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Predigt von Dr. Georg Schwikart zum Sonntag 30. Mai

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch.

Liebe Schwestern und Brüder,
Was die Welt in Atem hält ist seit über einem Jahr die Corona-Pandemie.
Das Virus befällt die Atemwege – und übertragen wird Corona ausgerechnet durch die Atmung! Deswegen tragen wir Masken, der Atem ist gefährlich … Dabei können wir ohne Atem nicht Menschen sein.

Grund genug, sich mit dem Atem zu befassen: Was sagt die Bibel über ihn – in mehr als einhundert Stellen der Heiligen Schrift? Auch in Liedern und Gebeten wird er erwähnt. Denn für Menschen, die an Gott glauben, ist die Atmung mehr als die Aufnahme von Sauerstoff:

 

Das Sinnbild für Gottes Lebensenergie,
die uns ins Dasein rief und erhält.

 

Das Thema Atmen passt wunderbar für eine Predigt am Trinitatisfest: Gott schenkt den Atem, zeigt sich uns in Jesus, einem atmenden Menschen, der durch einen Hauch Gottes Atem – den Heiligen Geist – weitergibt.

 

In Psalm 22 heißt es: „Seit dem ersten Atemzug stehe ich unter deinem Schutz; von Geburt an bist du mein Gott.“

 

Dabei wirkt Gottes Schöpferkraft natürlich schon viel früher aktiv; sie sorgt für die Entwicklung der Lungen im Menschen. Die Lunge transportieren mit der Atemluft den lebensnotwendigen Sauerstoff ins Blut – und fördern das Kohlendioxid wieder hinaus. Dafür müssen wir atmen: 12 bis 18 Mal in der Minute. Auf ein Leben hochgerechnet hunderte Millionen Mal.

 

Wir können eine Zeit lang ohne Nahrung auskommen. Ohne Wasser schon sehr viel kürzer. Doch ohne Atem werden wir nach zwei Minuten ohnmächtig; nach zehn Minuten setzt der klinische Tod ein.

 

Wenn die Bibel vom Atem spricht, meint sie aber viel mehr. Der zweite Schöpfungsbericht ist die Ur-Geschichte des Atems:

 

„Zur Zeit, als Gott, der HERR, Erde und Himmel machte, gab es auf der Erde noch keine Feldsträucher und wuchsen noch keine Feldpflanzen, denn Gott, der HERR, hatte es auf die Erde noch nicht regnen lassen und es gab noch keinen Menschen, der den Erdboden bearbeitete, aber Feuchtigkeit stieg aus der Erde auf und tränkte die ganze Fläche des Erdbodens. Da formte Gott, der HERR, den Menschen, Staub vom Erdboden, und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“

 

Im Mythos agiert Gott wie ein Töpfermeister. Er gibt dem aus Erde Erschaffenen etwas von sich selbst, seinen eigenen Atem. Erst dadurch wird er zu einem Lebe-Wesen. Es ist Gottes Leben, das in uns atmet.

 

Meistens ist uns das Atmen gar nicht bewusst. Doch dann und wann bleibt uns die Luft weg, stockt der Atem, müssen wir die Luft anhalten … Die verschiedensten Erfahrungen des Lebens umschreiben wir symbolisch mit dem Atem. Das Leben gelingt, wenn wir uns bewusstmachen, wer uns den Atem schenkt.

 

Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen … Der Atem fließt und fließt im Normalfall. Einfach so. Manchmal atmen wir bewusst ein, manchmal bewusst aus. Oder wir halten die Luft an – etwa zum Röntgen.

 

Für Situationen oder Zustände, in denen wir nicht normal und selbstverständlich atmen, verfügen wir in unserem aktiven Wortschatz über zahlreiche Benennungen. Da schnappen wir nach Luft, schnaufen, schnauben, keuchen, hecheln, japsen oder röcheln. Manchmal kriegen wir keine Luft mehr oder es geht uns die Puste aus.

 

Zum richtigen Atmen gehört der Wechsel von Ein und Aus. Die Lunge funktioniert über Unterdruck wie ein Blasebalg. Durch die Bewegung des Zwerchfells vergrößert sich das Brustkorbvolumen, die Lunge folgt der Dehnung und saugt Luft ein. Doch sie muss sie auch wieder abgeben. Die Luft will wieder hinaus, vor allem bei Anspannung. Das kennen wir auch bei emotionaler Anspannung: Wir seufzen bei Kummer, Trauer, Enttäuschung oder Resignation.

 

Das Ausatmen ist nicht weniger wichtig als das Einatmen. Würden wir immer nur einatmen – so endete das zwar nicht mit einem lauten Knall wie bei einem aufgeblasenen Luftballon, aber auch wir gingen zugrunde.

 

Ausatmen muss die Lunge, aber auch unsere Seele. Ein und Aus lautet die Devise. Aneignen und wieder trennen. In unserem Glauben ist es nicht anders. Einige Bilder und Vorstellungen passen nicht mehr zu unserer Lebenserfahrung. Es war gut und angemessen, sie einmal eingeatmet zu haben, doch es kommt die Zeit zum Ausatmen, damit frische Luft einströmen kann.

Nicht ohne Grund ist der Atem ein häufig verwendetes Symbol in Bibel und Glauben. Der Atem steht für Bewegung; Glaube ist keine Immobilie (also etwas Un-Verrückbares). Der Glaubende spürt mit jedem Atemzug, dass die Luft allein uns nicht am Leben hält – denn wir blühen auf, indem wir angehaucht werden.

 

Vom Atem Gottes erzählt die Bibel Zwiespältiges. „Durch das Wort des HERRN wurden die Himmel geschaffen, ihr ganzes Heer durch den Hauch seines Mundes“, heißt es im Psalm 33. – Gott muss nicht einmal etwas sagen, ein Hauch genügt. Oft spricht die Bibel von Gott als einem Machthaber, der nicht zimperlich auftritt, wenn es um sei


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