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Predigt zum 4. Sonntag nach Ostern - Kantate, 2. Mai 2021

von Pfarrerin Angelika Hagena

 

Kanzelgruß

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!  Amen.

 

Liebe Gemeinde,

himmelhoch jauchzend - zu Tode betrübt, so könnte man das Kapitel im Lukasevangelium überschreiben, aus dem der heutige Predigttext entnommen ist. Er führt uns noch einmal zurück zum Geschehen von Palmsonntag. Jesus reitet auf dem Füllen einer Eselin nach Jerusalem ein. Die Menge jubiliert und preist Gott überschwänglich. Doch nicht alle können sich einfinden in dieses Lob. Etwas abseits stehen Pharisäer. Sie haben Zweifel an dem, der da als Messias gepriesen wird und Angst vor Aufruhr. 

 

Und kaum ist Jesus an der jubelnden Menge vorbeigeritten, da hält er vor den Toren Jerusalems inne und weint über die Stadt Jerusalem. Denn er weiß, dass ihre Feinde sie einnehmen und den Tempel verwüsten werden. 

Himmelhoch jauchzend - zu Tode betrübt. Wie nahe liegt das beieinander in der Passionsgeschichte. Wie nahe liegt das beieinander in unserem täglichen Leben. Wie nahe liegt das beieinander von Haus zu Nachbarhaus.

 

Predigttext aus Lukas 19,37-40

37 Als er sich schon dem Abhang des Ölbergs näherte, begann die Schar der Jünger freudig und mit lauter Stimme Gott zu loben wegen all der Machttaten, die sie gesehen hatten. 38 Sie riefen: Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Ehre in der Höhe! 39 Da riefen ihm einige Pharisäer aus der Menge zu: Meister, weise deine Jünger zurecht! 40 Er erwiderte: Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien.

 

Liebe Gemeinde,

ausgelassen feiern, singen, jubeln, maskenlos und bedenkenlos, einander in den Armen liegen: Gott sei Dank, es ist vorbei! Das wäre doch schön! Lasst uns feiern und fröhlich sein. Alles nachholen, was wir nachholen wollten. Die trüben Stunden vergessen, die Einsamkeit, die Tage ohne Ende, den Rückzug in uns selber, die Trauer, die Aggression auf viel zu engem Raum und die Resignation. Jubeln und singen vor Freude würden auch wir gerne so wie die fröhliche Menge der Jünger Jesu am heutigen Sonntag Kantate. Doch noch können wir es nicht, noch dürfen wir es nicht und wünschten vielleicht, dass es wenigstens die Steine es für uns tun könnten.

 

Im letzten Jahr haben die Steine es ja tatsächlich für uns getan. Vor vielen Kirchengemeinden, Schulen und Kitas fanden sich bunt bemalte Steine, die mitten im Lockdown vom Leben sangen und uns wie die Regenbögen in den Fenstern zum Zeichen des Durchhaltens und Zusammenhaltens in der Pandemie wurden.

Ausgelassen feiern, singen und jubeln, das wollen die Jünger, als Jesus nach Jerusalem einreitet. Einmal vergessen all die Anfeindung und Streitgespräche, die auch hinter ihnen liegen. Einmal vergessen die Sorge, was nun passieren würde hinter den Toren der Stadt Jerusalem. Einmal vergessen, die düsteren Andeutungen, die Jesus schon gemacht hatte.

„Wie im Himmel“, einmal das Himmelreich auf Erden mitten unter uns sein lassen. Ich kann die Jünger Jesu nur zu gut verstehen, wie sie einfach in diesem Moment leben und sich freuen wollen und die Welt um sich herum vergessen.

 

Die Pharisäer, in Angst vor Aufruhr und in Zweifel, was sie von diesem Jesus halten sollen, schreiten ein. „Nun mal Ruhe da, Jesus, weise deine Jünger zurecht!“

Aber Jesus weist seine Jünger nicht zurecht. Es ist fast wie auf dem Festmahl, als man Jesus fragt, warum die Pharisäer fasten aber seine Jünger nicht fasten und Jesus antwortet: Wie können die Hochzeitsgäste Leid tragen, solange der Bräutigam bei ihnen ist? „Wie im Himmel“, für einen Moment soll es so sein. Auch wenn Jesus selbst schon weiß, was kommen wird, dieser Moment des Jubels hat nun seine Stunde und keiner soll ihnen das nehmen. Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!

 

Nicht dass Jesus das Bad in der jubelnden Menge für sich selbst bräuchte, wie mancher großmächtige Herrscher auch unserer Tage. Auch in dieser Situation, wo sie ihm alle zuwinken und ihn feiern als Messias, sieht er die, die da am Rande stehen und keinen Anlass zum Jubel sehen. Auch in dieser Stunde steht er den Pharisäern Rede und Antwort. So wie es Lukas uns gerade eben in der Geschichte von Zachäus, dem Zöllner, erzählt hatte. Auch ihn entdeckt er am Rande all der jubelnden Menschen. Auf ihn geht Jesus zu: Deinem Haus, Zachäus, ist heute das Heil widerfahren. Und alles andere steht jetzt dahinter zurück. Ja, das Himmelhoch-Jauchzen hat auch hier seine Stunde, allen Bedenkenträgern zum Trotz! Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat. Lasset uns feiern und fröhlich sein an ihm!

Und wenn ihr sie nicht jubeln lasst, wendet sich Jesus den Pharisäern zu, dann werden eben die Steine jubeln und feiern.

 

Jesus erleben wir oft in der Bibel, wie er mit den Menschen feiert: die Gegenwart Gottes in Brot und Wein, die Erlösung aus Krankheit und Schuld, die Rückkehr in die Gemeinschaft, den Neuanfang und das geschenkte Leben als Vorschein des Reiches Gottes auf Erden.

 

Uns fällt es schwer, inmitten der Pandemie das Leben so zu feiern wie Jesus es tat. Vielleicht ist es Ihnen an manchen Stellen aber doch gelungen im vergangenen Jahr, in Momenten, die Ihnen kostbar sind in der Erinnerung.

 

Das Leben feiern inmitten vom Tod, dies geschieht in vielen Hospizen. Was der morgige Tag bringen wird, weiß niemand, aber auf die eine liebevoll servierte Tasse Kaffee kommt es jetzt an.

 

Das Leben feiern auch inmitten von Armut und Not. Ich denke an fröhlich spielende Kinder vor elenden Flüchtlingscamps. Ich denke an einen Bericht im Auslandsjournal, der eine vielleicht 12-Jährige in Ägypten zeigte, die nach der Schließung der Schulen vor ihrem Haus einen Teppich ausbreitete, eine Tafel zusammenbastelte und die Kinder der Nachbarschaft mit Begeisterung zu unterrichten begann.

 

Das Leben feiern inmitten von Zweifel, Ratlosigkeit und Resignation. Ja, heute feiern wir unseren Gottesdienst und das tun wir voll Freude. Vielleicht kommt morgen schon keiner mehr, vielleicht wird es auch eine Volkskirche bald nicht mehr geben, vielleicht werden wir zu einer verschwindenden Minderheit. Aber heute feiern wir diesen Gottesdienst. Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!

 

Das Leben feiern inmitten der Pandemie. Ja, ich freue mich mit über jede kleine Freiheit, die zurückkommt, für mich selbst, aber auch für andere. Viele davon früher so selbstverständlich, doch jetzt etwas ganz Besonderes: Reisen, Begegnungen, Konzerte und vieles mehr, was wir sehnlich vermisst haben. Wieso sollten wir sie denn denen nicht gönnen, die dies wieder dürfen, weil sie geimpft sind? Aus ganzem Herzen freue ich mich mit den Einsamen, die wieder unter Menschen kommen, mit den Kranken, die wieder besucht werden, mit den Sterbenden, die nicht mehr allein sein müssen. „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.“ So soll es unter uns Christinnen und Christen doch sein.

 

Warum aber dieser Predigttext am Sonntag Kantate?

Weil auch die Musik das Leben feiert und den Moment. Man vergisst das Gestern und denkt nicht mehr ans Morgen, sondern verliert sich ganz in den Tönen dieses einen Moments „wie im Himmel“. Auch die Musik und der Gesang jubilieren in Dur mit allen Fröhlichen und trauern in den leisen Melodien in Moll mit den Trauernden.

 

Und so hat uns die Musik in dieser Pandemie gutgetan. Als Uwe Hardung neulich überlegte, auf das Orgelstück zum Ausgang zugunsten des Glockengeläuts eine Zeitlang zu verzichten, da regte sich Protest in uns. Wir wollen es hören, weil es vom Leben singt und uns gerade in dieser Zeit so guttut.

 

Wenn wir schon nicht singen dürfen und auch die Steine schweigen, dann lasst uns wenigstens Musik hören und mit ihr Gottes Schöpfung preisen: „Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“ Lasst uns für diesen Moment die zweifelnden und mahnenden Pharisäer am Straßenrand vergessen! Lasst uns vergessen, was gleich hinter den Toren Jerusalems geschehen wird.

 

Musik und Gesang rührt uns an, bewegt uns, reißt uns mit, macht uns ruhig und tröstet. In der Sachlichkeit und Nüchternheit unserer Tage erzählen sie von der Fülle des Lebens in allen Farben - himmelhoch jauchzend und gleich vielleicht wieder zu Tode betrübt, aber in diesem einen Moment ganz himmelhoch jauchzend, Gottes Gnade verkündend ohne Wenn und Aber.

 

Kanzelsegen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

 

Fürbitte

Guter Gott,

wir bitten dich für alle,

die nicht froh singen mögen und singen können an diesem Sonntag Kantate.

Erfülle du ihr Herz mit der Melodie des Lebens.

Lad uns ein als Gäste zu deinem Freudenmahl.

Für alle, deren Stimme verstummt ist und deren Resignation groß:

Sing du ein Lied für sie.

 

Wir bitten für die Kinder und Eltern in Quarantäne und bedrückender Enge.

Hilf uns, auch auf engem Raum einer den anderen zu ertragen.

Lass wachsen in uns Großmut und die Bereitschaft, einander zu vergeben.

Führe du uns aus dieser Pandemie zurück in Leben!

 

Und lass uns die Menschen nicht vergessen, die die Pandemie abgehängt hat,

schulisch, wirtschaftlich und sozial.

Schenke uns Geduld und Dankbarkeit für alles, was wieder möglich ist.

Lass uns Freude und Leid miteinander teilen.

 

Schenke uns Momente des Heils, in denen wir spüren:

Du bist ganz für uns da.

 

Vater unser…

 


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