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Geistlicher Impuls für das Osterfest, 4. April 2021

von Pfarrer Thorsten Diesing

 

Liebe Gemeinde,
Ostern: das Fest der Freude, das Fest des Jubels! Christus ist auferstanden! Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Und wir kennen die Geschichten, die dazugehören und hören sie begleitet vom Osterjubel: Halleluja!

 

Corona hat alles verändert. Das tägliche Arbeiten, die gewohnten Routinen des Tages, das eigene Denken, Tun und Lassen - einfach alles. Corona hat auch unsere Gottesdienste verändert. Wir können das „Halleluja“ nicht gemeinsam singen.

 

In Zeiten von Corona vom leeren Grab, von der Auferstehung der Toten zu reden – das fällt mir schwer. Viel zu sehr ist man in einer umfassenden Karfreitagsstimmung gefangen - betrübt und ängstlich.

 

Natürlich bleibt Ostern ein wichtiges Fest. Das wichtigste sogar! Und die Botschaft vom leeren Grab ist auch in diesem Jahr wahr: "Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!" Genauso wahr wie in allen Ostergottesdiensten zuvor.
Doch in diesem Jahr geht einem dieser Satz nicht so einfach über die Lippen.
Obwohl: Ehrlich gesagt, leicht ist er nie zu sagen!

 

Wie sollte er auch, wo doch überall vom Tod die Rede ist – eben nicht erst seit Corona. Die älteren Menschen, die ich besuche: immer wieder reden sie von Krankheiten und Sterben. Die Beerdigungen Woche für Woche: Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub… Es traf Alte und Jüngere.

 

Und weiter geblickt: Bilder aus Geschichtsbüchern, aus der Zeitung, Bilder aus dem Fernsehen. Die Toten der Kriege der Welt. Das Elend und die Toten der Geflüchteten. Überall der Tod. Er hat die Macht. 

 

So war es schon in den vergangenen Jahren. Und im zurückliegenden Jahr? Erst die Corona-Bilder aus China, dann Italien, Spanien, Brasilien, USA usw. Militärfahrzeuge, die die Verstorbenen abtransportieren, Kühlcontainer vor den Friedhöfen, überfüllte Krankenhäuser, verzweifeltes medizinisches Personal, hilflose Angehörige… Und das nicht nur weit weg, sondern auch in unmittelbarer Nachbarschaft. Einfach furchtbar. Im vergangenen April hatte ich hier in Sankt Augustin doppelt so viele Beerdigungen wie in den Jahren zuvor. Und das war nur die erste Welle gewesen. Wie viele werden jetzt sterben?

 

Kann ich mich da wirklich ansprechen lassen? Kann ich es wirklich hören, wenn da einer sagt: „Ihr braucht euch nicht zu erschrecken“? So wie der junge Mann im weißen Gewand, der den Frauen in der Grabkammer begegnet.

 

Heute ist Ostern! Das Grab ist leer! Jesus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!

 

Die Frauen damals sind mit Zittern und Entsetzen davongerannt, weil sie das nicht wirklich hören konnten, weil es einfach nur unglaublich war.

 

Und ich? Und wir?
Wir laufen nicht weg! Wir kennen diese Geschichte ja schon lange. Aber hören wir sie deshalb besser? Verstehen wir das wirklich? Nicht nur mit dem Kopf, sondern von ganzem Herzen?

 

Da wird vom leeren Grab erzählt, dabei sind doch die Gräber voll. Seit damals hat sich kein Grab mehr geöffnet. Grab um Grab ist hinzugekommen.

 

Sind wir nicht müde geworden, gegen die Macht des Todes anzupredigen und anzuglauben?

Ja, der Tod hat die Macht. So scheint es jedenfalls im Augenblick. Aber in Wahrheit hat der Tod seine Macht verloren!

 

Vor 2000 Jahren, da lebte ein Mensch, der tat etwas Ungeheuerliches. Er stellte sich den Mächten des Todes in den Weg. Er machte Kranke gesund. Er gab den Menschen, die verzweifelt waren, neuen Mut. Er riss den Himmel ein Stück weit auf, damit man Gott besser sehen konnte.

 

Viele dachten damals für eine kurze Zeit: Da ist einer, der ist stärker als die Mächte des Todes. Der ist ein Mann Gottes. Doch dann machten sie kurzen Prozess mit ihm. Er wurde am Kreuz hingerichtet. Die, die an ihn geglaubt hatten, zerstreuten sich in alle Himmelsrichtungen. Der Tod hatte seine Macht wieder. Ein paar Jahre, und dieser Mensch wäre vergessen gewesen.

 

Doch es kam anders: Plötzlich sprach man davon, dass Frauen das Grab leer gefunden hätten. Einige behaupteten, dass sie ihn gesehen hätten. Schließlich verkündeten viele, dass sie dem Gekreuzigten begegnet seien. Und es begann sich eine regelrechte Protestbewegung zu formieren.

 

Eine Bewegung, die im Namen Jesu gegen die Macht des Todes protestiert! Eine Protestbewegung gegen den Tod überhaupt!

 

Und dieser Protest dauert an, bis heute. Und dieser Protest, der ist etwas komplett anderes, als die Macht des Todes einfach nicht wahrhaben zu wollen, zu verleugnen. Dieser Protest kennt den Schmerz und das Leid, er kennt den Tod und seine Macht. Aber er sagt: Das ist nicht die ganze Wahrheit! Denn dieser Protest hat den Gott des Lebens auf seiner Seite.

 

Wie geht es uns mit der Geschichte vom leeren Grab?
Empfinden wir nur Zittern und Entsetzen? Dann brauchen wir nicht weiter darüber zu reden. Aber wenn wir dem Tod die Macht streitig machen wollen, dann sollten wir vom leeren Grab reden!

 

Dann sagt es jetzt – oder in den nächsten Tagen – dann schreibt es, postet es: Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!

 

Die Osterbotschaft ist eine Protestbotschaft! Nicht gegen Corona, das ist geradezu läppisch. Die Osterbotschaft ist Protest gegen den Tod überhaupt.

 

Und das uralte Osterlied "Christ ist erstanden" ist ein Protestlied dazu:

 

Christ ist erstanden von der Marter alle, des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein! 

 

Amen.

 


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