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Geistlicher Impuls für Sonntag, 19. September 2021

Geistlicher Impuls zu Markus 10,13-16

von Pfarrer Thorsten Diesing

 

13Einige Leute brachten Kinder zu Jesus. Sie wollten, dass er ihnen die Hände auflegte. Aber die Jünger wiesen sie schroff zurück. 14Als Jesus das merkte, wurde er zornig und sagte zu ihnen: »Lasst doch die Kinder zu mir kommen, hindert sie nicht daran! Denn für Menschen wie sie ist das Reich Gottes da. 15Amen, das sage ich euch: Wer sich das Reich Gottes nicht wie ein Kind schenken lässt, wird nie hineinkommen.«16 Dann nahm er die Kinder in die Arme, legte ihnen die Hände auf und segnete sie.

 

Liebe Gemeinde,

 

meiner Meinung nach hat die Geschichte von Jesus und den Kindern zwei Pointen / zwei wichtige Aussagen, die für uns im Leben wichtig werden könnten und sollten.

 

Das erste ist klar: das haben wir auch gestern in der Kinderkirche deutlich gesehen: Jesus hat die Kinder lieb! Sie sind ihm nicht zu klein, zu laut, zu unruhig, zu ich weiß nicht was, zu kindlich eben – er ist sich nicht zu schade, um sich mit ihnen abzugeben!

 

Kinder gehören für ihn selbstverständlich dazu – zur Gemeinde, zum Reich Gottes, zu Gott.
Und das war revolutionär damals: dass Kinder wirklich ernst genommen werden.
Genau wie Jesu Haltung zu Frauen revolutionär war: dass sie in seinem Kreis gleichberechtigt – oder sagen wir mal: beinah gleichberechtigt - waren.

 

Bei Jesus / und von Gott sind alle Menschen gleich geliebt – und deshalb gleich wichtig – und gleich berechtigt. Niemand wird ausgeschlossen aufgrund seines Alters, seines Geschlechts, seiner Herkunft, ja: seiner Religion – da gibt es einige Bibelstellen, wo Jesus auch die Grenzen, die seine Religion zieht, sprengt.

 

Das ist sozusagen das Evangelium / die Gute Nachricht für die Kinder.

 

Und dann gibt es noch das zweite Evangelium / die zweite Gute Nachricht. Die für die Erwachsenen.

 

Jesus wendet sich am Ende der Geschichte an seine Jünger – als Vertreter der Erwachsenenwelt. Und er sagt ihnen: Lernt von den Kindern! Denn wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, dann werdet ihr nicht „ins Reich Gottes“ kommen.

 

„Reich Gottes“ – das muss man mittlerweile übersetzen: Damit ist nicht das Leben nach dem Tod gemeint! Sondern damit ist die lebendige Gemeinschaft mit Gott schon hier und jetzt gemeint. Wem das zu abstrakt ist: Man könnte auch sagen: ein glückliches / sinnvolles / erfüllendes Leben.

 

Also: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, dann werdet ihr nicht wirklich glücklich werden im Leben / dann werdet ihr euch irgendwann nach dem Sinn von all dem fragen, was ihr gemacht und erreicht habt.

 

Warum also sollen wir werden wie die kleinen Kinder? Was ist das Besondere an ihnen?
In früheren Jahrhunderten hat man an dieser Stelle romantisierend von der besonderen Unschuld oder Reinheit von kleinen Kindern gesäuselt.
Das ist Quatsch, denn kleine Kinder können auch schon ganz schön bösartig sein und so eine Verherrlichung von Kindern lag der Zeit Jesu vollkommen fern.

 

Aber was ist es dann? Was können wir Erwachsenen von den Kindern lernen, um schon hier auf Erden als glückliche Kinder Gottes leben zu können?

Ich will vier Grundfähigkeiten ansprechen, die wir uns wieder aneignen sollten.

 

1. Anspruchslosigkeit.
Das klingt ziemlich schräg für Eltern, die damit fertig werden müssen, dass sich die Kinder brüllend auf den Boden werfen, weil Sie die Süßigkeit im Laden nicht bekommen. Aber kleine Kinder sind eigentlich ziemlich anspruchslos. Sie brauchen gar nicht so viel, um glücklich zu sein. Sie freuen sich über Dinge, die man ihnen schenkt. Natürlich stecken sie auch ständig voller Wünsche –jetzt sofort -, aber im Grunde sie sind mit viel weniger zufrieden als wir Erwachsenen.
Vor allem aber können sie auch wieder abgeben. Kinder, besonders kleine Kinder, schenken gerne – ohne dafür etwas zurück zu erwarten.
Wie anders sind wir Erwachsenen! Wir können oft nicht schenken, ohne dafür etwas zurück zu erwarten. Eine unserer größten Ängste ist es, von anderen ausgenutzt zu werden.
Uns fällt es schwer, von dem, was wir haben, wieder loszulassen. Es fällt uns schwer, materiell einen Schritt zurück zu tun und auf Dinge zu verzichten, die wir uns zuvor erlauben konnten. “Besitzstandswahrung” heißt das schreckliche Wort, das im Endeffekt die Ursache für die Zerstörung des Klimas und auch des sozialen Friedens in Deutschland ist. Keiner will abgeben, keiner einen Schritt zurücktreten.

 

2. Schwachheit und Hilfsbedürftigkeit.
Dass kleine Kinder schwach und hilfsbedürftig sind, ist offensichtlich. Sie können noch nicht all die Dinge organisieren und erledigen, die ihre Eltern für sie tun. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die Hilfe ihrer Eltern als Geschenk anzunehmen.

 

Und wir? Wir denken in Kategorien wie Stärke, Selbstsicherheit, Klugheit, Leistung. Wir wollen alles selbst machen und versuchen immer noch – obwohl wir es eigentlich besser wissen müssten – alles in der Hand zu haben.

 

Aber das Glück kann man nicht verdienen – man kann es nur empfangen, wenn man seine eigene Schwachheit und Hilfsbedürftigkeit anerkennt und sich beschenken lässt.
Also – lasst uns versuchen, vom Leistungsdenken loszulassen. Wir brauchen nicht immer so dazustehen, als ob wir alles alleine schaffen würden. Wir können ruhig auch einmal zugeben, dass wir nicht mehr weiterwissen.

 

3. Ein tiefes Bedürfnis nach Liebe. Kinder können ohne Liebe nicht leben. Wie oft kommen Kinder zu ihren Eltern und sagen ihnen, dass sie sie lieb haben? Wie oft fragen sie danach: “Hast Du mich lieb?”. Gerade dann, wenn es einmal einen kleinen Streit gegeben hat, kommen sie nach einer Weile an und möchten wissen, ob ihre Eltern ihnen noch böse sind. Wie wichtig ist es für sie zu wissen, dass ihre Mutter und ihr Vater sie wieder lieb hat. Das geht ihnen über alles – sie müssen lieben und freuen sich über Liebe. Das macht ihr Leben so schön und sorglos, denn Liebe ist eine der wichtigsten Quellen ihres Lebens.

 

Und wir Erwachsenen? Wie oft vergällen wir uns selbst und anderen unser Leben durch Lieblosigkeit, Härte, Schroffheit. Aber mal ehrlich: Macht eine offen und ehrlich ausgedrückte Zuneigung das Leben nicht auch für uns Erwachsene um vieles angenehmer?
Also, lasst uns versuchen, aufeinander unbefangen, offen und ehrlich, vor allem aber mit echter Liebe zuzugehen, als ob wir wirklich Geschwister wären. Was glaubt ihr, was das für eine Bereicherung für unser Leben wird!

 

4. Bedingungsloses Vertrauen: Kinder vertrauen ihren Eltern völlig. Wenn ihr Vater ihnen etwas gesagt hat, dann ist es für sie unumstößliche Wahrheit. Sie machen sich dann keine Sorgen darum, ob das auch wirklich eintritt. Nein – sie glauben fest daran. Deshalb müssen Eltern darauf achten, dass dieses kindliche Vertrauen nicht durch voreilige Versprechungen, die sie später nicht einhalten können, zerstört wird. Denn das Vertrauen in Gott hängt in einem hohen Maße davon ab, inwieweit ein Kind seinen Eltern vertrauen konnte.

 

Und wir Erwachsenen? Können wir noch wirklich vertrauen? Oder rechnen wir? Rechnen Wahrscheinlichkeiten aus? Alternativen – haben einen Plan B in der Tasche? Lassen uns eine Hintertür offen. Und notieren jeden Zweifel?
Wie vorsichtig nur lassen wir uns auf neue Menschen / neue Partnerinnen / neue Situationen ein? Immer nur mit gesicherter Ausstiegsoption. Aber so liebt man nicht! Aber so findet man kein Glück!
Also lasst uns versuchen, unsere Ängstlichkeit zu überwinden – und uns hinzugeben. Auch mal ins Risiko gehen. Und wenn es dann scheitert, dann ist wenigstens der Schmerz groß – aber auch der zeigt, wie lebendig wir sind.

 

Ich glaube man kann all dies, was wir von Kindern lernen können, in einem zusammenfassen:

Im Hier und jetzt leben! Einfach Da-Sein, Dabei-Sein; Erleben! Nicht gleich schon immer auch „weg sein“ – mit Gedanken, was das denn bringt / wohin das denn führt / oder was man davon für irgendetwas anderes gebrauchen kann.

 

Einfach nur jetzt in diesem Augenblich glücklich sein.

 

Lasst uns das üben. Und wir werden sehen, dass wir hier auf Erden ein wenig mehr vom Himmelreich erleben als bisher. AMEN


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