Gottesdienst in unserer Gemeinde » Archiv: Geistliche Impulse » 

Geistlicher Impuls für Sonntag, 13. Juni 2021

... zu 1. Korinther 14,1-12
von Pfarrer Thorsten Diesing

 

In dem Abschnitt, der an diesem Sonntag als Predigttext vorgesehen ist, schreibt Paulus darüber, dass es manchmal schwer ist, die Sprache, die im Gottesdienst gesprochen wird, zu verstehen. Im 14. Kapitel des ersten Briefs an die Gemeinde in Korinth schreibt er: „Wenn ihr in Zungen redet und nicht mit deutlichen Worten, wie kann man wissen, was gemeint ist?“ „Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet!“

 

Paulus ist hier schon ganz evangelisch: er geht davon aus, dass man ja letztlich in die Kirche geht, weil man etwas über Gott hören möchte, was man auch verstehen kann. Darum ist es doch angebracht, allgemein verständlich davon zu reden, wie die Zukunft mit Jesus aussehen wird, und wie es aussieht mit der christlichen Hoffnung.

 

Damals ging es ums „Zungenreden“, das ist eine religiöse Praxis, bei der der Beter in einer selbst ihm unbekannten Sprache spricht, wie er es direkt vom Geist eingegeben bekommt. Wie ist das nun heute?

 

Wir stellen uns zwar gerne in die Tradition Luthers und sagen: unsere Gottesdienste sind auf Deutsch, damit die Menschen das verstehen können … Aber unsere Kirchensprache ist eigentlich nicht wirklich das Deutsch, das man außerhalb des Gottesdienstes spricht: "Der Herr sei mit Euch", so grüßt sich seit Jahrhunderten keiner mehr auf der Straße. Und wenn doch, käme niemand auf die Idee, zu antworten: "Und mit deinem Geist".

 

Jedes Jahr mit einem neuen Konfirmandenjahrgang muss ich eine längere Einheit „Kennenlernen der Gottesdienstsprache“ machen – weil sich das, was wir hier jeden Sonntag machen, für die meisten Jugendlichen quasi wie Zungenreden anhört.

 

Kommt jemand fremd in einen normalen evangelischen Gottesdienst, so hat er eine Menge Hürden zu überwinden. Um die Liturgie zu verstehen, brauchte man eigentlich ein kleines Fremdwörterlexikon.

 

Paulus sagt: der Schwerpunkt des Gottesdienstes soll auf der "prophetischen Rede" liegen.  Nur ist dieser Begriff ––„Prophetisches Reden“ – heute auch schon wieder unverständlich geworden:

 

Prophetisches Reden soll nicht die Zukunft voraussagen; soll auch nicht das Blaue vom Himmel versprechen. Prophetisches Reden ist das, was die biblischen Propheten immer schon gemacht haben: die Dinge klar und deutlich beim Namen nennen! In einer ganz konkreten Situation das sagen, was von Gott her zu sagen ist. Propheten haben nicht vertröstet, sondern Trost geschenkt. Sie haben nicht das Blaue vom Himmel heruntergeholt, sondern sie haben auf Erden angefangen, Gottes Gedanken mutig auszusprechen und daraus Folgerungen gezogen: den Menschen in ihrer Situation Mut gemacht zu handeln. Oder sie gewarnt vor den Folgen ihres Tuns. Genau das soll heute die Predigt leisten.

 

Paulus sagt: „Wer prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.“ Wir nicken jetzt, und fühlen uns bestätigt. Aber was ist das denn eigentlich: Erbauung, Ermahnung und Tröstung. Das würden wir heutzutage doch auch nicht mehr so sagen. Aber wie würden wir es sagen?

 

Eine deutliche Sprache zu sprechen, die jede/r versteht, ist im Grunde genommen die Grundlage aller Aufgaben, die die Kirche hat. Und nicht nur die der PfarrerInnen bei ihrer Predigt! Jede Christin ist Botschafterin des Evangeliums. Jeder Christ soll anderen von seinem Glauben erzählen. Und zwar so, dass diese Rede nicht ausschließt, sondern zum Mitmachen einlädt. Ob uns das immer gelingt? Und ob wir bereit sind, dafür auch Sprachbarrieren zu überwinden?

 

„Gut drauf kommen die Leute, die niemandem mehr auf die Fresse hauen wollen, denn ihnen wird einmal alles gehören.“ … „Wenn ihr verarscht oder gelinkt werdet oder man Gerüchte über euch verbreitet wegen mir, dann könnt ihr darüber froh sein. Feiert und habt keine Angst, denn nach dem Leben werdet ihr dafür ganz fett absahnen.“
Klingt sehr fremd! Aber das, worum es geht, ist auch irgendwie sehr vertraut, nicht wahr?! Das sind zwei Zitate aus der Volxbibel, Mt 5,5 und 5,11f. – Seligpreisungen aus der Bergpredigt.


Die Volxbibel ist ein Projekt, bei dem Jugendliche – und ich sage ausdrücklich: vor allem fromme, bibelfeste Jugendliche – die biblischen Texte in ihre Sprache zu übersetzen. Das ist sehr gewöhnungsbedürftig, aber vielleicht doch mehr prophetische Rede, als man zunächst denkt. Lutherdeutsch ist für 17-jährige ähnlich unverständlich wie das Zungenreden, das Paulus anführt.

 

Und es muss ja nicht gleich die Volxbibel sein – aus dem Alter sind die meisten von uns sowieso raus. Aber seit einigen Monaten gibt es z.B. die BasisBibel, die neue Übersetzung der Deutschen Bibelgesellschaft. Sie bietet eine genaue Übersetzung in ordentlichem heutigen Deutsch, ohne große Experimente. Aber ich wage zu behaupten, für die meisten von uns ist sie sehr viel leichter zugänglich als der neue Luther. Wenn auch manchmal leider nicht so poetisch.

 

Ich habe großes Verständnis dafür, dass die meisten im Gottesdienst lieber das Althergebrachte hören wollen, aber wir müssen auch darüber nachdenken, dass wir damit an vielen Menschen so sehr vorbeireden, dass sie selten wiederkommen wollen.

 


Diese Website verwendet Cookies. Wenn Sie die Webseite weiterhin nutzen, gehen wir von Ihrem Einverständnis aus. Mehr erfahren