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Predigt von Pastor i.E. Matthias Meinecke zum Sonntag, 16.05.2021

Predigt über Johannes 7,37-39 zum Sonntag Exaudi

von Pastor i.E. Matthias Meinecke

 

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.


Liebe Gemeinde!
„Mach' mal Pause!“ Dieser Werbespruch eines bekannten Getränkeherstellers kam in den hektischen Wirtschaftswunderzeiten der jungen Bundesrepublik gut an. Mal einen Gang zurückschalten, sich Ruhe gönnen und nach Möglichkeit eine eisgekühlte Flasche der
koffeinhaltigen Brause genießen. Eiskalt natürlich, denn das erfrischt richtig!
Inhaltsstoffe dieser Erfrischung dürften sich auch in einem deutlich jüngeren Produkt der Getränkeindustrie befinden, das dem Genießer nicht nur die Erfrischung sondern sogar die
Verleihung von Flügeln verspricht. Auch wenn dieses Versprechen völlig übertrieben ist, spricht der Erfolg des boomenden Unternehmens für sich.
Möglicherweise ist dieser Erfolg darauf zurückzuführen, daß hier noch andere Bedürfnisse als die
bloße Durstlöschung angesprochen werden. Wer möchte nicht gleichsam beflügelt durch den Alltag gehen, allen Schwierigkeiten trotzen, alle Probleme mit Leichtigkeit lösen und wie aus der
Vogelperspektive den Überblick über alles haben, um angemessen reagieren zu können.
Unangreifbar und souverän über allen Dingen schwebend und alles fest im Griff habend.
Nun ist die begrenzte Wirkung solcher Energy Drinks bekannt. Sie puschen zunächst sehr schnell
auf, doch ihre durchaus belebende Wirkung verliert sich ebenso rasch. Auf das Hoch folgt prompt
das Tief, und der Durst ist auch nicht unbedingt gelöscht. Im Gegenteil, das Verlangen, noch mehr von diesen Getränken zu sich zu nehmen, wird zur Freude der Hersteller eher noch gesteigert. Der Durst bleibt im Grunde genommen bestehen und meldet sich früher oder später umso dringlicher wieder.
Egal, welche Getränke wir nun als Durstlöscher bevorzugen, wir gehen durstig durch unsere Tage.
Ein Leben lang. Denn Durst haben wir nicht nur nach einem kühlenden Naß, das uns den Gaumen
befeuchtet und die Kehle herunterrinnt. Wir haben auch Durst nach seelischer Erfrischung. Dieser
Durst plagt einen vielleicht gerade jetzt stärker als sonst. Der Durst nach Anerkennung und Lob.
Nach Nähe, Liebe und einer Umarmung. Nach Konzerten und Reisen. Der Durst nach einer
Normalität ohne Beschränkungen. Manch einer war in den letzten Monaten ganz auf sich allein
gestellt. Für manch einen war es vielleicht zunächst eine fast willkommene Entschleunigung der
Zeit, doch die Stille, die zeitweise in den Innenstädten herrschte, war schon etwas beängstigend.
Auf dem sonst so belebten Bonner Marktplatz konnte ich einmal tatsächlich meine eigenen Schritte hören! Die Stille dieser Monate bietet vielleicht auch eine Chance, auf das zu hören, was für einen wirklich wichtig im Leben ist.
Einen Moment der Stille erleben auch die Menschen beim Fest in Jerusalem. Es ist das Laubhüttenfest. An die Seite des ursprünglichen Festgrundes, die Weinernte, trat mit der Zeit die
Erinnerung an die Wanderung des Volkes Israel durch die Wüste. Es war auch bekannt als das Fest, also als ein Event, das man nicht versäumt haben sollte, denn: „Wer das Laubhüttenfest nicht kennt, hat sein Lebtag keine Freude gesehen!“ So weit das Urteil eines Zeitgenossen. Ein Fest, bei dem es durchaus wie beim Karneval zugehen konnte.
Die Ausgelassenheit wird in diesen Tagen vielfach vermißt. Verschiedene Volksfeste sind bereits
abgesagt worden. Natürlich ist es schön, die Lust am Leben und sich selbst zu feiern. Mit guter
Laune und überbordender Lebensfreude. Doch wenn ein Event das andere ablöst, besteht die
Gefahr, die eigenen Probleme einfach zu überdecken, zu verdrängen und vor ihnen zu fliehen. Aber die Sorgen können nicht „weg gefeiert“ werden, sie melden sich spätestens am Morgen danach wieder. Das selbst erzeugte Hoch weicht wie nach dem Genuß des koffeinhaltigen Energy Drinks schnell dem unvermeidlichen Tief. Selbst wenn ich mit mir durchaus zufrieden sein sollte, gibt es doch manches an mir, das ich als dunklen Punkt wahrnehme und was mir die Lust nimmt, mich vorbehaltlos ohne Pause selbst zu feiern. Daher sind Festpausen sicherlich sinnvoll, um wieder über sich selbst nachzudenken, mit sich selbst ins Reine zu kommen und zu fragen, ob es nicht auch etwas außerhalb meiner alltäglichen Welt gibt, auf das ich angewiesen bin und das mich trägt.
Vielleicht hatten ja die Organisatoren des Laubhüttenfestes das im Sinn, als sie dem bunten Treiben eine Pause verordneten. Am stillen siebten Tag schöpfte man Wasser aus der Tempelquelle und schüttete es vermischt mit Wein am Altar aus. Damit wurde Gott ganz pragmatisch um reichen Regen für das Jahr gebeten. Zugleich dachte man an die eigene Unvollkommenheit und flehte mit dieser Handlung auch um die Ausgießung des göttlichen Segens am Ende der Zeiten. Die Sehnsucht danach schlägt sich in einem Gotteswort nieder, das der Prophet Jesaja (44,3-5) überliefert: „Denn ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre: ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen.“
Eine solche Durststillung erscheint mir nachhaltiger als das, was von den Getränkeherstellern
versprochen wird und ihre Produkte halten können. Alles Dürre und Durstige in mir wird dann so
nachhaltig getränkt werden, daß der Durst meines Lebens nicht wieder Oberhand gewinnen wird.
Auch wenn ich auf Nähe, Anerkennung, Lob und Liebe vielleicht einmal verzichten muß und ich
mich in einer schweren Dürrephase meines Lebens befinde.
In die feierliche Stille des Laubhüttenfestes schreit Jesus hinein: „In mir wird das, was Ihr Euch für das Ende der Zeiten erhofft, schon jetzt Wirklichkeit. Kommt zu mir!“ Ein gewagtes Versprechen, mag manch einer gedacht haben. Tatsächlich tritt Jesus wie einer auf, der lautstark Werbung für sich macht. Wie ein Marktschreier. An ihm schieden sich damals die Geister. Zwietracht entstand seinetwegen unter den Leuten, heißt es später im Johannesevangelium.
Wie stehe ich zu ihm? Nehme ich seinen Anspruch wirklich ernst oder halte ich ihn für genauso
unwahrscheinlich wie das Versprechen, Flügel verliehen zu bekommen? Gebe ich mich lieber
Zerstreuungen hin, die meinen Durst schnell und eiskalt erfrischen, um ihn später um so brennender zurückkommen zu lassen? Trinke ich lieber aus den stehenden Gewässern dieser Welt, oder rechne ich noch mit der sprudelnden und mitreißenden Kraft des Glaubens? Mit der lebendigen Quelle, die wir mit Jesus haben?
Vielleicht begegne ich ihm auch skeptisch oder habe mich von ihm abgewandt, weil ich enttäuscht
bin, wie das Leben mir mitgespielt hat. Doch wenn ich dann in meiner Dürrezeit nicht mehr direkt
den Weg zu seiner Quelle finde, dann gegebenenfalls über einen anderen Menschen, der von dieser Quelle getrunken hat. Was mich an Jesu Worten beeindruckt, ist der Hinweis, diesen Glauben auch weiterzugeben. Niemand hat den Glauben exklusiv für sich. Er bleibt nur lebendig, wenn ich ihn weitergebe und mich mit Gleichgesinnten austausche. Jesus sagt zwar, der Glaubende kann gar nicht umhin, seine Überzeugung weiterzugeben, doch ich sehe es anders. Es kommt auf die eigene Stimmung an. Wenn ich traurig und mutlos bin, werde ich nicht unbedingt zu einem Überlaufbecken, dessen überfließendes Wasser auch anderen nützlich ist. Eher droht mein Glaube aufgrund meiner tiefen Zweifel zu einem abgestandenen Wasserbecken zu werden. Aber wenn das Glaubenswasser eines lieben Menschen wieder in mein abgestandenes Wasser hineinströmt, kann es belebt werden. So erfrischt werde ich auch anderen wieder helfen können.
„Mach' mal Pause!“ Die Werbung zielt darauf ab, sich nach einer kurzen Rast wieder in das
Getriebe der Welt zu begeben. Jesus lädt uns zu seiner Quelle ein, um uns wirklich nachhaltig Kraft und Trost zu spenden, wenn das Leben eine Dürrezeit für uns bereit hält. Als sich in einer solchen Dürrezeit viele von Jesus abwenden, findet Petrus für den Kreis derer, die dennoch an Jesus festhalten, diese beeindruckenden Worte: „Herr, zu wem sollten wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens“ (Joh. 6,68).
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


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