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Geistlicher Impuls für Sonntag, 6. Juni 2021

Nicht immer ein „lieber Gott“

Geistliches Wort für den 1. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrer Thorsten Diesing

 

Bestätigt und gelobt zu werden, das tut gut! Das tut mir gut! Das tut Dir gut! Das tut Ihnen gut! Optimistischen und angenehmen Träumen und Visionen geben wir uns gerne hin. Manchmal wiegen sie mich in den Schlaf, wie ein kleines Baby beruhigt wird durch die Stimme der Mutter: „Alles ist gut. Mach dir keine Sorgen. Schlaf, mein Kind.“

Und die Mutter redet so, auch wenn nicht alles gut ist. Auch wenn das Kind geweckt wurde durch den lauten Streit zwischen Mutter und Vater. Auch wenn die israelische oder palästinensische Mutter mit ihrem Kind Zuflucht vor den splitternden Granaten in einem Schutzraum gesucht hat – oder wenn die syrische oder afghanische Mutter in einem vom Regen durchweichten Zelt in einem Lager auf Lesbos sitzt. Alles ist gut!

Für den kleinen Säugling ist tatsächlich alles gut, solange nur die Mutter da ist, mit ihrer Wärme, ihrer Haut und der vertrauten Stimme. Und umso kleiner das Kind ist, umso besser wirkt die Beruhigung. Für ein Kind ist diese Besänftigung wahrscheinlich überlebensnotwendig; aber für uns Erwachsene?

 

Vielleicht kennen auch Sie Situationen, wo Sie eine Bedrohung, egal ob real oder nur vermutet - weggeschoben haben und lieber nur auf das Angenehme gehört haben: Es wird schon alles gut gehen! …

Menschen aller Zeiten laufen Propheten hinterher, die das große Glück mit dem geringsten persönlichen Aufwand verheißen. Die Stimme des Mahners bleibt jedoch oft die des einsamen Rufers in der Wüste.

Hören sie, wie Jeremia, selbst Prophet, seine Landsleute vor falschen Propheten warnt. Der Predigttext steht bei Jeremia im 23.Kapitel:

 

(16) So spricht Gott, der Herr der ganzen Welt: Hört nicht auf das, was die Propheten euch sagen! Sie betrügen euch. Was sie euch sagen stammt nicht von mir (erinnern Sie sich: das ist Gottesrede! Also: das stammt nicht von Gott!), sondern [das stammt] aus ihrer eigenen Phantasie. (17) Denen, die meine Weisungen nicht beachten, wagen sie zu versprechen: „Gott sagt, es wird euch blendend gehen.“. Und selbst denen, die ihrem eigensinnigen und bösen Herzen folgen, sagen sie: „Ihr habt nichts Schlimmes zu befürchten.“ (21) Ich habe diese Propheten nicht geschickt, sagt Gott. Ich habe nicht zu ihnen gesprochen und doch reden sie und berufen sich auf mich. (18) Aber keiner dieser Propheten hat je in meiner Ratsversammlung gestanden und von meinen Plänen gehört. Keiner von ihnen hat erfasst, was ich will. (23) Bin ich denn nur ein Gott, der nahe ist, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? (29) Ist mein Wort nicht wie Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt? (24) Meinst du, jemand könnte sich so gut verstecken, dass ich ihn nicht doch entdecken könnte? Es gibt keinen Ort im Himmel und auf der Erde, an dem ich nicht wäre. (25) So spricht Gott: „Ich habe das Gefasel dieser Propheten gehört. Aber alles, was sie vorbringen, ist Lug und Trug. (26) Wie lange soll das noch so weitergehen? Was haben diese Männer damit im Sinn, dass sie Lügen verbreiten und Hirngespinste?“

 

Harte Worte sind das!

Jeremia hat damals gegen falsche Propheten gewettert.

Gegen Berater des Königs, die nur gute Nachrichten überbrachten, die den König und andere über die drohenden Gefahren hinwegtäuschten.

Eine militärische und wirtschaftliche Macht sollte Israel werden; und was dabei im Weg stand wurde verschwiegen: Babylon und Ägypten hießen damals die Großmächte, die sich diese Unabhängigkeitsbestrebungen nicht bieten ließen.

Politisch hat Jeremia recht behalten: Jerusalem wurde erobert und die Bevölkerung in die Verbannung, ins Exil nach Babylon geführt.

 

Aber noch entscheidender als die politische Einschätzung und auch aktueller für uns heute ist der andere Vorwurf, den Jeremia hier macht: diese falschen Propheten machen falsche Aussagen über Gott.

„Bin ich denn nur ein Gott, der nahe ist, und nicht auch ein Gott, der fern ist?“

Jeremia wehrt sich dagegen, dass aus dem Gott der Liebe, der ‘liebe Gott’ gemacht wird. Der liebe Gott, der als Gewissensberuhigung dient. Der liebe Gott, der niemandem etwas tut; für den sich deshalb aber auch kaum noch jemand interessiert.

 

Dagegen setzt Jeremia die andere, oft verschwiegene Seite Gottes:

Gott ist auch der ferne Gott. Gott bleibt unberechenbar; er lässt nicht über sich verfügen. Von uns ist er nicht zu beeinflussen.

Das klingt zunächst sehr dunkel und kann sicher auch Angst auslösen. Das Wort „wie Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt“ ist bedrohlich, unheimlich.

 

Aber ich sehe darin auch etwas zutiefst Heilsames!

Erwachsenwerden mit Gott heißt auch, mit Schicksalsschlägen, mit Unfällen, mit Katastrophen und mit eigenem Scheitern und Versagen konfrontiert zu werden, und das dann mit Gott und seinem Segen zusammenbringen zu müssen.

Mit dem ‚lieben Gott‘ kommt man da schnell nicht mehr zurecht.

Der ‚liebe Gott‘ kann das doch nicht zulassen. Der ‚liebe Gott‘ passt nicht mit Krankheit und Tod zusammen. Aber Krankheit und Tod sind real. Daran scheitert oft der Kinderglaube: den nur und immer lieben Gott gibt es nicht!

Und an dieser Enttäuschung zerbricht dann oft die Beziehung zu Gott überhaupt, weil wir außer dem lieben Gott keinen anderen kennengelernt haben. Weder zuhause von den Eltern noch in der Kirche.

Dabei hat man doch auch als Christ oft das Gefühl, von Gott verlassen zu sein; und das sind dann schwere Zeiten.

Gut, dass das schon in der Bibel gesagt wird, dass Gott auch fern ist.

Das ist das Schwierige und für mich zugleich faszinierende am christlichen Gott: dass er sich nicht glatt verrechnen lässt.

 

Wie es gelingt, den Glauben zu bewahren und weiterzuentwickeln, dazu kann ich keine Patentrezepte geben. Das muss, glaube ich, jeder und jede für sich entdecken und durchleben. Ein wichtiger Schritt dabei ist aber, mit anderen im Gespräch zu bleiben über Gott, über unsere Erfahrungen und erst recht über unsere Zweifel an ihm.

Ich denke, die Kirche muss noch viel mehr lernen, dem Zweifel Raum zu geben, und der Erfahrung, dass man sich von Gott verlassen fühlt. Wenn wir wirklich glaubhaft von Gott reden wollen, dann sollten wir nicht nur von den Schokoladenseiten erzählen, von der großen Gewissheit. Dann sollten wir auch die Schattenseiten erwähnen: die Punkte, die uns schwerfallen, wo wir oft beinahe verzweifeln würden, und die wir auch vor uns selbst oft verstecken und verdrängen.

 

Unser Gott, der Gott der Liebe, erscheint uns oft unverständlich. Er verspricht uns mit seinem Segen uns nah zu sein wie eine Mutter, die sich über ihr Kind beugt: Alles ist gut! Und trotzdem machen wir oft die Erfahrung, alleingelassen zu sein.

Denn der Gott der Liebe, gibt uns Menschen auch den Raum eigene Schritte zu tun. Lässt uns die Freiheit auf eigenen Füßen zu stehen, Verantwortung zu tragen, Entscheidungen zu fällen. Oft ist das verdammt schwer, und wir wären lieber wieder klein, in den Armen der Mutter geborgen, und alles wäre gut.

Erwachsenwerden heißt: lernen, den Realitäten ins Auge zu blicken, sie auszuhalten und nicht wegzulaufen. Erwachsenwerden heißt, sich den Konflikten zu stellen, Leid zu verarbeiten, eine Krankheit anzunehmen, Trauer und Schmerz zuzulassen und auszuhalten. Es bedeutet auch, sich entscheiden zu können und zu müssen.

 

Der Segen, Gottes Nähe, wird damit ja nicht durchgestrichen. Im Predigttext heißt es gerade vom fernen Gott: Es gibt keinen Ort im Himmel und auf der Erde, wo ich nicht wäre.

Das heißt: wo immer ich bin, bin ich nicht allein. Auch in meinen Ängsten, auch in meiner Not und meiner Einsamkeit: Gott ist gegenwärtig. Auch wenn ich nichts von ihm spüre, selbst dann kann ich darauf vertrauen: ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.

AMEN

 

Gott, du gibst uns Rätsel auf.

Wir wollen an dich glauben, an den Gott der Liebe;

Aber wenn wir dich nicht erfahren,

dann geraten wir in Angst und Zweifel;

sei gerade dann uns nahe, wenn wir meinen, du seist fern.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. AMEN


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