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Geistlicher Impuls zu Pfingsten, 23. Mai 2021

von Pfarrer Thorsten Diesing

 

Lobet und preiset, ihr Völker, den Herrn!

 

Dieser Kanon fällt mir zur Pfingstgeschichte ein. „Ihr Völker“ – das ist das Stichwort: Im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte heißt es: „es waren aber damals in Jerusalem gottesfürchtige Menschen aus allen Völkern unter dem Himmel. Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom, Juden, Kreter und Araber.“

Eine lange Reihe von Völkernamen – manche ganz schön schwer auszusprechen - und wahrscheinlich sind viele den meisten von uns ziemlich unbekannt. Wenn ich die Pfingstgeschichte im Kindergarten erzähle, dann ändere ich das und erzähle von Engländern und Franzosen und Holländern / oder Chinesen und Afrikanern und Amerikanern.

Aber werfen wir einen Blick auf diese antiken Völker: hinten in den meisten Bibeln sind ja Landkarten der damaligen Zeit. „Parther, Meder und Elamiter“ habe ich zuerst gesucht und gefunden: ganz weit im Osten. Heute liegen da: der Iran und Afghanistan.

Zwei Länder, die mittlerweile zu Symbolen geworden sind durch die Bilder und Berichte in den Nachrichten seit Jahrzehnten: Islamischer Fundamentalismus, Taliban und Islamische Republik, Terror und Unterdrückung der Frauen.

„und die da wohnen in Mesopotamien“ – „Mesopotamien“ kenne ich aus dem Geschichtsunterricht: das Zweistromland, eine der ältesten Hochkulturen der Welt. Heute liegt dort der Irak. Auch nicht gerade irgendein Land: Saddam Hussein – die Golfkriege – der IS. Und bis heute ein zerstörtes Land ohne echte Perspektive.

„Ägypten und die Gegend von Kyrene in Libyen“ – Anschläge auf Touristen und koptische Christen; Bürgerkrieg.

Und dann: „Juden und Araber“ – seit vergangener Woche wieder das Thema in den Nachrichten: der anscheinend unlösbare Nahostkonflikt – mit so viel Leid auf beiden Seiten.

 

„Lobet und preiset, ihr Völker, den Herrn“

Vielleicht müssen die Völker mal etwas anderes hören als Feindschaft und Krieg. Vielleicht müssen die Völker das mal hören, dass ein Tag kommen wird, an dem sie loben und preisen können: Gott loben und preisen.

Vielleicht hat das etwas mit Pfingsten zu tun.

 

„und Kappadozien, Pontus und die Provinz Asien“. Das sind Landschaften in der heutigen Türkei. Da kommen uns die Völker aus der Pfingstgeschichte ganz nah: Murat und Achmed, Aische und Zeynep sitzen vielleicht in der Schule neben unseren Kindern oder Enkeln – nicht in Religion, aber sonst. Oder eher doch nicht? Bleiben sie nicht meist unter sich? Und wir unter uns? Wie weit sind wir gekommen mit der Integration?

Damals beim ersten Pfingstfest, da scheint das anders gewesen zu sein. Da haben die Menschen anders mit den Fremden geredet. Da haben sich die Menschen auf einmal verstanden. Schön ist das gewesen.

Vielleicht hat Pfingsten auch damit zu tun: es gibt mehr Völker als unseres. Und Gott ist auch für die anderen da.

 

„Phrygien und Pamphylien“ – das sind die Küstenregionen der Türkei: Sonne, Strand ... „Einwanderer aus Rom“, „Kreter“ – die Urlaubszeit beginnt. Können und dürfen wir in diesem Jahr reisen? Wir sehnen uns nach den Stränden am Mittelmeer, wir sehnen uns auch nach dem südlichen Lebensstil, der Gastfreunschaft.

Es stimmt eben doch auch: es ist schön auf dieser Welt – das soll man auch nicht vergessen. „Lobet und preiset, ihr Völker, den Herrn!“

 

Gottes Geist – das klingt immer so abstrakt: Die dritte Person der Trinität. In der Pfingstgeschichte aber ist das ganz konkret: für alle hörbar (Sturm), für alle sichtbar (Feuerflammen) und für alle erlebbar: wir Menschen – aus den unterschiedlichsten Ländern – verstehen uns. Egal, welche Sprache wir sprechen: wir sind eingeladen von Gott, und deshalb gehören wir zusammen, sind wir eins. Mauern und Grenzen gehören abgebaut, denn wir alle sind Menschen.

 

Die Pfingstgeschichte ist damit eine Gegengeschichte. Eine Gegengeschichte zu einer Erzählung, die ganz am Anfang der Bibel steht. Damals wollten die Menschen einen Turm bauen, der bis zum Himmel reicht; wollten sich damit einen Namen machen; wollten werden wie Gott. In Babel sollte dieser Turm entstehen; doch Gott vereitelte den Menschenplan. Er verwirrte ihre Sprache, so dass niemand mehr den anderen verstehen konnte (1. Mose 11).

Auch Babel findet man auf den antiken Landkarten hinten in der Bibel. Und die Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien, das sind auch die Nachkommen jener Menschen, die damals scheiterten.

Jetzt hilft Gott, damit sie sich wieder verstehen.

Die Pfingstgeschichte – eine Gegengeschichte.

 

Und auch eine Gegengeschichte zu unserer tagtäglich erlebten Wirklichkeit. Vielleicht verstehen Deutsche, Franzosen, Holländer und Engländer sich heute besser als noch vor ein paar Generationen. Aber von dem Verstehen der Pfingstgeschichte sind wir noch weit entfernt.

 

Und Mauern und Grenzen erleben wir schon innerhalb unserer Gesellschaft. Und nicht nur zwischen Völkern. Zwischen Eltern und Jugendlichen, zwischen Männern und Frauen, zwischen Arbeitenden und Arbeitslosen, zwischen Hauptschülern und Gymnasiasten, …ich habe sogar den Eindruck, dass der Wille sich zu verstehen kleiner wird.

Toleranz ist nicht mehr so groß geschrieben.

Und echtes Kennenlernen und Verstehen ist noch viel mehr als Toleranz.

 

Damals in Jerusalem wurde deutlich, dass alle Menschen von Gott eingeladen sind.

Zu Pfingsten in Jerusalem, da ist etwas geschehen.

Aber bis das bei uns ankommt, brauchen wir wohl noch viel Geduld.

 

Gott, sende deinen Geist in die geistlose Welt,

immer wieder, damit das Verstehen wächst und der Frieden blüht.

Gott sende deinen Geist in die geistlose Kirche,

immer wieder, damit wir von deiner Wahrheit ergriffen werden und uns zu Recht deine Kinder nennen.

AMEN


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