Predigt zum Sonntag, 11. Juli 2021

Predigt zum 6. Sonntag nach Trinitats über Matthäus 28,16-20

Pfarrerin Angelika Hagena

 

Liebe Gemeinde,

„Mission“: Welche Assoziationen kommen Ihnen, wenn Sie dieses Wort irgendwo lesen oder hören? „Mission“.

- Bei mir springt als erstes ein kleines Warnlämpchen an: Vorsicht, mal schauen, wer da wen mit welcher Absicht missioniert. Was ist das für eine Gruppierung, für welche Inhalte steht sie, welche Methoden wendet sie an bei der Missionierung von Menschen? Dann ein zweiter, zwiespältiger Blick auf dieses Wort „Mission“.

Einerseits: Ohne Mission kann eine Kirche keine neuen Gemeindeglieder gewinnen und nicht überleben. Ohne die vom Geist erfüllte Schar der Jünger zu Pfingsten in Jerusalem wäre die Sache Jesu wohl schon hier an ihr Ende gelangt. Ohne die Missionsreisen des Apostels Paulus wären die Jünger Jesu eine jüdische Splittergruppe geblieben. Ohne Jesu Auftrag zur Mission und zur Taufe wäre man vielleicht von vornherein nur um das eigene Seelenheil gekreist.

 

Und andererseits: Was aus der guten Botschaft, dem Evangelium in der Geschichte der christlichen Mission geworden ist, beschämt an vielen Stellen zutiefst. Ich denke an Mission von germanischen Stämmen mit Feuer und Schwert, an die Züge der Kreuzritter, an Judenmission, die Jüdinnen und Juden vor die Wahl stellte: Taufe oder Tod, an die Mission von Kolonialherren mit gigantischem Überlegenheitsgefühl gegenüber den indigenen Völkern. 

Das Wort Mission ist für mich nicht mehr unbefangen zu verwenden, zu viel von dieser Geschichte schwingt immer schon mit.

 

Also, überlassen wir die Mission lieber evangelikalen Gruppierungen?

 

Das wäre schade, denn in Jesu Namen sind wir alle in die Welt gesandt. Unsere Welt braucht Jesu Worte, braucht seinen Frieden, braucht seine Hoffnung, braucht seinen Trost.

 

Daran erinnert uns der Predigttext für den heutigen Sonntag, der Ihnen und euch sicher bekannt sein wird. In der Lutherübersetzung ist er überschrieben mit „Der Missionbefehl“, in der Zürcher Bibel mit „Der Auftrag des Auferstandenen“ und in vielen Agenden wird er „Das Taufevangelium“ genannt:

 

Ich lese den Predigttext zunächst in der vertrauten Übersetzung nach Martin Luther, Mt 28,16-20:

 

Der Missionsbefehl (Lutherübersetzung)

16 Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. 17 Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. 18 Und Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. 19 Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

 

Und nun? Wie gehen wir heute mit diesem Auftrag Jesu um? Wenn wir lernen aus der langen Geschichte christlicher Mission, dann geht das am besten, indem wir erstmal gedanklich einen Knoten machen. Der Auftrag Jesu wird ganz fest zusammengeknotet mit der anderen Predigt auf dem Berg aus dem Matthäusevangelium, der Bergpredigt Jesu: „Selig sind die Sanftmütigen, selig sind die, die Frieden stiften, selig sind die, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden.“

An diese Worte gebunden und fest mit ihnen verknotet, will ich gerne Jesu Botschaft in die Welt tragen, will Licht, aber auch Salz für die Welt sein.

„Wer groß unter euch sein will, der soll euer aller Diener sein.“ Daran muss sich jeder Missionar und jede Missionarin messen lassen.

 

Die Bibelübersetzung „Die Bibel in gerechter Sprache“ versucht vor diesem Hintergrund, den alten Text noch einmal neu zu sagen - ohne die negativen und ambivalenten Beiklänge der christlichen Missionsgeschichte. Sicher entfernt sie sich damit weiter vom Urtext als der Luthertext, Übersetzung geht hier schon über in Auslegung, aber die ungewohnte Wortwahl kann helfen, Mission noch einmal neu zu entdecken.

 

Bibel in gerechter Sprache: Matthäusevangelium 28,16-20

16 Die elf Jünger wanderten nach Galiläa auf den Berg, auf den Jesus sie hingewiesen hatte. 17 Und als sie ihn sahen, huldigten sie ihm, einige aber zweifelten. 18 Jesus trat heran und sprach zu ihnen: »Gott hat mir alle Macht im Himmel und auf der Erde gegeben. 19 Macht euch auf den Weg und lasst alle Völker mitlernen. Taucht sie ein in den Namen Gottes, Vater und Mutter für alle, des Sohnes und der heiligen Geistkraft. 20 Und lehrt sie, alles, was ich euch aufgetragen habe, zu tun. Und seht: Ich bin alle Tage bei euch, bis Zeit und Welt vollendet sind.«

 

Zwei Gedanken finde ich in dieser deutenden Übersetzung weiterführend:

1. Mission heißt: sich miteinander auf den Weg machen und dabei voneinander lernen. In diesem Sinne hat auch die Auslandsmission unserer Rheinischen Landeskirche, die Vereinte Evangelische Mission (VEM) in Wuppertal 1996 grundlegend umgedacht. „United in Mission“ lautete das neue Motto. Seitdem arbeiten in allen Gremien kirchliche Mitglieder aus Afrika, Asien und Deutschland gleichberechtigt in der VEM zusammen. Mission soll sich von ihren kolonialen Wurzeln befreien und nicht länger eine Einbahnstraße sein. In den Grundsatzartikeln der VEM heißt es nun: Wir glauben, dass durch das Evangelium Gottes Kraft der Erlösung und Erneuerung wirkt. Darum

  • stärken wir einander in unserem geistlichen Leben und entwickeln und fördern evangelistische Projekte, um das Wort Gottes mit allen Menschen zu teilen und sie einzuladen, auf Christus zu vertrauen
  • ermutigen und unterstützen wir unsere Mitglieder dabei, voneinander zu lernen, wie Christen in respektvoller Weise Menschen anderen Glaubens begegnen können.
  • fördern wir gemeinsame Programme
  • fördern wir theologischen Austausch

So kann Mission durchaus mit neuen Inhalten gefüllt werden und für uns alle Bereicherung sein.

 

Und noch ein zweiter Gedanke aus der freieren Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache führt weiter, weil er auslegt und erinnert, was Taufe eigentlich bedeutet: „Taucht sie ein in den Namen Gottes, Vater und Mutter für alle, des Sohnes und der heiligen Geistkraft.“ Klar, klingt das erstmal ungewohnt, weil uns die anderen Worte so vertraut sind. Aber Taufe als ein Eintauchen zu deuten, finde ich hilfreich. Taufeltern ist dies besonders wichtig: Das Kind wird in Gottes schützende Gegenwart eingetaucht, ganz mit ihm verbunden. Und eigentlich ist ja jeder Gottesdienst, den wir im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes feiern, eine Erinnerung daran dass wir in diesen Namen hinein getauft sind: mit ihm von Tod und Sünde befreit und eingetaucht in seine Auferstehung. Gottesdienst als Eintauchen in die göttliche Sphäre finde ich auch ein schöne Vorstellung, wie ein kühles Bad im See. Der Alltag fällt von mir ab, ich bin ganz in Seiner liebevollen und erfrischenden Gegenwart.

 

Gottesdienst als Eintauchen. Dazu eine kleine Geschichte: Ein Gespräch, sonntags am Mittagstisch: „Sag mal ehrlich, was bringt es dir denn eigentlich, am Sonntag immer in die Kirche zu rennen? Weißt du überhaupt noch, worüber der Pfarrer heute gepredigt hat oder für was ihr da gebetet habt? Sind das nicht immer dieselben Lieder, die gesungen werden?“ - „Naja, so vieles merke ich mir wirklich nicht, manchmal ist es nur ein Gedanke oder ein Bild, das ich mitnehme. Aber stell dir mal eine Schüssel Wasser vor und ein Sieb. Mit dem Sieb kannst du sicher nicht viel Wasser aus der Schüssel schöpfen - und trotzdem verändert sich beim Schöpfen etwas: Das Sieb ist gereinigt und erfrischt - wie nach einem kühlen Bad im See.“

 

So ermuntert uns der Predigttext, immer wieder einzutauchen in Gottes Wort und Kraft zu schöpfen aus Jesu Zusage: „Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ - Und dann - im Sinne der Bergpredigt - erfrischt und fröhlich zu missionieren!

Und dabei - zum Schluss - eins nie zu vergessen, dass da auch die Zweifler und Zweiflerinnen ihren Platz finden unter der Jüngerschar. Haben Sie es eigentlich beim Hören des Predigttextes gemerkt? Inmitten bedeutungsschwerer Abschiedsworte Jesu steht da auch eine Gruppe von Zweiflern mit oben auf dem Berg. Vom allerersten Moment an gehören sie zur Gemeinde Jesu Christi dazu: „Einige aber zweifelten“ - auch an sie wendet sich Jesu Missionsauftrag. Auch sie sollen sich einbringen, mit Zweifel und auch mit Kritik. Denn menschlich und begrenzt ist unser christlicher Glaube von der ersten Stunde an, mal versetzt er Berge und weiß gar nicht wie ihm geschieht - und mal steht er wie der Ochs vorm Berg. Mal gelingen uns missionarische und überzeugende Worte und mal fehlen sie uns. Unser Glaube lässt sich in keine Hochglanzbroschüre fassen und nicht auf Linie trimmen. Mission ohne das Zulassen von Zweifel lässt zurecht das Warnlämpchen anspringen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

Fürbitten

Guter Gott,

wir bitten dich für uns alle, die wir getauft sind:

Erfrische und belebe uns immer wieder neu mit deinem guten Geist.

Lass uns dein Wort hören und immer wieder Neues daran entdecken.

Lass uns miteinander teilen, was wir davon verstehen.

Lass uns immer wieder zu Wegbereitern deines Evangeliums werden - in Wort und Tat.

Befreie unser Denken, wo wir zu engstirnig sind.

Lehre uns gütig zu sein, wo wir hartherzig sind.

Lass uns barmherzig sein mit unseren eigenen Zweifeln und denen anderer.

Zeige uns Wege, die zum Frieden und zu mehr Gerechtigkeit auf dieser Welt führen.

 

In der Stille bringen wir vor dich die Menschen,

die uns nahe stehen, und die Menschen, um die wir uns sorgen.

STILLE

 

Vater unser….


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