Gottes Kinder gesehen

Und die seien ungebrochen freundlich

Und heiter gewesen

Weil die Zukunft Jesus heiße

Und weil die Liebe alles überwindet

Und Himmel und Erde eins wären

Und Leben und Tod sich vermählen

Und der Mensch ein neuer Mensch werde

Durch Jesus Christus.

 

Quelle: Michael Blum und Hanns Dieter Hüsch, Das kleine Buch zum Segen, S. 36


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