Predigt zum Sonntag, 12. September 2021

Predigt zum 15. Sonntag nach Trinitatis über Lukas 17,5-6: Von der Kraft des Glaubens

von Pfarrerin Angelika Hagena

 

Liebe Gemeinde,

kann der Glaube Berge versetzen?

vielleicht schmunzeln Sie jetzt und sagen: Nein, natürlich nicht. Ein solch starken Glauben habe ich - wie viele Menschen unserer Zeit - natürlich nicht. Ich lese gerne in der Bibel, ich gehe auch mal zum Gottesdienst. Aber an vielem habe ich auch so meine Zweifel  - und wenn ich so in meine Familie gucke, auf die Kinder, die nachfolgenden Generationen, da ist noch weniger Glaube, sie können mit der Kirche kaum noch was anfangen. Manche sind schon ganz ausgetreten. Wir leben eben  in einer sehr rationalen Zeit, die von wissenschaftlichem Denken geprägt ist. Da bleibt kaum Platz für den Glauben.

 

Kann der Glaube Berge versetzen? Vielleicht fällt Ihre Antwort auch so aus: Glaube, nun ja… Eigentlich bin ich eher Agnostiker, also letztendlich weiß ich nicht, ob ich überhaupt glauben kann, ob es Gott wirklich gibt und wieviel von dem, was in der Bibel steht, ich für wahrhalten soll. Rein verstandesmäßig spricht bei mir so manches gegen den Glauben. Aber ich halte es mit dem Philosophen Blaise Pascal und seiner Wette: Entweder es gibt Gott, dann habe ich ihm gehorcht, ihm vertraut und mein Leben in Liebe zu ihm und seinen Geschöpfen gelebt - oder es gibt Gott nicht, dann ist das traurig, aber dann habe ich immer noch mein Leben in Liebe nach guten Geboten in einer christlichen Gemeinschaft gelebt und am Ende nichts zu bereuen.

 

Kann der Glaube Berge versetzen? Vielleicht fällt Ihre Antwort aber auch so aus: Sie denken spontan: Na, klar kann der Glaube Berge versetzen! Ich war in einer wirklich tiefen Lebenskrise: etwa eine Scheidung oder der Tod eines geliebten Menschen, Burnout, eine lebensbedrohliche Erkrankung. Ich wusste einfach nicht mehr weiter. Da habe ich gebetet. Ich will nicht von einem Wunder sprechen, aber mit meiner zugeschnürten Kehle stand ich auf einmal wieder auf weitem Raum. Ich wusste auf einmal ganz klar, das ist nicht das Ende, das kann auch ein neuer Anfang sein.

 

Vielleicht ist es auch eine Mischung aus all diesen Antworten und Sie seufzen mit dem Vater des kranken Sohnes, der Jesus um Heilung bittet: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“, wie es in der Jahreslosung 2020 hieß.

 

Haben wir Glauben genug oder stecken wir gerade in einer großen Glaubenskrise?

 

Ich lese den für heute vorgeschlagenen Predigttext aus Lukas 17,5-6 :

 

5 Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Mehre uns den Glauben!

6 Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so würdet ihr zu diesem Maulbeerfeigenbaum sagen: Entwurzele dich und pflanze dich ins Meer! Und er würde euch gehorchen.

 

Liebe Gemeinde,

einen solchen Glauben, der einen Maulbeerfeigenbaum vom Land ins Meer versetzt, den habe ich nicht! Man kann sich spontan enttäuscht von diesem Text abwenden. Welch Überforderung! Welche Wunder erwartet Jesus da von den Aposteln und auch von uns in seiner Nachfolge? -  Und überhaupt, ich will Gott gar nicht so herausfordern, ich will gar keine Zauberin sein, die Bäume oder Berge versetzt. Wie war das noch damals, als Jesus in der Wüste vom Teufel versucht wurde, als der Teufel zu Jesus sprach: Stürz dich doch runter oben vom Tempel, wenn du glaubst, dass Gott seinen Engeln befohlen hat, dass sie dich auf Händen tragen. Da sprach Jesus: Es steht in der Schrift geschrieben: Du sollst den Herr, deinen Gott, nicht versuchen.

 

Man kann den Text aber auch ganz anders lesen, so dass er nicht zur Entmutigung, sondern zur Ermutigung wird. Dann sagt Jesus mit diesen Worten zu seinen Jüngern in der Glaubenskrise: Verlangt doch nicht so viel von euch! So ein klitzekleiner Glaube, und sei er nur so klein wie ein Senfkorn, der reicht Gott völlig! Daraus kann Gott etwas Großartiges machen. Darauf kann er sein Himmelreich gründen. Und mit solch einem Glauben könnt ihr am Himmelreich teilhaben. Und dann hat er vielleicht noch einmal hinzugefügt: Ihr wisst doch: Das Senfkorn ist das kleinste unter den Körnern. Wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, so dass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen. Gottes Kraft ist doch gerade in den Schwachen mächtig!

 

Letzte Woche hatten wir ökumenischen Pfarrkonvent mit den Sankt Augustiner Kollegen. Zu Gast der Bürgermeister Max Leitterstorf. Nachdem wir uns freundlich begrüßt und uns versichert hatten, dass uns allen eine gute Zusammenarbeit zwischen Kirche und Stadt sehr am Herzen liegt, fügte der Bürgermeister noch persönliche Worte an. Er sagte: Ich selbst bin Christ und die momentane Lage der Kirche geht mir sehr zu Herzen, die vielen Kirchenaustritte, die zunehmende Bedeutungslosigkeit von Kirche in unserer Gesellschaft. Die Lage ist doch sehr ernst. Ich habe das Gefühl, der Keller brennt, während wir noch im Wohnzimmer beim Kaffeetrinken zusammen sitzen. Da muss doch was passieren!

 

Ja, er hat recht der Bürgermeister, die Lage ist ernst für die Kirchen. Der Glaube, der Generationen von Menschen durch Freud und Krieg und Leid getragen hat, er scheint tatsächlich für immer mehr Menschen unserer Zeit überflüssig zu sein.

 

So vieles hat sich die Kirche schon überlegt, um gegenzusteuern: zuletzt unendlich viele digitale Angebote, Reform- und Optimierungsprogramme, Zukunftsräume, Effizienzsteigerung und Zeit fürs Wesentliche, professionelle Beratung, - allein - es fehlt der Glaube. Darüber kann man als Pfarrerin oder Pfarrer, als engagiertes Gemeindeglied verzweifeln und resignieren oder vor lauter Aktivismus schließlich im Burnout enden.

 

Oder man kann sich von unserem heutigen Predigttext ermutigen lassen und Gott bitten wie die Apostel damals: „Mehre uns den Glauben!“ Und uns von Jesus sagen lassen: Senfkornglaube reicht. Auch Jesus hat keine Bäume ausgerissen und keine Berge versetzt. Er hat eingeladen, dem kleinen Senfkorn Glaube zu vertrauen. Mit ihm haben wir teil an der ganzen Fülle der Gott offenstehenden Möglichkeiten, so dass am Ende die Vögel unter dem Himmel in den Zweigen nisten können.

„All eure Sorgen werfet auf ihn, denn er sorget für euch.“

 

Frust und Angst vor der Zukunft sind keine guten Ratgeber. Die Senfkörner, die wir haben, die sollen wir tapfer streuen, auch wenn der Wind uns entgegenbläst. Wir sollen uns nicht grämen, dass es nur Senfkörner sind. Nicht alles wird auf fruchtbaren Boden fallen, aber Gott schenkt auch immer wieder Wachsen und Gedeihen  - und das spüre ich deutlich auch in meiner Gemeindearbeit. Kinder kommen gerne zum Schulgottesdienst, Konfis liefern Beiträge, die mich wirklich begeistern, Konfi-Teamer sind zuverlässig und motiviert dabei. Eltern bereiten mit großer Sorgfalt die Taufe ihres Kindes vor, nicht weil es so Tradition ist, sondern weil es ihnen wichtig ist. Und ich glaube, so ähnlich ging es meinen Pfarrkollegen auch - da war keine Bestürzung nach der Brandrede des Bürgermeisters, sondern der Wille zu engagierter und kompetenter Arbeit, eine Offenheit auch für ganz neue missionarische Formen und Freude, an dem, was da wächst, aber zugleich auch die Gewissheit und Gelassenheit, dass Wachsen und Gedeihn in des Himmels Hand steht.

 

„Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.“ So hat der Liederdichter Paul Gerhardt es formuliert. Mit 14 Jahren hatte er schon Mutter und Vater verloren. Von seinen Kindern starben vier ganz früh. Immer wieder geriet er auch in große finanzielle Sorgen. So sind diese Zeilen kein billiger Trost, sondern tapfer erkämpfter und durchgehaltener Glaube.

 

Glaube ist von Gott geschenkter Mut zum Durchhalten, sagt eine Mutter, deren Kind lebensbedrohlich erkrankt war. Glaube ist der Mut zum Träumen, zum Hoffen wider alle Hoffnung, zum Aushalten und auch zur Stille, manchmal muss ein Acker auch brach liegen, bevor Neues wachsen kann.

Aus der Stille klingt ein neues Lied, nachdenklich, bescheiden, fragend, aber mutig. Über den Senfkornglauben, der aus Jesu Sicht mehr kann als Maulbeerbäume und Berge versetzen, nämlich ein Stück Himmelreich auf die  Erde bringen, über seinen persönlichen Senfkornkornglauben hat der Sänger Steve Earle ein Lied gedichtet: „God is God“. Ich lese zum Schluss meiner Predigt die deutsche Übersetzung:

 

„Gott ist Gott“:

Ich glaube an die Prophezeiung.
Manche Menschen sehen Dinge, die nicht jeder sehen kann.
Und dann auf einmal berühren sie dein und mein Geheimnis.

Und ich glaube an Wunder.
Etwas Heiliges brennt in jedem Busch und Baum.
Wir alle können lernen die Lieder zu singen, die Engel singen.

Ja, ich glaube an Gott, und Gott ist nicht wie ich.

Ich bin um die Welt gereist,
stand auf mächtigen Bergen und blickte über die Wildnis.
Nie sah ich eine Spur im Sand oder einen Diamanten im Staub.


Und wie sich unser Schicksal entfaltet,
darüber bin ich mir jeden Tag, der vorüber geht, weniger sicher.
Sogar mein Geld sagt mir, es ist Gott, dem ich vertrauen muss.

Und ich glaube an Gott, aber Gott ist nicht wie wir.

Gott - mit meinem kleinen Verstand - gleich welchen Namen ich anrufe
oder ob ich glaube oder nicht, es ist überhaupt nicht wichtig.

Ich empfange die Segnungen.
So dass jeder Tag auf der Erde eine neue Chance ist, gut zu werden.
Lass dieses kleine Licht auf mich scheinen und gegen die Nacht anleuchten.

Und noch eine Ahnung:
Vielleicht schaut jemand auf mich und fragt sich, wer ich geworden bin.
Vielleicht bin ich deswegen hier auf der Erde, und vielleicht auch nicht.

Aber ich glaube an Gott,
und Gott ist Gott.

 

So hoffen wir mutig und in Ehrfurcht auf Gott, der mit uns die Welt zu seinem Reich hin bauen will, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

 

Fürbitten

Gott, du willst mit uns die Welt verändern,

mit uns willst du dein Reich bauen.

Wir glauben und zweifeln,

packen es an -

und dann geht uns doch die Puste aus.

Schick uns deinen Geist und vergib allen Kleinmut.

 

Gott, du willst mit uns die Welt verändern.

Du suchst keine Glaubenshelden und -heldinnen,

sondern Menschen, die sich von dir in den Dienst nehmen lassen.

Mach uns bereit, lass uns deine Macht und Hilfe immer wieder erfahren.

So viele warten, dass dein Reich komme unter uns.

Gib uns ein waches Gespür, was wir als Christinnen und Christen tun können angesichts der Klimakatastrophe.

Lass uns vorangehen,

mutige Worte sprechen, wo es Not tut.

 

Gott, du willst mit uns die Welt verändern.

Komm in unser Schweigen, komm in unser Suchen.

Nicht wir haben das letzte Wort.

So lass uns hören, bevor wir reden,

hören die Menschen, über die wir alles zu wissen glauben,

weil wir sie sorgfältig in unsere Schubladen verpackt haben.

Lass uns hören die Fremden, deren Kultur wir so gut zu kennen glauben.

Lass uns hören die Schreie auf der Schattenseite dieser Welt.

 

Gott du willst mit uns die Welt verändern.

Lass uns nicht allein, gib uns deine Kraft und deinen Segen.

 

Vater unser….


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